Roggen und Weizen
Die dicke Lise
Ich hatte meinen Freund, einen ernsten, vierzigjährigen
Gutsbesitzer, auf einige Tage als lieben Gast bei mir.
Beide leidenschaftlich Natur und Jagd liebend, hatte
er sich bei mir eingefunden, um mit mir zusammen meine
Haide zu durchstreifen.
Eines Abends, als wir uns nach
der Erbsensuppe rauchend an den Kamin gesetzt hatten,
erzählte er mir:
»Mein Vater starb, als ich
sieben Jahre alt war. Meine tatkräftige, kluge
Mutter nahm sofort die Bewirtschaftung des Gutes in
die Hand. Sie erzog mich mit äußerster Strenge,
überwachte mich und meine Hauslehrer genau, regelte
meine tägliche Beschäftigung und ließ
mich bis zum achtzehnten Jahre auf Wittenmoor im Herrenhause
bei ihr wohnen. Dann machte ich als Extraneus an der
nächst gelegenen gelehrten Schule meine Abgangsprüfung
zur Universität. Aber ehe ich ins Leben hinaustreten
sollte, bestimmte meine Mutter, daß ich, um mich
von den geistigen Anstrengungen zu erholen, wie sie
sagte, ein halbes Jahr, vom Herbst bis zum Frühling,
auf dem Vorwerk Grönhude zubrächte. Von dort
sollte ich, nach kurzem Besuche von Berlin und Paris,
Heidelberg beziehen.
Ein wunderbarer Gedanke, mich noch
ein halbes Jahr auf das Vorwerk zu schicken. Zudem im
Winter. Langweiligeres gab es nicht. Aber ich gehorchte,
wie in allem, willenlos meiner Mutter.
Ich hatte ein paar rasche Wagenpferde
mitgenommen und fuhr mit diesen in zwei knappen Stunden
oft nach Hamburg. Hier hatte meine Mutter ausgedehnte
Bekanntschaft in den vornehmen Häusern. Es lag
durchaus in ihrem Wunsche, daß ich dort verkehre,
daß ich Konzert und Theater besuche. Ohne jede
Besorgnis, daß ich schlechte oder unpassende Gesellschaft
unter allen Umständen meiden würde, freute
sie sich über meine häufige Anwesenheit in
der großen Stadt. Und in Wahrheit, ich war zu
gut erzogen und besaß einen heftigen Widerwillen
gegen allen Schmutz des Lebens. Ich war ein reiner Mensch.
Meine wunderliche Verbannung nahte
ihrem Ende. Ich war voller Freude. Sollte ich doch nun
ins Leben hinaus.
Der März war gekommen. Ich
war wieder einmal nach Hamburg gefahren, und, nach dem
Besuch einer anregenden Gesellschaft, in mein Gasthaus
zurückgekehrt. Hatte ich mehr als gewöhnlich
getrunken, oder welcher Umstand bewog mich: genug, ich
ging wieder auf die Straße und kam, ziellos meinen
Weg verfolgend, bald in Stadtteile, die mir völlig
unbekannt waren. Ein hellerleuchtetes Haus, in das zahlreiche
Menschen beiderlei Geschlechts in lebhafter Bewegung
aus- und einzogen, veranlaßte mich näher
zu treten. Nach Erlegung eines kleinen Eintrittsgeldes
befand ich mich bald in einem Riesensaal. Ein großes
Orchester auf hochliegendem Balkone spielte. Im Saale
selbst drehte sich eine unabsehbare Kette von Tanzenden
in bacchantischem Taumel. Ich merkte sofort, daß
ich hier nicht zugehörig sei. Aber das gänzlich
Neue, einige rasch hinter einander getrunkne Gläser,
die vielen hübschen Frauengesichter ließen
mich auf dem Balle bleiben. Es war, trotz des gewesenen
Aschermittwochs, ein sogenannter Maskenball. Die Kostüme,
meistens alt, verschlissen, abgeschabt, waren augenscheinlich
alle in Trödlerbuden gemietet. Die vorgerückte
Stunde hatte von den Gesichtern schon die mehr oder
minder scheußliche Larve entfernt.
Während ich mich bald mitten
im Saale, bald in den Seitengängen, auf den Emporen,
am Schenktisch durchdrängte, war es mir vorgekommen,
als wenn unaufhörlich ein hübscher Page, ein
verkleidetes Mädchen, mich verfolge. Zu der schlanken
Üppigkeit paßte ein reizendes, blondes Gesichtchen.
Und plötzlich, ohne es zu wollen, saß ich
an einem leeren Tische der Schönen gegenüber.
Woher ich den Mut hatte, sie zu fragen, mit mir ein
Glas Wein zu trinken, weiß ich nicht. Mein Gegenüber
antwortete ohne Ziererei sofort, daß sie gerne
dazu bereit sei.
»Ich habe,« sagte sie,
»Sie schon seit einer halben Stunde verfolgt;
Sie kennen Hamburg nicht, ich sehe es Ihnen an.«.
»O doch,« antwortete
ich, und der guten Gewohnheit folgend, verbeugte ich
mich tief errötend vor ihr, und nannte ihr meinen
Namen: »Baron Bramstedt.«
»Ein Baron sind Sie,«
und dann, mich lächelnd betrachtend: »Wollen
wir nicht zusammen tanzen?«
Ich erwiderte artig, daß
ich nicht glaube, in dem ungeheuern Gedränge mit
ihr recht fortzukommen. Sie lachte wieder, den Hinterkopf,
in die Hände gelegt, zurückbeugend. Der Tanz
unterblieb.
»Wollen Sie auch meinen Namen
wissen?« Ich neigte verbindlich mein Haupt.
»Lise heiße ich, aber
sie nennen mich immer die dicke Lise.«
Trotz meiner Unerfahrenheit wußte
ich auf der Stelle, wen ich vor mir hatte. Ein unangenehmes,
fröstelndes, mich beklemmendes Gefühl rieselte
mir durch Seele und Körper. Aber sie war so jung,
so frisch. Sie konnte kaum siebzehn Jahre sein. Unmöglich.
Je länger ich sie betrachtete
und auf ihr heiteres Geplauder hörte, je mehr gefiel
mir das Mädchen. Mein Blut ging rasch durch die
Adern. Ich verliebte mich mit jeder Minute mehr. Eifersüchtig
zog sich meine Stirn zusammen, wenn ich bemerkte, daß
vorübergehende Herren ihr Worte ins Ohr flüsterten,
ja, sogar auf die Schultern klopften, und es kam mir
deshalb wie eine Art Erlösung vor, als sie mich
bat, sie bis zu ihrer Wohnung zu begleiten, sie habe
Kopfschmerzen und wünsche sich weg aus dem Lärm.
Und gleich darauf führte ich
den Pagen, der einen langen Mantel übergeworfen
hatte, durch leerer und leerer werdende Straßen.
Als wir endlich an einem großen vierstöckigen
Gebäude angekommen waren, sagte sie plötzlich,
still stehend:
»Hier bin ich zu Hause. Wissen
Sie, Herr Baron, kommen Sie noch einige Minuten in meine
Wohnung.«
Mein Herz pochte hörbar.
Wir stiegen zwei dunkle Treppen
vorsichtig hinauf. Überall lag tiefe Stille. Sie
hatte mir ihre Hand gereicht, und, vorsichtig tastend,
standen wir bald vor einer Tür, die sie mit einem
aus der Tasche gezognen Schlüssel öffnete.
Eine Ampel, die durch die rote Kuppel gedämpftes
Licht verbreitete, hing über einem runden Tisch.
Das Zimmer durchströmte ein feiner Wohlgeruch.
»Das ist mir zu dunkel,«
lachte sie, und entzündete zwei Kerzen.
»So, nun machen Sie sichs
bequem.«
Hatte ich auf der Straße
mich unbefangen mit ihr unterhalten, wurde ich hier
einsilbig und verlegen. Nie noch hatte ich in solcher
Weise in so vorgeschrittener Nachtstunde einem Weibe
gegenübergestanden.
Ich weiß kaum mehr etwas
zu erinnern, aber ich weiß, daß mich ein
nie gekanntes, mich unsäglich berauschendes Gefühl
in Strömen durchschütterte. Als ich durch
das Geräusch des werdenden Morgens erwachte, lag
des schlafenden Mädchens linke Hand, zur kleinen
Faust geballt, auf meiner Brust, als wolle sie niemals
mich freigeben. Ich mußte das süße
Gesichtchen betrachten. Und als sie dann plötzlich
die Augen öffnete und mich stumm lächelnd
ansah, verlor ich das Bewußtsein.
Die Ausrufer, Verkäufer auf
den Straßen, die wüste, laute Durcheinanderpreisung
von Kohl (der Hamburger schreit Kaul), Äpfeln,
Fischen, Kraut – Alles war still geworden. Die
Zwölfuhrmittagesser schafften schon wieder an der
Arbeit – und ich war immer noch in dem hübschen
Zimmer, das ich in später Nachtstunde betreten
hatte.
Von weitem sandte eine Drehorgel
das Miserere aus dem Troubadour zu uns. Lise und ich
saßen uns gegenüber. Wir saßen Hand
in Hand. Ich konnte nicht mehr meine Augen von dem schönen
Mädchen wenden. Sie sah mich an, sie lächelte
verschämt, dann fiel sie mir um den Hals und weinte.
Als ich sie beruhigt hatte, erzählte sie mir die
Geschichte ihres Lebens: Die Tochter einer Kellnerin,
die in spätern Jahren am Hafen eine böse Schenke
mit weiblicher Bedienung hatte, war sie in diesem Sumpfe
aufgewachsen und erzogen. Mit dem fünfzehnten Jahre,
von ihrer unnatürlichen Mutter an einen alten englischen
Kapitän verkauft, war sie, als sie ihre Schande
entdeckte, entflohen. Der Direktor eines Vorstadttheaters
nahm sie auf. Acht Taler monatlich konnten sie nicht
ernähren. Um sich zu zerstreuen und zu betäuben,
besuchte sie an ihren freien Abenden die zahlreichen
Tanzlokale.
Wie mir diese Erzählung ins
Herz schnitt. Die Orgel, die nur die eine Melodie zu
spielen schien, begleitete den traurigen Bericht; nun
verklang sie, unter unserm Fenster langsam vorbeigehend,
in die Ferne.
Die Nachmittagssonne fiel ins Fenster,
und ich, wie plötzlich erwachend aus einem süßen
Traume, erhob mich, um von ihr Abschied zu nehmen. Ich
versprach, am andern Morgen wieder zu kommen, aber da,
während wir uns glühend küßten,
zog plötzlich ein schwarzer Riesenvogel mit ungeheuern
Flügeln über den sonnigen blauen Himmel meiner
Liebe. Die strengen Augen meiner Mutter sahen mich schmerzlich
und verächtlich an: Du liebst ein solches Mädchen?
Jählings fielen meine Arme
von ihrem weißen Nacken. Die hehren, ruhigen,
blassen Götter des Stolzes, der Ehre, der Wohlanständigkeit
stellten sich, gepanzert, vor mir auf. Mit einem eisigen
Lebewohl wollte ich das Zimmer verlassen. Aber mit dem
Feingefühl des Weibes hatte Lise sofort erkannt,
was in mir vorgegangen war. Sie sank, wie vom Beil getroffen,
mir zu Füßen und umklammerte sie.
»Verlaß mich nicht:
vergib, vergib; rette mich. Ich liebe Dich, ich liebe
Dich, Hans . . .« und leidenschaftlicher werdend,
rief sie: »Und Du, Du liebst mich auch, Hans .
. . Verlaß mich nicht . . .« und während
ich starr auf sie hinabsah, erhob sie sich, von unten
scheu meine Augen suchend. Mein ganzer Körper zitterte
leise, als sie sich langsam an mir aufrichtete.
»Ich komme wieder,«
sagte ich tonlos; und schon im nächsten Augenblick
klinkte ich die Türe auf. Ehe ich sie schloß,
sah ich noch einmal in den Raum zurück, der mir
ein Himmel gewesen war.
Mit ausgebreiteten Armen, das Haupt
ein wenig auf die rechte Seite neigend, den Mund schmal
geöffnet, das große Auge leer auf mich geheftet,
stand die schöne Schlange inmitten ihres Paradieses.
Ich bin kein leidenschaftlicher
Mensch.
Wenn irgend ich konnte, habe ich
mir die Weiber ferngehalten; merkte ich, daß mein
Herz in lebhaftere Bewegung geriet durch eine Frau,
ein Mädchen, schleunigst machte ich mich auf die
Reise. Und ich habe mich wohl dabei befunden.
Nur einmal hat mir die Liebe eine
schlaflose Nacht gebracht mit solchen Schrecken, daß
ich sie nie vergessen werde.
Es war jene Nacht, als ich mit
dampfenden, zusammenbrechenden Pferden auf Grönhude
ankam.
Zu meinem Hausstande gehörten
außer meinem Diener ein altes Ehepaar Ralfs. Vater
Ralfs war Kammerdiener bei meinem Großvater gewesen;
nun lebte er sein »Altenteil« auf Grönhude.
Er und seine fast ebenso hochbetagte taube Frau führten
der Form nach meine Haushaltung.
Als ich vom Wagen aus mit einem
hastigen Sprunge die Treppe berührte, trat mein
Diener heraus, um mir behilflich zu sein. Ich sagte
ihm barsch, er solle den Kutscher anweisen, die stark
mitgenommenen Pferde erst umherzuführen, ehe sie
abgeschirrt würden. Er erwiderte mir, die beiden
Braunen könnten kaum mehr stehen, sie zitterten
so stark, daß . . .
»Tu, was ich sage,«
rief ich ihm erregt zu.
Mein Diener, der solchen Ton bei
mir nicht kannte, schlich sich, errötend, weg.
Nun trat ich in mein Zimmer; mir
folgte Ralfs, der mit der Geschwätzigkeit und den
Redewiederholungen des Alters eine Erzählung begann,
daß er sich heute den letzten Zahn ausgezogen
habe. Er habe einen starken Zwirnsfaden doppelt genommen,
um den Zahn gelegt, das eine Ende des Fadens um ein
Fensterkreuz . . .
»Höre auf, Alter, ich
habe Kopfschmerzen, erzähle mir morgen deine Geschichte
. . .« und ganz verwundert und kopfschüttelnd
zog er sich zurück.
Allein. Ich trat hastig ans Fenster
und öffnete es mit einem Ruck. Um mein heißes
Gesicht strich die köstliche, feuchte Luft des
Vorfrühlings. Als ich ins Zimmer zurückging,
merkte ich erst die Bemühungen meines gebrechlichen,
längst zum Totschießen reifen Teckels Männe,
die Freude des Widersehens durch Hinundherspringen und
schwaches heiseres Gebell kundzugeben. Ich nahm ihn
auf die Arme und liebkoste ihn. Aber meine Liebesbezeugungen
müssen so heftig gewesen sein, daß er, als
ich ihn niedersetzte, ganz gegen seine Gewohnheit mit
eingezogner Rute, statt mir als echter Teckel die Zähne
zu zeigen, auf sein Kissen kroch.
Allein! . . Und mit ausgebreiteten
Armen jagte ich auf und nieder. Ich schrie, ich wimmerte
wie ein mit Schmerzen behaftetes Tier. Oft hatte ich
schon die Hand an die Glocke gelegt: Die Pferde, die
Pferde vor. Zurück, zurück zu ihr! Aber dann
standen die blassen Gepanzerten mit wagerecht gehaltnen
Speeren vor mir, der Stolz, die Ehre, die Wohlanständigkeit.
Und wieder und wieder stürmte
ich auf und ab. Da fiel mir ein, was mich so oft getröstet:
ich setzte mich an meinen Schreibtisch, und die Stirn
scharf an den Rand legend, betete ich inbrünstig
zu Gott, er möge mir helfen. Und wirklich wurde
ich ruhiger. Da rief, zum erstenmal in diesem Frühling,
die Drossel aus der Ferne, aus dem Garten, und: »Lise,
dicke Lise,« schrie ich auf, und wieder war es
wie zuvor.
Die alte taube Frau Ralfs meldete
mir, daß mein Abendbrot bereit stehe. Ich verneinte
mit Kopf und Hand.
Längst hatte die Nacht dem
Tage den Vorhang vorgezogen. Mein Fenster stand noch
immer offen. Ich merkte die Kühle nicht. Ein bitteres,
häßliches, mit Gott und Allem murrendes Gefühl
kroch mir ins innerste Herz.
War das die vielbesungene, vielgepriesene,
die ewige Liebe, die ich fühlte? Die erste Liebe
ist keusch wie ein verstecktes Waldbächlein. Hatte
ich nicht oft gelesen, welch unsägliche Wonne die
erste reine Liebe mit sich bringe? Und nun? Ich hatte
mit der wilden Gewitternacht der Liebe begonnen, was
war es ferner denn des Reizes?
Und doch, und doch, ich liebe dich,
Lise; ich kann nicht von dir lassen. Das süße
Bild, wie sie, schlafend, die kleine Faust auf meiner
Brust hielt, als wolle sie mich niemals freigeben, ich
konnte es nicht aus dem Gedächtnis bannen.
Mitternacht war längst vorüber.
Ich hatte lange im Neuen Testament gelesen; die herrlichen
Worte des Erlösers waren Öl auf der wilden
See meines Herzens. Sie hatten mich wahrhaft getröstet.
Keine Angst, keine Beunruhigung gaben sie mir. Und schon
wollte ich zur Ruhe gehen, um, mit Gott, den Kampf am
andern Morgen fortzusetzen und zu siegen, als mir beim
letzten Blättern das hohe Lied Salomonis in die
Augen kam. Hatte ich als gläubiger Christ die naiven
Kapitelübersetzungen Luthers mit allem Ernst in
Zusammenhang gebracht mit dem Inhalt, so wurde ich nun
so berauscht von dem wundervollen Liebeslied des erlauchten
Dichters, daß ich in die höchste Aufregung
geriet. Zu ihr, zu ihr. Ich nahm meinen Hut und ging
aus dem Hause, um nach dem Stalle zu eilen, den Kutscher
zu wecken, daß er auf der Stelle anspanne. Aber
vor der Stalltür streckten mir wieder die blassen
Gepanzerten die Speere vor. Lautlos schlief die Natur.
Ich hörte das Scharren einer Kette, eine Kuh hustete,
ein Hahn krähte im Schlafe.
In den Wald. Dort find ich Ruhe.
Der Mond hatte eine dicke graugelbe Regenwolke übergezogen.
Ich lehnte mich an einen Buchenstamm.
In unermeßlicher Höhe schrien wilde Gänse.
Zuweilen knackte ein Zweig. Dann wieder Alles still.
Mein Gott, mein Gott, warum hast
du mich verlassen.
Und wiederum wanderte ich ruhelos
in meinem Zimmer auf und ab. Da fiel mir plötzlich
ein, daß einer meiner Hauslehrer mir geraten,
in tieferregter Stimmung die Selbstbetrachtungen des
Kaisers Mark Aurel in die Hand zu nehmen. Augenblicklich
holte ich sie aus meinem Bücherschrank.
Und wirklich, als ich mich in das
Buch vertiefte, kam endlich die ersehnte Ruhe. Gewiß
war sie künstlich, aber sie war doch gekommen.
Und mit langsamen Schritten hin und hergehend, überlegte
ich den folgenden, unnatürlichen, gezierten, abscheulichen
Brief, von dem ich noch heute eine Abschrift habe.
Ich schrieb.
Mein Fräulein.
Als ich gestern, von Ihnen veranlaßt,
Ihre Wohnung betrat, wußte ich nicht, daß
ich mich in die Netze einer Leichtsinnigen verfangen
hatte.
Durch Ihre gewiegten Künste
eingeschläfert, gelang es mir nicht sofort, mich
aus Ihren Armen zu reißen. Doch nun, nach langem
Kampfe (ich muß es gestehen), bin ich Sieger geblieben.
Sie werden es einsehen, daß
es mir meiner Stellung, meiner moralischen Gesinnungen,
meiner Erziehung nach nicht wohl ansteht, mich ferner
mit Ihnen zu beschäftigen.
Ich kann Ihnen nur anheimgeben,
sich mit Ihrem Seelsorger in Verbindung zu setzen, dem
es gelingen möge, Sie auf den rechten Weg zu führen.
Zweihundert Mark erlaube ich mir
ergebenst mitzusenden.
H. B.
Ich war nach Vollendung dieses
Machwerks auf meinem Stuhle eingeschlafen und erwachte,
als schon die Sonne durch die Scheiben schien. Ohne
mich zu besinnen, versiegelte ich den vor mir liegenden
Brief, steckte mir zu meinem Reisegeld noch zweihundert
Mark ein und fuhr nach Wittenmoor zu meiner Mutter.
Meinem Diener hinterließ ich die Weisung, meine
Koffer zu packen und mich um elf Uhr abends auf dem
Bahnhof in Hamburg zu erwarten.
Meine Mutter staunte, den plötzlichen
Entschluß meiner Abreise zu hören, billigte
ihn aber sehr, als ich ihr Andeutungen gegeben hatte.
Am andern Morgen rieb ich mir schon
die schlaftrunkenen Augen auf dem Lehrter Bahnhof in
Berlin.
Als ich acht Tage in Berlin gewesen
war, erhielt ich als Einlage in einem Briefe meiner
Mutter ein Schreiben, von dem sie mir sagte, daß
es bald nach meiner Abreise aus Grönhude eingetroffen
sei; nach der kritzlichen Handschrift der Adresse zu
urteilen, werde es ein Bettelbrief sein. Auch ich war
der Ansicht, und öffnete den Brief, wie man eben
ein Bettelschreiben aufbricht, halb gleichgültig,
halb neugierig.
Aber während des Lesens übergoß
Blutwelle auf Blutwelle mein Gesicht. Die Zuschrift,
unorthographisch, aber darauf achtete ich nicht, lautete:
Werter Herr Baron.
Ihren Brief den Sie mich zuschickten
habe ich mit tiefem Herzeleide erhalten. In mein junges
Leben da ich so viel Elend und Kummer hatte habe ich
nicht so sehr geweint da Ihr werther Brief ankam. Ich
möchte immer an Ihrer Seite gewesen sein da ich
Ihnen so sehr lieb habe. Ich wußte nicht da ich
Ihnen sah was die Liebe war. Aber da hat mein Herz geliebt
gleich als ich Ihnen sah in Meiners sein Lokal. Wenn
ich gewußt das ich Sie so gekränkt aber die
Männer sagen alle die dicke Liese sei so gut und
nett und Sie allein – ach lieber lieber Herr Baron
– haben mir nicht gemocht und liebe Ihnen doch
so sehr.
Ich sehe Ihnen nun nicht mehr im
Leben da Sie so stolz sind und denken Sie doch zuweilen
ich weiß es an Ihre dicke Lise die Ihnen so sehr
lieb hat und nun immer weinen muß.
Das Geld, – o warum schickten
Sie mich das – habe ich an das Matrosenkrankenhaus
in Jonas gegeben da mein Vater ein Steuermann soll gewesen
sein.
Es grüßt Ihnen mit so
betrübten Herzen
Achtungsvoll
Lise.
»Es hat denn doch Jahre gedauert,«
so schloß der Erzähler, »bis ich nicht
mehr an diesen Brief denken mußte.
Damals, als ich ihn in Berlin zuerst
las, wollte ich durchaus zurück zu dem armen Kinde.
Ein guter Stern, warum soll ich es nicht aussprechen,
hielt mich ab.«
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