Letzte Ernte
Der Blanke Hans
De Blanke Hans« ward und
wird noch heute die Nordsee von den deutschen Küstenbewohnern
genannt. Mit der bösen Nordsee haben sie gerungen
und ringen sie noch. Viele Sturmfluten haben Unendliches
geraubt und vernichtet an Menschen und Tieren und Land.
Die großen Fluten wurden und werden erst ganz außer
sich, wenn der Ozean mehr Wasser als gewöhnlich nach
Norden geschickt hat mit dem Südwestwind, und wenn
dann, sobald diese Wasser »oben« sind, der
Sturm plötzlich nach Nordost dreht. Dann drängt
mit furchtbarer Gewalt die Strömung gegen die Deiche,
von Holland bis nach Jütland. Erst im vorigen Jahrhundert
sind die großen Winterdeiche (die See- und Außendeiche)
mit außerordentlichen Kosten und Steuerlasten errichtet
worden, »mathematisch« errichtet. Und seit
dieser Zeit haben wir nicht mehr von solchen Überschwemmungen
und Deichbrüchen gehört. wie sie sonst gang
und gäbe waren in früheren Zeiten. Die letzte
große Flut, die viele Menschenleben vernichtet und
viel Schaden angestiftet hat, war achtzehnhundertfünfundzwanzig.
Kurz vor dieser, einige Monate vorher, brach nur eine
Deichstelle durch. Während alle dabei waren, sie
auszubessern, kam die große Flut von achtzehnhundertfünfundzwanzig.
In der Nacht dieser »Vorflut«,
wie man sie wohl nennen könnte, wenn man sie zu
der großen Flut, die einige Monate später
einsetzte und alles überschwemmte, rechnen will,
in dieser Nacht war eine Gesellschaft bei dem Hofbesitzer
Bendix Clausen. Seine Werft, nördlich von der Elbe,
lag dicht hinterm Außendeich. Bendix Clausen hatte
zu einer Kindstaufe geladen. Als der Sturm gegen Abend
einsetzte und von Viertelstunde zu Viertelstunde wuchs,
gingen die Eingeladenen nach Hause. Alle suchten so
rasch wie möglich zu ihren Familien zu kommen.
Aber kaum waren sie unterwegs, als der Deich gerade
vor Bendix Clausens Werft brach. Alle, die jetzt noch
miteinander unterwegs waren, flüchteten sich zum
Hofbesitzer Harro Harrsen, dessen Haus just am nächsten
lag.
Hier mußten alle, da das
Wasser mit schneller Gewalt gekommen war, die ganze
Nacht mit dem Besitzer und den Seinen auf dem Boden
bleiben. Auch der Pastor, der mit der Gesellschaft geflüchtet
war, befand sich unter ihnen.
In der vom Halbmond beschienenen
Gegend konnten sie nur die wüsten Wogen sehen,
die Harro Harrsens Werft umtobten. Endlich kam der Morgen,
und die Geängstigten sahen, daß hie und da
in der Nachbarschaft einige Häuser eingerissen
waren. Als es immer heller wurde, ließ sich erst
erkennen, wer und was sich alles auf dem Boden aufhielt.
Es sah wild aus: Ein Durcheinander von Möbeln und
Hausgerät, einige Ziegen und Schafe, ein Papagei
in seinem Bauer, eine Wiege mit einem schreienden Kinde.
Und alles durchdrängt von den Menschen.
Frerk Frerksen und die Tochter
Harrsens, Merf Harrsen, standen bei Harro Harrsen an
der Luke und schauten ihn ängstlich an. Harro Harrsen
bog sich aus der Luke, mit der einen Hand die ihn Umdrängenden
zurückhaltend, und rief hinunter, indem er ein
Tau warf: »Fangt das Tau, Herr Landvogt!«
Als er sieht, daß der Landvogt das Tau in der
Hand hat, dreht er sich um und brüllt in den Raum:
»Ist der große Feuerhaken hier oben?«
Alle sehen sich um und suchen. Harro hält das Tauende
fest, das hin und her schwankt, als wenn sich unten
einer im stürmisch bewegten Boot festklammert.
Harro schreit: »Den Haken her, den Haken her!«
Und sich dann wieder aus der Luke beugend, ruft er nach
draußen: »Haltet fest, Herr Landvogt!«
Der Landvogt antwortet: »Schnell! Es geht nicht
mehr. Meine Kräfte verlassen mich.« Harrsen
wendet sich wieder zu den Menschen auf dem Boden: »Den
Haken! Den Haken!« In diesem Augenblick wird er
gefunden und an Harro gegeben, der wieder hinunterschreit:
»Der Haken kommt, Herr Landvogt, paßt auf!
Nun! Tau los!« Der Haken fliegt hinab. Es ist
totenstill im Kreise geworden.
Harro biegt sich hinaus. Dann,
sich aufrichtend, ruft er den Versammelten zu: »Gerettet!
Das war die höchste Zeit.« Im linken Arm
hält der Landvogt Cile (Cäcilie) Bollmann,
eine junge Witwe, die wie eine Tote den Kopf hintenübersenkt.
Mit letzter Anstrengung schlug der Landvogt den Haken
– die Rechte packte ihn im Fallen – ins
Fensterkreuz. »Wer ist bei ihm? Ich sah helfende
Arme«. Einer antwortet: »Tadema Frerksen.«
Merf Harrsen sagt: »Tadema? Tadema ist unten?
Ich will zu ihm.« Sie drängt nach der Treppe.
Aber einige verlegen ihr den Weg: »Bleib doch!
Geh nicht! Was willst du unten? Du kannst doch nicht
helfen.« Merf beruhigt sich: »Gut. gut!
Ich bleibe ja.« Sie geht abseits und steht in
Gedanken. Harro wendet sich in den Raum und fragt: »Wer?
Tadema ist unten?« Ein Greis erwidert ihm: »Sahst
du ihn nicht? Seit einer halben Stunde schon kam der
Tollkühne in einer Tonne hier an und blieb unten.
Wir schrien ihm doch alle zu.«
»Ach so. Der Sturm blies
wohl die Erinnerung aus. Aber was will er hier? Frerksens
Haus steht ja noch.«
»Frerk Frerksen ist unten
jetzt bei seinem Sohn. Er ging hinab, als du den Haken
warfst. Da kommt er.«
Auf der obersten Treppenstufe lärmt
Frerk: »Bringt Betten her und Decken.«
Harro: »Das schwimmt ja noch
alles unten. Bringt doch die Cile herauf.«
»Sie liegt in tiefer Ohnmacht.
Der Landvogt will, daß sie deshalb eine kurze
Zeit unten bleibt. Gebt nur Betten her. Die Flut spült
schon von der Haustür zurück. Wir können
bald die Boote unten aus den Fenstern lassen. In den
Zimmern ist kein Wasser mehr.«
»Gut, dann gebt an Frerk
Betten und Decken und Tücher.«
Alles wird Frerksen aufgepackt.
Mit ihm gehn einige die Treppe hinunter.
Harro bleibt an der Luke stehen
und schaut hinaus. Dann sagt er: »Die Flut sinkt
zurück. Bei Tannwarft, seht, zeigt sich schon wieder
die Krone des Deichs. Da muß der Durchbruch sein.
Der große spanische Dreimaster brennt noch. Er
sitzt quer durch Mumme Mummsens Haus.«
Harro wendet sich an den Pastor
und bittet ihn um ein Gebet. Der Pastor faltet die Hände
und sieht nach oben. Alle knien um ihn. Der Pastor betet:
»Herr, wir glauben, hilf unserm Unglauben. Im
Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war
wüst und leer, und es war finster über der
Tiefe; der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und
Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern,
und die sei ein Unterschied zwischen den Wassern. Und
deine Wasser, großer Gott, hast du wieder gesandt,
und die Feste hast du genommen. Und vieles hast du uns
genommen, unser Land, unser Vieh, unser Geschirr. Vielen
nahmst du das Haus. Und vielen nahmst du den Ernährer,
manchem sein Weib, seine Kinder, die von der Flut ertränkt
sind und nun im weiten Ozean treiben. Du hast es gegeben,
du hast es genommen. Dein Name sei gepriesen.«
Der Pastor hält etwas inne,
dann spricht er weiter, wie in Verwunderung, leise,
zag: »Herr, wenn wir nun auf unsere Werften kommen
und finden unsere Häuser nicht mehr, unsere Weiber,
unsere Kinder, beuge demütig unser Haupt und halte
unsere Zunge, daß wir nicht in Versuchung kommen,
dich, den Gerechten, zu lästern.«
Und noch einmal hält der Pastor
eine Minute inne, dann spricht er mit glänzenden,
freudigen Augen: »Und nun, Herr, gib neue Kraft
zur Arbeit, zum Aufbauen. Gib uns deinen Segen. Dein
Name sei gepriesen in Ewigkeit. Amen.«
In diesem Augenblick traf durch
die Luke ein schräger Sonnenstrahl, als wenn er
sich einen Weg durch die Wolken gesucht hätte.
Er blieb nur einige Sekunden. Alle hatten ihn gemerkt;
alle hat er getröstet.
Der Pastor rief wie ein Hellseher:
»Die Sonne, die Sonne! Gottes Auge hat uns gesehen!«
Und die Anwesenden schrieen: »Die Sonne, die Sonne!
Gott will uns helfen!«
Nun gingen alle die Treppe hinunter.
Nur Frerk Frerksen und Harro Harrsen blieben oben. Frerk,
der an der Treppe steht, ruft: »Harro!«
Harro, der noch an der Luke ist und hinaussieht, antwortet,
sich zu Frerk wendend: »Frerk, du bist noch hier?
Was willst du?« Frerk sieht finster vor sich hin
und spricht: »Ich bin nicht dein Gast. Nur die
Flut trieb mich in dein Haus, als ich gestern Abend
mit den andern bei dir vorbeikam; ich konnte meine Werft
nicht mehr erreichen.«
»Hab ich dir meine Schwelle
verweigert, Frerk? Hab ich dich ins Wasser gestoßen?«
»Harro!«
»Was willst du noch, Frerk?
Die Wege sind frei. Die Boote schaukeln schon an der
Tür; was steigst du nicht ein?«
Frerk geht auf Harro zu: »Deine
Hand will ich, Harro.« Er streckt ihm seine Hand
entgegen, die Harro nicht nimmt. Frerk spricht wie zu
sich: »Dein Weib ist längst begraben . .
.« Harro schreit wütend: »Was erinnerst
du mich!« Er geht auf Frerk zu, als wenn er ihn
packen will.
Frerk: »Gib mir deine Hand,
Harro.«
Harro: »Ich will nicht!«
Ihn anschauend: »Und unsre Felder? Unser streitiger
Grenzgraben, den du . . .«
Frerk leise: »Den hat Gott
diese Nacht zerstört. Diese Stunde ist heilig,
Harro. Gott hat es so gefügt. Gib mir deine Hand.«
Harro hält, wieder hinaussehend,
seine rechte Hand wie abwehrend und doch gebend nach
rückwärts: »Frerk!« Frerk ergreift
sie und sagt voller Herzlichkeit: »Ich halte sie
fest.«
Harro wendet sich zu ihm: »Die
Flut hats abgewaschen, die Flut hat alles weggetragen.
Wir wollen vergessen, Frerk.« Die beiden Männer
stehn sich Auge in Auge gegenüber. Frerk sagt gerührt:
»Vergessen . . . vergessen . . .« Harro
antwortet hart: »Keine Tränen, der Friese
weint nicht.« Aber Frerk antwortet: »Der
Friese ist ein Mensch wie alle andern. Neunzehn Jahre
sinds, daß wir wieder die ersten Worte miteinander
wechseln. Hier wollen wirs gleich besprechen. Unten
sind sie noch nicht fertig mit dem Einsteigen in die
Boote. Laß Tadema und Merf ein Paar werden. Sie
gehören zusammen. Der alte Streit wäre aus,
wenn unsre Kinder . . .« Harro meint: »Merf
liebt deinen Tadema, ich habs gemerkt.«
»Und Tadema deine Merf.«
»Halt! Das ist vorüber.
Die junge Witwe, Cile, hats ihm angetan.«
»Daß sie nie wieder
unsre Landschaft betreten hätte.«
»Daß die Flut sie diese
Nacht mitgeschleppt hätte.«
»Aber früher doch, ich
weiß es sicher, sahn sich Tadema und Merf heimlich;
sie hatten sich gern.«
Auf der Treppe, heraufsteigend,
erscheint Merf. Sie geht mit ringenden Händen an
die Luke. Frerk und Harro haben sie sofort bemerkt.
Merf spricht für sich durcheinander: »Tadema
liebt sie; er hat mich verlassen. Wenn er sich über
sie bog, ich sahs, ich sahs. Jedes Wimperhaar von ihm
wurde für sie zum Mantel. Wie er den Landvogt anschaute,
der ihr das Haupt rückte. Wie er die Stirn zog
gegen alle, die Cile zurechtlegen wollten. Und mich
hat er nicht einmal bemerkt. Kurz ist der Tod.«
. . . Merf beugt sich aus der Luke. Frerk und Harro
springen zu und halten sie zurück. Sie ringt, wie
abwesend, mit ihnen: »Laßt mich, laßt
mich . . .« Harro spricht auf sie ein: »Unsinnig
Mädchen du. Das heißt Gott versuchen, der
dich diese Nacht gerettet hat.«
In diesem Augenblick kommt Cile
die Treppe herauf, vom Landvogt und von Tadema getragen.
Cile ist ohnmächtig. Einige Nachdrängende
haben Betten in den Armen und legen sie hin. Der Landvogt
sagt: »Legt sie sanft nieder.« Tadema bittet:
»Lassen Sie mich nur allein, Herr Landvogt.«
Dann beugt er sich geschäftig über die bewußtlose
Cile. Merf Harrsen, die von ihrem Vater und von Frerk
an die Treppe geführt worden ist, reißt sich
los und fliegt auf Tadema zu, ihn umklammernd. Tadema
sieht sie verwundert an: »Du hier, Merf?«
Sie antwortet leidenschaftlich: »Komm mit hinunter;
ich bitt dich, komm.« Aber Tadema gibt ihr kalt
Antwort: »Ich habe hier mit einer Ohnmächtigen
zu tun; du bist gesund, Merf.« Da läßt
sie ihn los und bittet ihren Vater, sich an seine Schulter
lehnend: »Nimm mich mit, Vater. Ich bin hier überflüssig.«
Der Landvogt spricht dem mit seiner Tochter verschwindenden
Harro nach: »Ich schüttle Ihnen unten die
Hand. Kopf hoch, Harrsen!« Dann wendet er sich
zu Frerk Frerksen: »Das war eine Nacht, Frerksen!«
»Daß Sie hier sind,
Herr Landvogt! Nun dürfen Sie uns nicht verlassen.«
»Ehe wir den Deich so fest
haben, daß kein Durchbruch mehr möglich ist.
Jahre wirds dauern.«
Cile erwacht. Sie redet im Fieber:
»Der Balken stürzt . . . Mein Vater . . .
sein Blut rieselt . . . . Die Welle frißt mich,
sie hat Zähne . . . Mein Vater, mein Vater . .
. .« Dann schläft sie wieder ein.
Der Landvogt sagt zu Frerksen:
»Sie glauben nicht, wie furchtbar diese Nacht
war. Bis gegen Morgen hielt sich das Haus. Ciles Vater,
der alte Jansen, lag von einem Balken erschlagen. Es
gelang mir, das Boot auszusetzen. Cile sank wie tot
über ihren Vater. Ich konnte sie kaum aufheben.
Als ich mit ihr vom Hause abstieß, brach alles
zusammen; und die Trümmer schwammen mit uns. Ich
hatte genug zu tun, daß unser Boot nicht zermalmt
wurde. Neben uns, um uns Leichen von Menschen und Tieren;
und tausend Sachen. Da taucht die Leiche des alten Jansen
bei unserm Boot auf. Cile erwacht und sieht ihren Vater,
der mit den Haaren in der Krone eines Birnbaums hängen
geblieben ist. Sie ist wie wahnsinnig, will hinaus.
Ich schlage ihr die Stirn, und sie fällt wie leblos
neben mir im Boot hin. Ich sah Harrsens Haus, und es
gelingt mir, hierher zu kommen.«
Der Landvogt fährt fort: »Ich
war gestern bei der Strandauktion gewesen. Wer von uns
konnte denken, daß der Sturm so plötzlich
nach Nordwest drehn würde. Ich kam nur bis zu Jansens
Haus, weiter ging es nicht. Ich habe nur getan, wozu
mich Selbsterhaltung zwang. Daß ich Cile rettete,
ist ja selbstverständlich.«
In einem gut eingerichteten Zimmer
der Landvogtei saß die Frau des Landvogts Timm
Jaspersen, Klothilde Jaspersen. Sie hatte die Ellbogen
auf die Sessellehnen gestützt und die gespreizten
Finger gegeneinander gestellt. Ihr gegenüber stand
ihr Schwager Jeppe Jaspersen, Rittmeister im dänischen
Kürassierregiment Baron Löwenörn, der
für einige Wochen auf Urlaub eingetroffen war.
»Nimm es mir nicht für
ungut, liebe Klothilde,« meinte der Rittmeister,
»aber eure Landschaft ist fürchterlich. Wenn
du und Timm nicht hier wäret, ich wüßte
nicht, wie ich es aushalten sollte. Und ich bin doch
erst seit gestern da. Du, Ärmste, und Timm, ihr
seid nun schon über zehn Jahre auf diesem weltvergessenen
Fleck.«
»Ja, über zehn lange
Jahre, Jeppe.«
»Ist denn keine Möglichkeit,
daß sich Timm anderswo verbessern kann?«
»Nun, nach endlosen Bitten
und Überredungen hatte ich Timm so weit, daß
er in Kopenhagen seine Versetzung beantragen wollte;
da kam die Sturmflut, und nun will er nicht von hier
weg, bis der Deich geordnet ist. Und damit können
wieder Jahre hingehen.«
»Aber wie hältst du
es denn aus in dieser Einsamkeit? Ihr lebt, verzeih
mir die Frage, noch immer glücklich?«
»Sprechen wir von was anderm.
Ich habe mich noch immer nicht erholen können von
der schrecklichen Sturmflutnacht, wenn auch schon Monate
vergangen sind.«
Sie erhob sich, und beide traten
ans Fenster: »Hier stand ich die ganze Nacht,
die Hand aufs Herz gepreßt. Timm war nicht anwesend.
Ich verging in Angst um ihn. Du siehst die ganze Landschaft
vor dir: Wenns auch nur ein Deichbruch gewesen ist,
aber ich konnte doch während der Nacht einzelne
Brände sehen, die durch die Ratlosigkeit der Bewohner
entstanden sein mochten, weil sie bei dem überstürzten
Flüchten in die oberen Räume nicht acht gegeben
hatten auf Herd und Licht. Du siehst da das große
Wrack auf dem kleinen Hügel. Da lag das Haus Mumme
Mummsens. Es brannte. In dies brennende Haus sah ich
ein großes Schiff mitten hineinjagen und festsitzen.
Bald stand auch dies in Flammen. Es war ein spanischer
Dreimaster, der durch den gebrochenen Deich hineingefahren
ist. Ich sah, wie die Mannschaft auf dem Deck hin und
her rannte. Am andern Mittag endlich kam Timm zurück.
Wir grüßten uns; dann ging er, als wäre
nichts geschehen, auf sein Büreau, um zu arbeiten.«
»Wo denn«, fragte der
Rittmeister, »hat er die Nacht zugebracht?«
»Er war nachmittags zu einer
Strandauktion gegangen, die dort angesetzt war, wo später
der Deichbruch gewesen ist. Als er schon unterwegs nach
Hause war, überfiel ihn die Flut, und er kam noch
glücklich auf die Werft des alten Jansen. In der
Nacht wurde dieser von einem abstürzenden Balken
erschlagen. Timm rettete dann in einem Boot die Tochter
des Erschlagenen, eine junge Witwe, Cäcilie Bollmann
aus Berlin, die seit einem halben Jahr bei ihrem Vater
lebte. Über sie wird dir Harrsen Antwort geben
können.«
»Aber, liebe Klothilde, wer
ist Harrsen? Es ist unmöglich, daß ich schon
alle kenne in der Landschaft.«
Ein Diener trat ein und meldete,
daß Herr Harrsen und seine Tochter Merf bäten,
vorgelassen zu werden.
»Ich lasse bitten.«
»Quand on parle du loup«,
lachte der Rittmeister. »Gut, er kann mir über
die junge Witwe mitteilen. Es dämmert mir ein Abenteuer
auf.«
Frau Klothilde hatte noch Zeit
zu sagen: »Jeppe, nimm dich vor den Friesinnen
in acht.« Da erschien schon Harro Harrsen mit
seiner Tochter Merf.
Zuerst drehte sich das Gespräch
um die Sturmflut, und Harrsen erzählte, daß
sie nicht so schlimm gewesen sei.
Frau Jaspersen fragte, wie lange
es wohl dauern würde, bis der Deich wieder in Ordnung
sei.
Harrsen erwiderte: »Kein
Absehen, gnädige Frau. Eine neue Sturmflut kann
jeden Tag kommen. Wir sind erst sicher, wenn es keine
Sommerdeiche mehr gibt; wenn die Deiche für alle
Fälle schützen.«
»So werdens Jahre werden.
Doch wir sind abgekommen von Ihren Wünschen, Herr
Harrsen.«
»Es ist kurz gesagt: Meine
Tochter Merf möchte in Kopenhagen oder in Hamburg
in einer gebildeten Familie das Hauswesen lernen. Bis
nun die Abmachungen getroffen sind, war es ihr sehnlichstes
Verlangen, sich in der Landvogtei bei Ihnen, gnädige
Frau, umsehn zu dürfen, damit sie nicht zu unvorbereitet
in die Welt tritt.«
Klothilde ging mit Freuden auf
Harrsens Plan ein. Harrsen fragte nach den Bedingungen.
»Ich habe nur die eine,«
antwortete Frau Jaspersen: »Merf bleibt gleich
hier. Ich schicke nach ihren Sachen.«
Sie erhob sich. Während sie
sich mit Merf entfernte, bat sie Harrsen, ihrem Schwager
die Geschichte der jungen Witwe zu erzählen.
Harro wandte sich an den Rittmeister
und berichtete ihm: »Die Geschichte der jungen
Witwe Cäcilie – bei uns Cile genannt –
ist bald gegeben: Ihr Vater lebte in unsrer Landschaft
von einem kleinen Ruhegehalt. Seine Tochter Cile verheiratete
sich nach Berlin, wo sie schon nach einem halben Jahre
Witwe wurde. Sie zog dann zu ihrem Vater hierher, um
ihm die Wirtschaft zu führen. Sie hat es aber nicht
verstanden, sich bei uns und mit uns einzuleben. Die
Weiber sind eifersüchtig auf sie.«
»Da bin ich gespannt, sie
zu sehen. Wie ist ihr Ruf sonst?«
»Ohne jeden Tadel.«
Harrsen empfahl sich. Der Rittmeister ging ans Fenster
und sah seinen Bruder. Er dachte über ihn in diesem
Augenblick: Immer ernst, immer ruhig; so kenn ich ihn,
so lang ich denken kann. Als Knabe zog er sich in sich
zurück; und als Mann ist er so geblieben. Seine
einzige Freude, seine einzige Erholung ist die Arbeit.
Und seine einzigen Gedanken sind, wie er seinen Mitmenschen
behilflich, ihnen nützlich sein kann.
Der Landvogt trat ein: »Da
bin ich wieder.«
Der Rittmeister antwortete ihm
lachend: »Und du erlaubst, daß ich mich
gleich entferne. Offen gestanden, ich möchte eure
geheimnisvolle junge Witwe Cile Bollmann, die du aus
den Fluten rettetest, kennen lernen.«
Der Landvogt sah seinen Bruder
ein wenig verdutzt an.
»Ja, aber was machst du denn
für ein Gesicht, Timm? Da hab ich wieder meinen
moralischen Bruder. Du solltest dich freuen, daß
mir das Herz nach Abenteuern schlägt; ich wär
hier sonst verloren. Keine Unruhe, Timm; fürchte
nicht, daß ich Klothilden und dir Unannehmlichkeiten
machen werde. Addio!«
Der Landvogt blieb allein. Er stand
am Tisch und stützte seine Hand auf ihn. Seine
Gedanken gingen ihren unruhigen Weg: Ich kanns nicht
länger tragen. Und doch heißt es weiterleben.
Daß ich mir Cile nicht aus dem Kopf bringen kann.
Was sagt mein lieber Kaiser Marc Aurel? Behalte die
Gegenwart in deiner Gewalt!
Frau Cäcilie Bollmann wurde
gemeldet.
»Ich bin zu sprechen.«
Behalte die Gegenwart in deiner
Gewalt!
Cäcilie Bollmann, in tiefer
Trauerkleidung, trat ein.
»Guten Tag, Frau Bollmann;
womit kann ich Ihnen behilflich sein?«
»Ich komme, um Ihnen noch
einmal herzlich zu danken und (das sagte sie leiser)
um Lebwohl zu sagen.«
»Lebwohl zu sagen? Sie wollen
die Landschaft verlassen?«
»Ich stehe jetzt ganz vereinsamt
hier. Verwandte meines verstorbenen Mannes in Berlin
haben mir angeboten, zu ihnen zu ziehen.«
»Und wann wollen Sie reisen,
Cile?«
»Morgen.«
»Morgen schon? Wenn ich Ihnen
raten darf: Warten Sie noch, bis Ihre hiesigen Angelegenheiten
geordnet sind. Ich bin als Ihr Sachwalter bestellt,
und da wäre doch noch manches zu besprechen.«
»Aber ich möchte weg.
Es fällt mir schwer, zu bleiben.«
»Es fällt Ihnen schwer,
zu bleiben? Sie haben jetzt eine hübsche Wohnung.
Manches von Ihren Sachen ist aufgefischt und steht wieder
in Ihren Zimmern.«
»Und wie lange hätte
ich noch zu bleiben?«
»Das läßt sich
nicht auf den Tag bestimmen. Einige Wochen wirds immerhin
dauern.«
»Dann werde ich so lange
warten.«
»Nehmen Sie meine Hand als
Dank.«
»Als Dank?«
»Ja . . . sonst . . . es
würde mir Weitläufigkeiten verursacht haben.«
Der Landvogt ging mit ihr ans Fenster:
»Sehen Sie, wie die Landschaft von hier aus liegt.
Dort stand Ihr Haus.«
Cile weint. »Oh, bitte .
. . die Erinnerung . . . Vergeben Sie mir, daß
ich weine.« Sie nimmt eine Hand des Landvogts,
beugt sich darüber und küßt sie.
Da trat der Rittmeister ein. »Ich
störe in dienstlichen Angelegenheiten, bitte um
Entschuldigung.«
»Nein, nicht im geringsten,
lieber Jeppe.« Der Landvogt verneigt sich vor
Cile, die hinausgeht. Der Rittmeister macht ihr eine
tiefe Verbeugung.
»Alle Wetter, Timm, wer war
die Dame?«
»Das war Frau Bollmann.«
»Die junge Witwe? Ei tausend,
da will ich hinterher. Du, Bruder, hast kein Herz für
so was. Lebwohl.«
Der Landvogt bleibt allein und
sagt leise vor sich hin: Kein Herz dafür. Wenn
er mein Herz gesehen hätte, wie es mir bis in die
Halsadern schlug. Es traf sich gut, daß Jeppe
eintrat. Bei Gott, es hätte nicht viel gefehlt.
Und wie schwach ich gewesen bin, statt sie in ihrem
Entschluß zu bestärken, schon morgen abzureisen
. . .
Draußen wurden heftig gegeneinanderredende
Stimmen laut. Der Landvogt sah gespannt nach der Tür,
die plötzlich aufspringt: Frerk Frerksen zerrt
seinen sich sträubenden Sohn Tadema ins Zimmer.
Mit einem wütenden Ruck schleudert er seinen Sohn
von sich. Tadema bleibt mit nach unten gerichteten Augen
stumm stehen. Frerksen lärmt, ohne den Landvogt
um Entschuldigung zu bitten: »Vor die Obrigkeit
sollst du, du nichtsnutziger Junge du!«
Der Landvogt wendet sich den beiden
zu: »Aber Frerksen, welche Aufregung; was ist
vorgefallen? Vor allen Dingen bitt ich um Ruhe.«
Frerksen spricht leidenschaftlich
zum Landvogt: »Zu nichts ist er tauglich seit
der Sturmflut. Er arbeitet nicht, schaut in die Wolken.
Heut wars zu arg. Ich verwies ihm ernstlich seine ewige
Kopfhängerei. Da ging er gegen mich an. Fast wärs
zu Tätlichkeiten ausgeartet zwischen Vater und
Sohn. Der Cile läuft er nach.«
»Vater!«
»Liegt nachts vor ihrem Fenster.«
»Vater, ich bitt dich!«
Der Landvogt mengte sich jetzt
ein: »Das sind Sachen zwischen Vater und Sohn,
in die sich die Obrigkeit nicht einmischen kann.«
»Versuchen Sie es, Herr Landvogt!
Ich bitte Sie. Hat einer noch Gewalt über ihn,
sind Sie es. Um Verzeihung, daß ich so eingetreten
bin. Ich gehe. Sie werden meinem Sohn den rechten Weg
weisen.«
Und damit ging Frerk Frerksen und
ließ die beiden allein.
»Tadema!«
Aber Tadema bleibt in seiner trotzigen
Haltung, auf den Boden stierend.
»Tadema!«
»Herr Landvogt?«
»Willst du nicht näher
treten. Ich will dich nicht schelten. Sieh, dein junges
Herz ist getroffen; schwer. Es blutet. Du liebst zum
erstenmal. Du liebst Cile. Ist es nicht so?«
»Ja, Herr Landvogt.«
»Nun, Tadema, hat Cile dich
gern?«
Tadema kämpft mit seinen Tränen.
»Ich bin ihr gleichgültig.«
»Und nun kämpfst du
den ersten harten Kampf. Es dünkt dich unerträglich.
Aber du wirst nicht davon sterben. Allmählich kommst
du wieder zu dir. Ein Mittel nenn ich dir: Arbeite!
Es ist dazu wahrlich jetzt Gelegenheit bei uns. Hilf
deinem braven Vater. Zwing dich, an die Scholle zu denken,
an den Spaten, wenn du ihn in die Scholle stößt.«
Tadema schluchzt. Der Landvogt
legt seinen Arm um ihn. »Und nun höre, mein
junger Freund: In einigen Wochen verläßt
uns Cile. Dann wirst du frei sein.«
Und für sich sagte der Landvogt:
Dann sind wir beide frei.
Der Garten der Vogtei lag hinter
einem Innendeich. Das Landhaus stand von Rieseneschen
umsäumt. Auf einem Grasplatz war eine Sonnenuhr,
die die Jahreszahl 1711 trug. Auf dem Zeiger stand:
Una ex hisce morieris. (In einer dieser Stunden wirst
du sterben.) Auf den Deich hinauf führte ein schräger
Fußweg. Es war ein heißer Junitag. An einem
Gartentisch saßen im Schatten Frau Jaspersen und
Merf Harrsen, mit Stickereien in den Händen. Frau
Klothilde sagte zu Merf: »Nur zwei- dreimal im
Jahre haben wir hier einen schönen, stillen Tag
wie heute. Diese paar Tage sind dann immer wie eine
kleine Versöhnung für mich.«
»Ich kann es Ihnen nachfühlen,
gnädige Frau. Wir, die wir hier geboren sind und
die übrige Welt nicht kennen, fühlen uns wohl.«
»Wissen Sie, liebes Kind,
daß es heut gerade drei Monate sind seit der schrecklichen
Nacht.«
»Sie sollen nicht mehr an
die Sturmflut denken, gnädige Frau.«
»Und wenn ich tausend Jahre
alt würde . . . Es ist mir übrigens völlig
unerklärlich, wie schnell sich alles erholt hat.«
Hinterm Deich erklang eines Mannes
Stimme:
Du brichst ein dürres Ästlein,
Das ist so knospenleer,
Und reichst mir dann die Hände –
Wir sahn uns nimmermehr.
Klothilde und Merf horchten.
»Wer mag der Sänger
sein?«
»Der Herr Rittmeister?«
»Aber ich bitte.«
In demselben Augenblick erschien
der Rittmeister auf dem Deich und ging in den Garten
zu den Damen.
Klothilde rief: »Wahrhaftig,
du bist es!«
Der Rittmeister begrüßte
die Damen und sprach lustig: »Ach, wenn ich das
gewußt hätte.«
»Das ahnte ich allerdings
nicht von dir, daß du eine so hübsche Stimme
hast.«
»Und daß ich außerdem
der Dichter des Liedes bin«, lachte der Rittmeister.
»Wie? Dann mußt du
es gleich hersagen, als Strafe für deine Überraschung.
Und wie heißt die Überschrift?«
»Ja. wie solls denn heißen;
daran hab ich noch nicht gedacht. Halt, so solls heißen:
»Verbotene Liebe«.
Die Nacht ist rauh und einsam,
Die Bäume stehn entlaubt.
Es ruht an meiner Schulter
Dein kummerschweres Haupt.
Von den Deichen ebben die Wasser,
In die Ferne zieht der Feind,
Gleichgültig glänzen die Sterne,
Dein schönes Auge weint.
Du brichst ein dürres Ästlein,
Das ist so knospenleer,
Und reichst mir dann die Hände –
Wir sahn uns nimmermehr.
»Aber wie kommst du zu dem Gedicht? Ich bin erstaunt.«
»Soso, lala, ich erdachts
mir vorhin auf den Muscheln am Strande. Doch tu mir
den einzigen Gefallen und halte mich nicht für
einen Dichter. Der bin ich nicht. Aber ich habe großen
Hunger. Das macht eure Seeluft.«
»Willst du hier frühstücken
bei uns, dann wird Fräulein Harrsen alles herbringen.«
»Bitte, keine Umstände.
Ich geh ins Haus und esse drinnen.«
»Gut, ich habe alles für
dich zurechtgestellt. Du weißt ja, wo der Rüdesheimer
steht.«
»Tausend Dank! Übrigens,
ich bin bald wieder hier; dann müssen die Damen
einen Spaziergang mit mir machen. Es ist zu schön.
Aus jedem Kieselstein blitzen viele Sonnen. Wir haben
bald Hochflut. Die Welle ist so liebenswürdig,
heut ein Kindergeplauder zu plätschern. Also keine
Teufelei dahinter.« Dann ging der Rittmeister
ins Haus. In der Tür wandte er sich noch einmal
und rief den Damen zu: »Die Sonnenschirme bring
ich mit.«
Frau Jaspersen sagte ernst zu Merf:
»Ich weiß nicht, das Gedicht hat mir das
Herz beklemmt.«
»Oh, gnädige Frau, Sie
sollen nicht traurig sein. Alles, alles wird noch gut
werden.«
»Sie liebes Kind Sie, mit
Ihrem wunden Herzen, und trösten mich noch. Hören
Sie, Merf, wir wollen beim Spaziergang nachher mal bei
dem Hause von Frau Bollmann vorbeigehn. Ich kenne ihre
neue Wohnung noch nicht. Meinem Schwager brauchen wir
unsre Absicht nicht zu verraten. Der schwärmt für
sie und ist verliebt in sie; aber er nimmts auf die
leichte Schulter. Was ist es eigentlich mit dieser Person?
Ich höre, daß sie nach Berlin zu Verwandten
ziehen will. Was hat denn mein Mann immer in ihrem Hause
zu tun?«
»Er ist ihr Sachwalter und
hat deshalb manches mit ihr zu besprechen.«
Jeppe erscheint wieder. Alle gehen
nun den Deich hinauf, um ihren Spaziergang anzutreten.
Wie auf der Bühne im Theater
wars: Kaum sind die drei verschwunden, als die junge
Witwe den Garten betritt. Sie hat sie weggehn sehen
und weiß, daß sie allein im Garten ist.
Sie setzt sich in einen Stuhl und blättert im Buch
von Frau Jaspersen, schlägt es gleich darauf wieder
zu. Dann scharrt sie mit ihrem Sonnenschirm im Sande
vor sich. Sie sitzt ganz in Gedanken und hat es nicht
bemerkt, daß der Landvogt eben aus der Tür
getreten ist. Sie erschrickt. Der Landvogt bittet sie,
mit ihm auf sein Arbeitszimmer zu kommen, wo sie alles
besprechen könnten. Sie gehen dorthin.
»Was verschafft mir die Freude?
Ich ahne, daß Sie mich fragen wollen wegen des
Verkaufs Ihres Hauses. Nun, die Verhandlung ist angesetzt.«
»Ich wollte allerdings .
. .«
»Und so steht es bei Ihnen
fest, daß Sie uns für immer verlassen wollen?«
»Ja«
»Aber dann, wenn ich Sie
nicht mehr sehe? Es muß sein, Cile? Kein Ausweg
mehr? Machen Sie mir den Abschied nicht zu schwer. Nein,
nein, noch kein Abschied.«
Die junge Witwe weint.
»Fassen Sie sich . . . Wann
reisen Sie?«
»Morgen bestimmt.«
»Und alles um uns her steht
mitten im schönsten Sommertag.« Der Landvogt
nimmt ihre Hände und sagt leise: »Ich liebe
dich«.
Durchs offene Fenster klang des
Rittmeisters Stimme:
Du brichst ein dürres Ästlein,
Das ist so blütenleer,
Und reichst mir dann die Hände –
Wir sahn uns nimmermehr.
Beide haben den Vers gehört. Sie halten sich umschlungen.
Dann rafft sich der Landvogt zusammen: »Ich werde
alles in Ordnung bringen, daß Sie morgen reisen
können.«
»Ich danke, danke Ihnen.«
Sie geht weg. Der Landvogt zittert
am ganzen Körper.
Im Garten trifft der Rittmeister
Tadema Frerksen und fragt ihn: »He, wohin?«
»Ich wollte zum Herrn Landvogt.
Ich will mir einen Auslandspaß auf dem Büreau
geben lassen und dem Herrn Landvogt Lebwohl sagen.«
»Ich weiß nicht, ob
er zu sprechen ist. Wohin wollen Sie denn reisen?«
»In Hamburg will ich Matrose
werden.«
»Recht so! Immer hinaus in
die Welt. Bitte, sagen Sie mir: Ihr habt wohl selten
so heiße Tage wie heute?«
»Ja, solche heiße Tage
haben wir selten. Bald wird ein Gewitter heraufziehn.
Vielleicht ist es schon da in einer Stunde. Das wäre
nicht gut: diese Nacht haben wir Springflut. In kurzem
setzt der Westwind ein. Der Tütvogel ist unruhig.
Das kenn ich. Bringt das Gewitter Sturm und schlechtes
Wetter und dreht der Sturm dann nach Nordwest, fürcht
ich für unsre Landschaft; die Durchbruchsstelle
von der letzten Sturmflut ist noch nicht dicht.«
»Zum Kuckuck, ich habe keine
Lust, hier eine Überschwemmung mitzumachen.«
Es donnert schwach, dumpf vergrollend.
Beide horchen. Tadema sagt: »Da
ist es schon.«
»Kommen Sie nur mit mir hinein
zu meinem Bruder.«
Es donnert wieder.
Frau Klothilde steht allein in
ihrem Zimmer der Landvogtei, das im Dämmerlicht
des Gewitterhimmels liegt. Der Diener tritt ein.
»Sind im ganzen Haus Türen
und Fenster geschlossen, Johann?«
»Es ist alles besorgt, gnädige
Frau.«
»Aber wie ist es denn möglich,
daß das Gewitter so rasch aufkommen konnte? Vor
zwei Stunden saß ich noch im Garten. Haben wir
Südwestwind?«
»Westsüdwest; und es
scheint, als wenn er nach Süden drehen will.«
»Bitten Sie den Herrn Landvogt,
ich möchte ihn hier sprechen.«
»Der Herr Landvogt ist ausgegangen.«
»Ausgegangen?«
»Nur auf den Deich, wie ich
hörte, um nach dem Wetter zu sehn.«
»Dann bitten Sie den Herrn
Rittmeister und Fräulein Harrsen.«
Es blitzt und donnert schwach.
Klothilde geht unruhig hin und
her.
»Ich weiß nicht, welche
Angst mich überfällt. Es wird dunkler und
dunkler. Allmächtiger, nur nicht Nordost jetzt,
dann sind wir verloren. Welche Wassermassen uns schon
die Flut gebracht hat. Das Wasser will nicht zurück.
Springflut. Wenn doch Timm käme.«
Der Rittmeister tritt ein. »Da
bin ich, liebe Klothilde. Der Wind will mir oben mein
Turmzimmer abreißen.«
Klothilde zeigt mit dem Finger
hinaus. »Du siehst die Mühle dort?«
»Ja. Die Flügel laufen
wie rasend hintereinander. Wie Kinder, die sich haschen.«
»Südwestwind!«
»Ihr mit euern ewigen Wettergesprächen.
Weckt mich morgens Johann, so brüllt er mir Westsüdwest
in die Ohren, oder wie immer die Richtung ist.«
»Drehn sich heute die Flügel
nach Nordwest, seh ich unsern Untergang voraus.«
»Also sind die Windmühlflügel
unsere Schicksalskünder.«
»Wo Timm bleibt. Ich bitte
dich, Jeppe, sieh nach ihm. Er steht hinterm Garten
auf dem Deich. Sag ihm, daß ich mich schwer ängstige;
und bring ihn mit.«
»Ich gehe ihn holen.«
Merf Harrsen tritt ein.
»Sie haben verweinte Augen,
liebe Merf.«
»Ich bin betrübt und
froh zugleich. Johann sagte mir eben, daß Tadema
eben auf dem Büreau seinen Paß empfangen
und vom Herrn Landvogt Abschied genommen habe.«
»Armes Kind! und doch kann
ich Ihnen nur Glück wünschen, daß Sie
von der Pein erlöst sind. In einem Jahre, und werdens
mehrere, ist Tadema wieder hier und trägt dann
seine erste Liebe auf Händen. Und alles ist vergeben
und vergessen.«
»Wie Sie immer Trost für
andere haben, gnädige Frau.«
»Also das war die junge Witwe,
der wir vorhin begegneten, als wir zurückkehrten.
Ich hätte sie gern ganz nah gesehn. Sie blieb stehen
und schaute uns nach, so kams mir vor. Die ruhige, schlanke,
schwarze Gestalt, ich weiß nicht, kam mir vor
wie ein schlechter Engel, der die Flügel zusammengeschlagen
hat, um sich dann wieder unhörbar in die Wolken
zu heben, aus seinen Händen Tod und Unglück
streuend auf unsere Landschaft.«
»Auch Frau Bollmann wird
nun bald von hier abreisen.«
Es blitzt und donnert stärker.
Die Damen schrecken zusammen.
»Wo Timm und Jeppe bleiben!
Mein Mann ist ja nur auf den Deich hinter unserm Garten
gegangen.«
Ins Zimmer treten Timm und Jeppe.
»Hier bring ich dir, liebe
Klothilde, den Weggelaufenen. Ich fand ihn richtig auf
dem Deich. Die Arme hatte er ausgebreitet, als wolle
er das Meer beschwören.«
Der Landvogt lacht. »Nur
schade, daß sich die Wellen nicht an meine Zaubersprüche
kehren. Das Wetter wird mit jeder Minute schlimmer.
Sind Boten für mich eingetroffen?«
»Bis jetzt ist keiner gemeldet.
Timm, du willst doch nicht an die Deiche? Du kannst
uns doch jetzt nicht allein lassen?«
»Die Pflicht ruft mich. Ihr
werd ich treu sein bis zum Ende.«
»Die Pflicht ruft dich, Timm?«
»Die Pflicht befiehlt mir
einzig und allein. Das Leben Tausender habe ich zu verantworten.«
»Und mich . . .«
»Ich überlasse dich
dem Schutze meines Bruders und der Hausbewohner.«
Der Diener öffnet die Tür
und ruft: »Nordwest! Die Herren Harrsen und Frerksen
sind eben eingetroffen.«
Die beiden treten stürmisch
ein. Frerksen sagt: »Der Sturm nimmt heftig zu;
er hat nach Nordwest gedreht. Gefahr am Königskoogdeich!«
»Sind die sechshundert Mann,
die ich für den Fall bestimmt habe, an Ort und
Stelle?«
»Alles in Ordnung, Herr Landvogt.«
Harrsen meldet: »Aus der
Durchbruchstelle am Tetenbüllerdeich hat die See
die Ausbesserungen fast schon wieder weggerissen. Die
für diesen Fall bestimmten achthundert Mann arbeiten
mit aller Kraft daran, die Stelle noch auszufüllen.«
»Gut, meine Herren. Gehn
Sie voran. Ich werde gleich nachkommen.«
Alles geht aus dem Zimmer, nur
Klothilde und der Landvogt bleiben.
»Wenn je ein Funke Liebe
dein Herz für mich bewegt hat, Timm, so warte heute
mit mir!«
»Es geht nicht, Klothilde.
Die Pflicht über alles!«
»Bleib, o bleib! Ein Furchtbares
wird geschehen . . . Sonst sehn wir uns nicht wieder.«
»Lebe wohl, Klothilde.«
Der Landvogt geht aus der Tür.
Frau Jaspersen sinkt zusammen. Der Rittmeister und Merf
finden sie und bemühen sich um sie. Sie tragen
sie in einen Lehnsessel.
Frau Jaspersen erwacht und fragt
schwach: »Ist er wirklich weggegangen?«
Jeppe entgegnet ihr liebevoll:
»Das mußte er; er ist Beamter. Alle Augen
sehn jetzt auf ihn.«
Klothilde fragt noch einmal gedehnt:
»Ist er wirklich weggegangen?«
»Du mußt dich an diesen
Gedanken gewöhnen, liebe Klothilde. Auch dieser
Tag wird vorübergehn.«
Frau Jaspersen erhebt sich und
geht langsam ans Fenster: »Es wird ganz dunkel,
aber die Sterne scheinen nicht. Jetzt steht er am Deich.
Die Welle will wie ein wütendes Tier ins Haus,
wo die Lämmer sind. Die Lämmer hören
das Gebrüll des Löwen . . . Die wilde See
tobt gierig über alles hin. Nur die Woge sieht
die Woge; zischend spritzt sie an den Himmel, um alles
zornig zu löschen . . .«
Sie zeigt mit der Rechten in die
Landschaft; mit der Linken streicht sie sich das Haar
nach rückwärts. Plötzlich streckt sie
sich ganz hoch und schreit: »Da, da, das Haus
von Cile, umzingelt und umzüngelt von den Wogen
. . . Timm legt seine Arme um ihren Nacken . . .«
Klothilde fällt dem Rittmeister
und Merf ohnmächtig in die Arme. Das Fenster reißt
sich auf von einem scharfen Sturmstoß. Es blitzt
und donnert in einem fort.
Gleich, nachdem Frau Bollmann heimgekehrt
war, brach das Unwetter los. Sie konnte aus ihrem Fenster
die Gegend gut übersehen. Sie bemerkte, wie die
Menschen hin und her liefen, wie groß und nah
die Gefahr der Deichbrüche sein müsse. Das
Gewitter hatte endlich nachgelassen, aber der Sturm
wütete immer noch wie unsinnig und rüttelte
und schüttelte mit den Wellen an den Deichen.
Als die Nacht hereinbrach, stand
sie wieder am Fenster und schaute in die Dämmerung.
Noch immer waren die Deiche fest geblieben. Sie dachte
ohne Bewegung: Wie der Sturm mich beruhigt . . . Wie
die Wellen tanzen und neugierig in die Insel sehn. Wie
das Wasser über die Deiche spritzt, als könnt
es die Zeit nicht erwarten vor Ungeduld, den neuen Besitz
in sich aufzunehmen . . . Was laufen die Männer
durcheinander? Der Deich ist, wer weiß an wie
vielen Stellen, durchgebrochen. Jeder eilt nach seiner
Werft . . . Das Grab in den Wogen ist kein schlimmer
Gedanke für mich, ich kenne seit meinen ersten
Tagen das Meer . . . Wenn ich mit Timm sterben könnte,
an seiner Brust . . . Wenn er mir letzte Worte, Trostworte,
Liebesworte . . . Das Wasser schwillt, es dehnt sich
aus . . . Komm, Bruder Tod, und küsse mir das Herz
still . . .
Cile dreht sich um und sieht den
Landvogt, der eben eingetreten ist, vor sich stehen.
Er breitet die Arme aus. Cile fliegt mit einem Schrei
auf ihn zu. Der Landvogt legt ihr Haupt an seine Brust
und sagt: »Das Leben hat uns nicht vereint, nun
will es der Tod . . .«
Das Wasser dringt herein, alles
schwankt und wankt und geht unter.
Es ist völlig dunkel geworden.
Nur die wilde See ist sichtbar, die weißen Kämme.
Sonst ist nichts zu unterscheiden: kein Schiff, keine
Möve, keine Leiche, keine Trümmer. Nur das
Urmeer. Aus einem Wolkenspalt glitzert ein einziger,
böse funkelnder Flammenstern.
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