Roggen und Weizen
Aus einem Gespräch
Aus einem Gespräch
Ist es nicht köstlich, ganz köstlich, langsam,
in dicken hohen Wasserstiefeln, mit aufgeschlagnem Kragen
durch den Frühlingsregen, der lotrecht herunter
fällt, zu gehen, zu schlendern? Es ist völlig
windstill, die Tropfen an den nackten Zweigen müssen
erst sehr schwer werden, ehe sie sich lösen. Die
Erde ist quappsig, sie bleibt an den Sohlen. Noch zeigt
sich der letzte Schnee an den Knicks, schwarzbraun durch
den Regen. Die Felder liegen noch brach. Sie erwarten
das einfallende Saatkorn. Die Schollen schließen
es ein, es wächst, es zeigt das Köpfchen,
es wird immer länger, die Julisonne bräunt
es, füllt es; nachts im heißen August hebt
das Erntekind die silberne Stirn aus dem Roggen, aus
dem Weizen, aus der Gerste . . . Der Schnitter kommt:
sonst fiele der Same aus, um von neuem zu befruchten.
Geborenwerden und Sterben. Ach, du alte Mutter Erde.
Ich trete in einen Erlenbusch, der mit Birken durchsetzt
ist. Beide Arten liebe ich. Sie haben nichts Prunkendes;
die weiße, zarte, oft zierliche Birke etwas Keusches.
Ich ziehe ein wenig die Schultern hoch, denn ich habe
den doppelten Tropfenfall auszuhalten: der zweite kommt
von den Ästen.
Und dieser feuchte kräftige Erdgeruch.
Mich an ein nasses, weißes Stämmchen lehnend,
schau ich in die weite Ferne vor mir. Es ist nichts
Erhabnes, keine Berge, keine Schlösser. Aber Alles
ist, sag ich richtig, gut und lieb. Durch die Regenbeleuchtung
ist es klar. Die Wälder dämmern überall.
Irgendwo steigt ein Rauch auf, meilenfern. Die Frühjahrswasser
blinken wie zahllose Seen. Einzelne Kirchtürme
der Dörfer sind sichtbar. Menschen auch dort. Menschen
mit schlagenden Herzen, mit gebückten Nacken, mit
von der Arbeit geborstnen Frosthänden, mit alledem,
was uns allen gemeinsam ist.
Es rauscht über mir; kleine Zweige brechen und
fallen zur Erde. Zwei Rabenkrähen umfliegen sich,
wollen bäumen, verjagen sich gegenseitig. Nun sitzt
der eine, krächzt, indem er unaufhörlich den
Hals in Schwung bringt, den Schwanz spreitet; dann wütende
Schnabelhiebe auf den Ast, auf dem er anhakt, austeilend.
Da ist der andre wieder. Wie die Augen glänzen!
wie sie aufeinander mit den furchtbaren Schnäbeln
losgehen. Ah so, die Liebe. Natur, Natur.
Ich bin roh genug, die beiden großen schönen
Vögel durch Händeklatschen zu verscheuchen.
Ein herrisches Gefühl hat mich dazu getrieben:
ich will Ruhe haben.
Aber wie Hohn auf den plumpen Menschen ist es, daß
im gleichen Augenblick zwei Buchfinken ansetzen: hört
der eine auf, beginnt der andere: Eifersucht. In der
Mitte sitzt die Finkin, dreht sich, putzt sich, wartet.
Ich muß lachen. Natur, Natur. In unendlicher Weite
fällt ein Schuß, kaum ist der Knall zu hören;
die schwere drückende Luft dämpft den Schall.
Der Regen hört auf. Ich wandre, schlendre, mein
Stock schleift hinter mir her; nun hab ich ein andres
Wäldchen erreicht. Die Aussicht ist ähnlich:
große Überschwemmung. Die Deiche, auf denen,
fein gegen den Himmel ausgeschnitten, Liliputaner gehen;
Busch, Wälder, Bauernhäuser spiegeln sich
im Wasser. Große Stille. Es ist so still, daß
allerlei Geräusch aus der Ferne an mein Ohr schlägt:
Hähnekrähen, die Kiebitze, Hundegebell, das
Weinen (mit Zwischenräumen) eines Kindes von einem
Gehöft her. Ein neben mir liegender großer
Haufen Schnee dampft; er ist so lange ungeschmolzen
geblieben, weil ihn ein starker Hainbusch, dessen Blätter
noch vom vorigen Sommer nicht abgefallen sind, geschützt
hat.
In dem Tälchen vor mir sehe ich ein Bauernweib.
Sie dreht mir den Rücken zu. Tief gebückt,
buddelt sie etwas aus der Erde, Kartoffeln, Rüben,
oder was immer hier hat den Winter überdauern müssen.
Ein junger Bauer schleicht heran und begrüßt
sie mit einem tüchtigen Handschlag. Erschrocken
sieht sie sich um, um sofort in ein derbes Gelächter
auszubrechen. Der Galan nimmt sie in die starken Arme,
und aneinander geschmiegt gehen die Beiden einem dichten
Tannenwäldchen zu, durch das ein schmaler Weg nach
dem Dorfe führt. Natur, Natur. Ob Frau von Hohenstiefel
das Pärchen unter die berühmten Liebespaare
aufgenommen hat, weiß ich nicht. Aber ah, über
mir, nicht zu hoch, stürmt eine Schar wilder Gänse
mit wüstem Gekrächz. Wenn ich ziehende wilde
Gänse sehe und höre, überfällt es
mich immer mit toller Sehnsucht: Freiheit, Freiheit.
Ihr Schreien, ihr Rufen, ihr rascher Flug ist nur die
Sehnsucht nach Futter. Natur, Natur. Der Hunger und
die Liebe, sagt Schiller.
Atemlos kommt ein kleiner Bursche mit heißen
Backen auf mich zugelaufen. In der Rechten hält
er ein Papier. Es ist eine Depesche für mich, die
mein Gastgeber, ein Gutsbesitzer, bei dem ich seit acht
Tagen der Schnepfenjagd wegen zum Besuche bin, mir herausgeschickt
hat.
Leider zwingt mich das Telegramm, sofort abzufahren,
um auf der kleinen Eisenbahnhaltestelle den nächsten
Zug abzuwarten, der mich wieder nach der großen
Stadt zurückführen soll.
Es ist recht ärgerlich. Noch gestern hatten wir
einen so unterhaltenden Abend am Kamin gehabt. Es war
auch, unglaublich, von der deutschen Literatur die Rede
gewesen. Ich lachte, als ich an die Äußerung
eines jungen, rotbackigen Gutsbesitzers aus der Nachbarschaft
zurückdachte. »Ah was,« hatte er gesagt,
»ich lese nicht viel. Aber was man so in den Kauf
nehmen muß in Zeitschriften und Zeitungen, ist
ja das ewige Geschwätz über Idealismus und
Realismus. Ich denke mir die Sache ganz einfach: Die
Idealisten sind die Kerls mit Fischblut, die Realisten
sind die Kerls, die die Mädels gern haben.«
Stürmische Heiterkeit.
Auf der Haltestelle hörte ich zu meinem Schrecken,
daß ich bis zum andern Morgen warten müsse.
Noch einmal zu meinem Freunde zurückzufahren, war
der Weg zu lang. So trank ich denn mit dem Wirte Grogk
und ging früh zur Ruhe.
»Also, Kellner, ich kann sicher sein, daß
die Nebenstube, Sie haben kein Zimmer, das nur einen
Eingang hat, diese Nacht nicht benutzt wird?«
»Herr Graf können versichert sein, daß
die Nebenstube nicht besetzt wird. Der Nachtzug, der
hier hält, bringt fast niemals Gäste.«
»Gut. Wollen Sie nicht vergessen, daß ich
rechtzeitig geweckt werde.«
Ich sah mich um im kleinen Raum. Die gleiche Nüchternheit
wie in allen ähnlichen Wirtshäusern. Über
einem uralten Klavier, dem vorne vor den Tasten eine
Taube von nachgeahmtem Glanzstein höchst geschmackvoll
und »sinnig« (beliebtes Kritikerwort) eingegraben
war, hing ein Fünfgroschenbild: Eine Unschuld hielt
ein Lämmchen in den Armen. Um beider Hals schien
ein gleiches Kettchen zu hängen. Darunter war gedruckt.:
Dies ist die liebe Mimi mein,
Bald wird es wohl mein Bräutchen sein.
Auf dem Deckel stand eine große Tasse mit der
liebenswürdigen
Inschrift: Ein schöner Bart, ein schöner
Mann,
Nimmt diese Tasse freundlich an.
Auf dem Deckel fand ich auch, zerstreut, zerrissene
Noten. Es waren Lieder von Abt und Kücken, diese
beiden für mich Fürchterlichen. Die versteht
das »Volk«. Aber Brahms, Schumann, Robert
Franz? Wann werden diese im »Volk« gesungen?
Ist das »Volk« jene »Seid umschlungen,
Millionen«-Abt-Kücken-Herde; ist das »Volk«
jene mit Läusen besetzte Masse Shakespeares? Die
wenigen Menschen, die für das »Volk«
Mitleid besaßen und besitzen, sind auf Thronen
wie in Ställen und Werkstätten geboren, nur
diese wissen, was »das Volk« heißt.
Und in tiefer, tiefer Liebe zum Volk finden wir wohl
ein Lächeln bei ihnen: halb Humor, halb unendliches
Mitleid: Bleibt bei Abt-Kücken, das andre versteht
ihr nicht. Bei Abt-Kücken seid ihr glücklich.
Noch während ich mich entkleidete, dachte ich
über den Begriff »Volk« nach, ob es
je auch nur annähernd eine Möglichkeit geben
würde, daß das »Volk« das bekannte
Huhn im Topfe hat, nicht nur Sonntags, sondern alle
Tage. Unmöglich, unmöglich; wir sind ja Menschen,
einander auffressende Menschen. Allgemeine Liebe, unmöglich,
also Unsinn, Unsinn.
Vor meinem Fenster hatten sich zwei Weiber aufgestellt,
die sich in ein endloses Gespräch vertieften. Das
war ja schrecklich; ich konnte nicht einschlafen. Nun
sagte die eine: »Nä, denn« (den) »meen'k
ja nich; dat is ja Hans ut Fiefbargen; ick meen Hans
mi de lütte Muusplacken.« (Muttermal).
Meine Geduld war zu Ende. Mir fiel ein Fähnrichsstreich
ein . . .Ich zog mein Hemd über den Kopf und machte
lange Ärmel. Dann trat ich ans Fenster. Bald entdeckten
mich die Redseligen und stoben mit furchtbarem Geschrei
auseinander. Ein zu empfehlendes Mittel.
Kaum aber hatte ich die Augen geschlossen, als der
Kellner mit zwei Gästen ins Nebenzimmer trat. Der
Nachtzug hatte also doch auf dem Haltepunkte Reisende
abgegeben. Ich fluchte innerlich. Aber was half es.
Die beiden Männer, wie ich merkte, denen der Kellner
Wein hingestellt, hatten, eifrig sprechend, im Sofa
Platz genommen. Bald schienen sie in ihren Ansichten
übereinzustimmen und glitten wie ein paar Balken
nebeneinander den Strom hinunter, bald wurden sie heftig
und stößig wie zwei eifersüchtige Ziegenböcke.
Da sie keine Geheimnisse redeten, so störte ich
sie nicht; ja, ihre gegenseitigen Meinungen vom Leben,
von so vielem im Leben, ließen mich ruhig zuhören.
Der gute Gabelsberg sprang in meine Bleifeder und ich
schrieb ihnen nach.
Am andern Morgen, Schneeverwehungen hatten plötzlich
unser aller Weiterreise verhindert, traf ich die beiden
Herren im Gastzimmer und machte mich ihnen bekannt.
Der eine von ihnen, ein Geheimrat, wie man zu sagen
pflegt, ein »hohes Tier« – ich bin
nicht recht klar geworden, welchem Zweige des öffentlichen
Lebens er angehörte – hatte in der Umgebung,
in den kleinen Städten, zu »revidieren«,
vielleicht die Amtsgerichte, Schulen oder Landratsämter,
was weiß ich. Der andre, wie er mir erzählte,
hatte nach langen Jahren diesen seinen Freund wieder
aufgesucht. Er hatte ihn mit der Reisetasche in der
Hand gefunden und war nun gleich mit ihm hierher gefahren.
Es schien mir ein sogenannter »Weltbummler«
zu sein. Beide waren würdige Herren, die das Leben
kennen gelernt hatten. Während ihrer Auseinandersetzungen
nachts hatte ich im Stillen bald diesem, bald jenem
Recht geben müssen, bald auch konnte ich mit keinem
von ihnen übereinstimmen.
». . . nun ja, das kannst Du Dir denken. Ich
war kaum einige Tage aus meinem alten, lieben Wittenhuus
angekommen, als meine Liebe wieder zum Vorschein kam.
Ich schrieb also, nein, ich telegraphierte meinem Buchhändler:
›Senden Sie mir umgehend das, was zur Zeit in
Deutschland gelesen wird. Ich war sechs Jahre draußen.‹
Bald darauf erschienen ungeheure Ballen mit Büchern.
Und ich fing an zu lesen. Aber eins nach dem andern
flog an den Ofen. Ich schrieb wieder meinem Buchhändler:
›Das ist ja alles unerhörter Wischwasch,
das albernste Zeug, das ich je gelesen habe. Senden
Sie Besseres.‹ Du kannst Dir vorstellen: vor sechs
Monaten wieder im Vaterlande angelangt, wollte ich mich
wieder anschmiegen an die alten Verhältnisse. Und
nun diese Bücher! Das letzte Jahr habe ich, um
Büffel und Bären zu jagen, bei den Kamatches
gelebt. Weiber, so viel ich haben wollte, der reine
Salomo. Und diese prächtige Gesundheit dabei: immer
im Zelt, im Wald. Und nun lese ich solche Bücher.
Wie hab ich gelacht.
Nach kurzem traf die neue Sendung ein. Mein Buchhändler
schrieb: ›Mitfolgend das Modernste. 16., 20.,
27. Auflage.‹ Nun, ich fing wieder an zu lesen.
Es waren langweilige Rittergeschichten und historische
Romane. Wie, was? Das ist ja ekelhaftes Schüsselwasser.
Ich antwortete: ›Halten Sie mich denn für
eine alte Tante, für einen Dütendreher, für
eine Geheimratstochter? Das ist ja Alles Lüge,
Lüge, Lüge, was ich jetzt in Händen habe.‹
Ich wurde ärgerlich: ›Ich bitte um Gedichte‹.
Einige Tage darauf stehe ich mit meinem Verwalter an
den Schweineställen, gewissermaßen in der
Jauche. Wir beide, über und über beschmutzt,
waren eben zurückgekehrt von meinem Tüt-Moor,
wo wir nach Goldregenpfeifern ausgesehen hatten. ›Was
ist das, lieber Frahm,‹ fragte ich plötzlich,
›der Himmel verfinstert sich ja zusehends?‹
Wir konnten es nicht begreifen. Vielleicht eine Sonnenfinsternis?
Ah, sieh da! Unaufhörlich hintereinander, bis an
die Wolken verpackt, rollte Wagen auf Wagen heran: die
deutsche Lyrik! ›Rosen und Veilchen‹, ›Das
süße Maßliebchen‹, ›Die
Lilie im Tau‹, ›Nelken verwelken‹,
›Perlen und Saphire‹, ›Sternlein hold‹
usw., usw. bis ins Unabsehbare. Merkwürdig, wie
bei Brause- oder Düngerfuhren lief das Wasser nur
immer so ab bei jedem Wagen. Merkwürdig, merkwürdig!
Wütend schrieb ich zurück: ›Glauben
Sie denn, daß ich hier im Irrenhaus sitze oder
Dienstmädchen geworden bin? Ich bitte um religiöse
Poesie‹. Sie kam. Aber welcher Brei, welche Süßlichkeiten.
Zum Satan damit. Und ich hatte mich gesehnt nach ähnlichen
herrlichen Kraftliedern, wie sie uns Luther, Paul Gerhardt,
Flemming geschenkt haben. Keine Kraft, kein Saft, kein
lautes, aus innerster Seele kommendes: ›Herr,
hier lieg ich‹, ›Herr, ich schrei nach Dir‹.
Nur den alten Karl Gerok nehm ich aus. Den lieb ich.
Ich hatte genug. Ich telegraphierte: ›Bleiben
Sie mir gewogen‹. Aber trotzdem kam ein neuer
Wagenzug, der letzte, aus der großen Stadt an.
Mein Buchhändler meinte: ›Die mitfolgenden
Bücher erlaube ich mir, Ihnen zur gefälligen
Einsicht zu überreichen. Ich wagte nicht, bisher
sie Ihnen zu senden. Vielleicht finden Sie etwas. In
Deutschland heißen die Verfasser: ›Die Jüngsten.‹‹
Ich fing noch einmal geduldig an, mich zu vertiefen.
Und ich muß sagen, – natürlich fand
ich nicht das, was ich suchte – ich wurde aufmerksam.
Es überkam mich Rührung und Mitleid. Ich sah
aus jeder Seite dieser »Jüngsten«,
daß sie mit Händen und Füßen heraus
wollen aus dem greulichen Teegesöff, aus den Bourgeois-
und Talmitöpfen. Ich jubelte laut auf. Selbstverständlich
war das Meiste unfertig. Aber ich muß Dir offen
sagen, ich habe in die Hände vor Freuden geschlagen:
der Mut war da. Freilich, freilich, bei uns in Deutschland:
dies ewige Schielenmüssen nach dem Staatsanwalt,
diese ewigen sonstigen Rücksichten, die bei uns
tatsächlich alles Sichausleben eines Schriftstellers
verbieten.«
»Daß Dir, lieber Freund, nachdem Du Dich
viele Jahre extra muros herumgetrieben hast, unsre Literatur
nicht gefällt, begreife ich bei Deinen Lebensansichten
vollkommen; nicht aber, daß Dich die sogenannten
›Jüngsten‹ begeistern können.
Ganz offen gesagt, diese ›Jüngsten‹
sind mir widerlich. Dieses Zolaabschreibenwollen, viel
Geschrei und nicht ein Fleckchen Wolle. Diese Herren
treten ja alle Ideale in den Schmutz; nichts ist ihnen
heilig mehr. Aber Gott sei Dank, kein Vernünftiger,
keine wirklich gute alte Zeitschrift beachtet sie. Und
dann, es ist ja unendlich spaßhaft, zu beobachten,
wie einer dieser Herren den andern von sich abzustreifen
sucht, wie alle schreien: Nein, nein ich gehöre
nicht zu denen. Wie heißt das Wort doch noch:
›Jeder dieser Schufte sucht den andern abzutun,‹
oder so ähnlich.«
»Nein, mein alter treuer Freund Franz, nicht
›Gott sei Dank‹, sondern ich halte es für
eine empörende Roheit dieser paar alten Zeitschriften,
wie Du sie nennst, daß sie die neue stürmische
Bewegung mit erhobner Nase übersehen und nicht
beachten wollen. Es hilft ihnen alles nichts, sie werden
müssen. Gradezu gemein sind die Kritiker einzelner
großer Tagesblätter, sowie sie einen der
›Jüngsten‹ in ihren Händen haben.
Ohne den, den sie besprechen, auch nur im Geringsten
zu verstehen, gehen sie ins Zeug, als wollten sie Deutschland
vor giftigem Geziefer schützen. Zuweilen spielen
sie auch die Sittenrichter. Das ist dann noch ekelhafter.
Nun, überhaupt: die Kritik in Deutschland . . .
ich schweige, ich schweige . . . Und grade, weil wir
zur Zeit diese jämmerliche Literatur haben, so
mußte auch diese Zeit ihre Erlöser finden,
und das sind die Jüngsten. Nach Wahrheit in der
Literatur lechzen wir; nach dem Unter-die-Füße-treten
dieser ganzen Lügenbrut, die uns die Alt-Weiberbücher
ohne Gewissen vor uns auf den Tisch legen. Und ist irgend
ein Buch, ein Aufsatz, ein Gedicht dieser Jüngsten
scheinbar noch so roh, ich bin begeistert, denn dieses
Buch, dieser Aufsatz, dieses Gedicht: sie alle sind
ein furchtbarer Schrei nach Wahrheit, nach Kettenabstreifung
der jammervollen Teewasserliteratur. Es liegt in der
Sache selbst und ist natürlich, daß, wie
bei jeder neuen Bewegung, vieles unterläuft, das
widerwärtig, übertrieben ist. Aber deshalb
eine Richtung verdammen, die die Wahrheit auf ihre Fahnen
geschrieben hat? Was Idealismus, was Realismus. Beides
vereinigt, ineinanderlaufend, so solls sein. Allerdings,
die Künstlerhand darf dann nicht fehlen. Wir werden
niemals den Begriff Idealismus, den Begriff Realismus
ganz haarscharf erklären können. Ob ich vor
mir eine sich im Dreck wälzende Sau mit ihren vierzehn
Ferkeln beobachte, oder den grünschillernden, prächtigen
Stern über meinem Scheitel: beide sind die Wahrheit,
sie sind. Und über der Sau (ja was lachst du denn?)
kann ich mir unter Umständen ebensogut die Aureole
vorstellen, wie einen Sonnenkranz über dem grünschillernden
Stern mir zu Häupten. Die Sterne werden geboren
und sterben, wie die Sau geboren wird und stirbt. Einen
Unterschied kennt die Natur nicht. Und das ist es; das
hat die neue Richtung emporgehoben: der schreiende Wunsch
nach Wahrheit. Bis zur äußersten Widerwärtigkeit
ist es bei uns gekommen: dies übersüßliche
Geschreibe, dies Geschreibe, als wenn es einzig und
allein nur fünfzehnjährige Mädchen und
Sekundaner auf der Erde gäbe. Wie viel Heuchelei
und Scheinheiligkeit ist dadurch großgezogen worden,
wie ja jeder Sinn aufgehört hat für alles
wahrhaft Große durch das Lesen dieser Eunuchenbücher.
Und noch einmal: Das war es, daß ein rauhes Hurragebrüll
seit einigen Jahren ertönt, daß alle alten
Weiber zusammenschrecken: heraus, heraus! Lieber, wenns
denn sein muß, durch Dreck und Jauche pantschen,
als das greuliche Zuckerwasser trinken.«
Es war einige Minuten still, dann fingen die beiden
Freunde an, über Politik zu sprechen. Bei diesem
langweiligsten aller Gegenstände schlief ich natürlich
sofort ein. Mein Kaiser und mein Vaterland sind mir
zwei heilige, unverrückbare Sterne. Aber alles
Parteigezänk ist mir in den Tod zuwider.
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