Roggen und Weizen
Der Buchenwald
Folgende Angaben befanden
sich in dem vom statistischen Bureau herausgegebenen
»Handbuch des Grundbesitzes im deutschen Reiche.
1. Das Königreich Preußen. Die Provinz Pommern.
1901«: »Acker und Wiesen 578 Hektare, Wald
98, Wasser 2. Summe: 678 Hektare. Name des Gutes: Restin.
Name des Besitzers: Heinrich Baron von Restin, Rittmeister
a. D. Grundsteuerreinertrag: 15 345 Mark.«
Das war eigentlich Alles, was man
über den Besitz und die Vermögensverhältnisse
des Barons wußte. Auszüge aus dem Schuld-
und Pfandprotokoll waren nicht zu erlangen. Die Protokollata
lagen verschlossen auf dem Amtsgericht. So mußte
sich die nachbarliche Teilnahme, Teilnahme ist fast
in allen Fällen Neugierde, damit begnügen,
vielerlei Gerüchte über die Finanzen des alten
Herrn zu hören und zu verbreiten. Das wußte
man sicher, so einfach der Alte wirtschaftete, so verschwenderisch
mußte, nach den großen Summen, die er verbrauchte,
zu urteilen, sein einziger Sohn, der als Oberleutnant
im 6. Garde-Regiment zu Fuß in Berlin stand, leben.
Der Rittmeister Heinrich Hasso
Baron von Restin war der Sohn eines preußischen
Majors. Der früh Verwaiste stand dann unter der
Obhut einer energischen und praktischen Mutter. Durch
das Andenken an seinen Vater bewogen und einer Familien-Überlieferung
folgend, trat Heinrich Hasso, nachdem er eine gute Prüfung
bestanden, in das Regiment seines verstorbenen Vaters.
Die lange Friedensperiode jedoch und das langweilige
Leben in einer mausefallenkleinen Garnisonstadt veranlaßten
ihn, um seinen Abschied zu bitten. Ehe er den Steigbügeltrunk
an die Lippen setzte und mit Tränen von seinen
Kameraden und seiner Schwadron Abschied genommen, hatte
er geheiratet.
Wir haben ein hübsches Wort
in unsrer Alltagsprache: »Er trägt seine
Frau auf Händen.« Mit vollem Rechte konnten
dies die Menschen vom Rittmeister behaupten, der in
denkbar glücklichster Ehe lebte. Ziemlich heruntergekommen
durch das jahrelange Einerlei in der kleinen Landstadt,
taute er nun erst, er stand bereits in den Vierzigen,
an der Seite seiner klugen und gebildeten, kaum zwanzigjährigen
Frau, auf. Neigungen, Bevorzugung einzelner Fächer
menschlicher Tätigkeit und menschlicher Gedankenarbeit
in ihren Resultaten, kleine Liebhabereien für dieses
oder jenes Lebensnützliche oder Angenehme, traten,
von seiner Frau gewissermaßen in ihm entdeckt
und in stiller Weise gehegt und gepflegt, hell zu Tage.
Gleich im ersten Jahre ihrer Ehe
waren sie nach Italien gegangen und hatten in Rom und
den nördlichen Städten sechs Monate, bis in
Deutschland der Frühling ganz eingezogen war, gelebt.
Eine Fülle neuer Eindrücke war ihnen hier
auf allen Wegen entgegengetreten.
In einer warmen Juninacht, einer
Nacht, wie sie uns Eichendorff in seinen Liedern mit
so vollendeter Meisterschaft gezeichnet hat, trafen
sie wieder auf Schloß Restin ein. Nachdem der
Tee genommen war, standen sie am offnen Fenster des
Arbeitszimmers des Rittmeisters, das nach der Rückseite
lag, und sahen in die Gartenruhe hinaus. Hinter dem
Park, im Halbkreise, wie eine feste Mauer den Park stark
begrenzend, in Wirklichkeit liefen Garten und Wald ineinander,
dunkelte ein herrlicher Buchenforst. Nicht nur im Kreise,
sondern in der ganzen Provinz war er wegen seiner Schönheit
bekannt.
Mit seiner ganzen Seele hatte von
jeher der Baron ihn geliebt und ihm die erdenklichste
Sorgfalt gewidmet. Täglich, wenn er in Restin war,
ging er dorthin. Man behauptete in der Umgegend, daß
er jeden Baum kenne. Einzelnen von ihnen hatte er Namen
gegeben wie: Heili Book, Domsäule, Kratzbürste,
der Philosoph. Zahlreiche Vögel nisteten ungestört
im Walde, und vor allem schien es dem prächtigen,
schwarz und gelb gefiederten Pirol, dem sonst so scheuen,
hier zu gefallen. Im Juli und August sah es überaus
reizend aus, wenn jene Vögel in den Kronen, sonnenüberflutet,
gaukelten.
Wie oft hatte der alte Herr in
den Sommertagen seiner Kinderzeit hier gespielt; in
spätern Jahren, wenn er auf Ferien in Restin war,
sich scheu in den Schatten zurückgezogen und jenen
Träumen und Träumereien nachgehangen, die
unsre Seele und unser Herz umspinnen, wenn wir in die
Jünglingsglutenzeiten unbewußt hinübergehen.
Und so sehr war ihm sein Wald ans Herz gewachsen, daß
er eine tiefe Sehnsucht empfand, wenn er ihn nicht wenigstens
aus den Fenstern seines Schlosses erblicken konnte.
Auch in Italien hatte er überall jene Sehnsucht
empfunden, und die Vergleiche, die er zwischen den Pinien,
Zypressen, Orangenhainen und seinen nordischen Stämmen
anstellte, fielen durchaus nicht zu gunsten der Pinien
und Zypressen aus.
Es war schon Mitternacht vorüber,
als der Baron seiner Frau vorschlug, mit ihm in Garten
und Wald zu gehen. Sie tat es mit Freuden, und bald
waren sie auf dem Wege. Im Park brach er einen weißen
Syringenzweig und steckte ihn der Baronin ins braune
Haar. Seinen Arm um ihre Schulter legend, gingen er
und sie wie Brautleute. Die Nacht war still. Sie lag
wie versteint im Mondenlicht. Bald traten sie in die
Buchen. Nichts regte sich. Ohne zu sprechen, gingen
sie langsam die gewohnten Wege. Beim »Kiekut«
blieben sie stehen und sahen über die stummen Felder
hinaus. Wie glücklich sie waren. Gibt es im Leben,
wie man sagt, kurze Stunden eines wirklichen, weltabgewandten
Glückes, so wurde es jetzt empfunden. Ein tiefer
Friede küßte im Vorbeiziehen die beiden guten
Menschen.
Nach vier Jahren genügsamen
Lebens wurde ihnen ein Sohn geboren, der mit großen
schwarzen Augen in die Welt sah. Wie sonderbar! Der
Rittmeister hatte wasserblaue, und von denen seiner
Frau hatte er oft scherzend gesagt: »Luischen,
Deine Augen haben ja die Farbe meiner Dragoner-Uniform.«
Der Arzt hatte sich am siebenten
Tage nach der Geburt des Knaben vom Rittmeister verabschiedet,
da er nicht mehr nötig sei: und am folgenden Tage
lag die junge Frau tot neben ihrem schreienden Söhnchen.
Zwischen dem Sterbe- und Begräbnistage
hatte die Dienerschaft ein Grauen überlaufen, wenn
sie den Baron sahen oder hörten. Neben dem Zimmer,
wo sein totes Weib lag, hatte er sich eingerichtet.
Die Zwischentür war geöffnet. Hier aß
und trank er, stark wie gewöhnlich. Kam ein Diener
oder die Wärterin herein, so sagte er: »hsch,
hsch.« Ja, er pfiff, in der Stube auf- und abgehend,
Kavallerie-Signale. Charles, der Kammerdiener, hatte,
wie er in der Küche erzählte, etwas »Schreckliches«
gesehen. Wie er abends zu seinem Herrn gegangen, hätte
der Baron die Tote auf den Armen getragen. Er, Charles,
sei schnell wieder hinausgetreten. Und dann war die
Dienerschaft leise hinaufgeschlichen und hatte gehorcht
und durchs Schlüsselloch gesehen. Aber die Lampe
drinnen war ausgelöscht. Ein leises Wimmern nur
ließ sich hören.
Am Beerdigungstag war die Gruft
der kleinen Kirche in einen Wald verwandelt. Als der
Sarg hinabgesenkt war und die Leidtragenden sich entfernt
hatten, ging der Baron ans Bett der Verstorbenen. Er
kniete und preßte das Haupt in die Kissen. Die
linke Hand lag unter der Stirn, mit der rechten tastete
er auf dem Platze neben sich.
Die Menschen sterben nicht an gebrochnem
Herzen. Es gibt darin keine Ausnahme. Auch der Baron
starb nicht. Der Junge hat die Augen des »Italieners«,
sagte sich der Rittmeister, wenn er die Augen seines
Sohnes, der wie alle aus seinem Geschlechte Hasso hieß,
anschaute. Und er hatte nicht nur die Augen des Italieners.
Es sprach sich schon jetzt im ganzen Gesicht des zehnjährigen
Knaben eine schlagende Ähnlichkeit aus.
»Der Italiener« wurde
im Schlosse das Bild eines der Vorfahren des Rittmeisters
genannt, das mit andern Ahnenbildern im Speisesaal hing.
Man nannte ihn so, weil er tiefschwarze, stechende kleine
Augen hatte. Die Baronin, die täglich beim Diner
diesem Bilde gegenübergesessen, hatte behauptet,
der Italiener mache Augen, so rachebefriedigt, wie wenn
er gerade seinen Todfeind vor sich auf dem Scheiterhaufen
sähe.
»Der Italiener« hatte
zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts gelebt. Es war
damals nichts Auffallendes, daß er in vier Staaten
gedient hatte. Das lag im Charakter der Zeit. Es ging
von ihm die Sage, daß er rachsüchtig und
grausam gewesen sei. Auf der einen Seite von ungeheurer
Habsucht, hatte er zugleich die Leidenschaft des Spiels
in so hohem Grade, daß er Alles, bis auf das Gut
Restin verspielte. Durch einen Sturz mit dem Pferde
war er gestorben. Das Gut Restin war von Vater auf Sohn
bis zum heutigen Tage vererbt. Meistens auf tüchtige
Menschen, die ihren Königen und dem Vaterlande
ihre Kräfte geweiht hatten, oder auf solche, die
in der bekannten norddeutschen Gedankennüchternheit
auf dem Hofe geblieben waren, auf fast gleicher Bildungsstufe
stehend wie ihre »Untertanen«.
Eine Verwandte des Rittmeisters,
ein altes Fräulein, hatte in den ersten zehn Jahren
die Erziehung Hassos geleitet. Von hellem Verstande
und leichtester Auffassungsgabe, hatte sich der Knabe
wie spielend die ersten Steine gelegt zum späteren
Aufbau seines Wissens. Der Hauslehrer, wie später
die Lehrer auf dem Gymnasium blieben in einem Erstaunen
über die außerordentlichen Fähigkeiten
des jungen Menschen. Andererseits aber hatte er einen
so »bösen«, schadenfrohen, grausamen
Charakter, daß er von keinem geliebt wurde. Seine
Hauptwissenschaft war die Mathematik. Er wäre ein
Rechenmeister ersten Ranges geworden. Als Knabe wollte
er Kaufmann werden: Geld zu verdienen schien ihm schon
damals die Hauptsache im Leben. Später ließ
er sich überreden, nachdem er ein glänzendes
Examen auf der Universität abgelegt hatte, Offizier
zu werden. Er trat in ein Garde-Infanterie-Regiment
ein, wo man bald seine Fähigkeiten und seinen Fleiß
erkannte. Schon nach den ersten drei Leutnantsjahren
machte er das Examen zur Kriegsakademie in unerhört
glänzender Weise. Bald wurde er, nach Beendigung
der drei nötigen Jahre, zu trigonometrischen Vermessungen
verwandt und hatte später Kommando auf Kommando.
In einem Jahre, so durfte der 29jährige Ober-Leutnant
hoffen, würde er als Hauptmann in den großen
Generalstab versetzt werden.
Aber, wie als Knabe auf der Schule,
als Student auf der Universität, so auch in seiner
militärischen Laufbahn: Keiner liebte ihn. Selten
war er mit den Kameraden zusammen. Nie hatte man gehört,
daß er einen dummen Streich verübt. Er hatte
»keine Lust am Weibe«, er trank nicht, er
verschwendete nicht, im Gegenteil, er war geizig. Dagegen
hatte er eine Leidenschaft: er spielte. Er spielte,
wo es sich machen ließ, wo es sich traf. Dann
funkelten die kleinen schwarzen Augen unheimlich. Dann
vergaß er Alles. Schon blieb er nicht im Rahmen
seiner Standesgenossen; er spielte, wo sich ihm Gelegenheit
bot, und kam dadurch in schlechte Gesellschaft. Mehr
als einmal war er schon aus diesem Grunde in unliebsame
Affären verwickelt gewesen, aus denen er mit genauer
Not entkommen war. Mehr als einmal hatte er vor seinen
Vorgesetzten deshalb gestanden. Sein alter Oberst meinte,
daß zwar ein »kleines jeu« zu den
Annehmlichkeiten des Lebens gehöre, doch wo die
Grenzen nicht innegehalten würden, sei die Ehre
leicht verpfändet.
Es half nichts. Hasso spielte nur
um so toller. Er kam endlich in bedeutende Geldverlegenheiten.
Zwar hatte der Vater bis jetzt alle die »unbegreiflichen«
Schulden seines Sohnes bezahlt. Aber nun war ein Ende.
Mit Schrecken gewahrte eines Tages der alte Herr, daß
sein Gut verpfändet und ihm nur der Wald noch übrig
geblieben sei.
Es waren nur wenige Wochen seit
jener traurigen Entdeckung vergangen, als ein Brief
Hassos eintraf. Er enthielt die gewöhnliche Bitte
um Geld. Die Summe, um welche Hasso bat, war, im Vergleich
zu dem früher Gewünschten, ungewöhnlich
groß. Am Schlusse stand eine Nachricht, die den
alten Herrn aufs heftigste erschütterte:
». . . ist es klar, daß,
wenn Du diesmal nicht die ebenerwähnte Summe beschaffen
kannst, ich untergehen muß. Kurz vor meinem Avancement
zum ›Hauptmann‹. Ich halte mich nicht länger.
Auf diesen Brief unmittelbar wird ein Bekannter von
mir aus Berlin bei Dir eintreffen, den ich freundlich
aufzunehmen bitte. Er kennt meine Verhältnisse
und Geldangelegenheiten genau. Komme ihm mit Vertrauen
entgegen, dann wird er Rat wissen; gehe darauf ein,
was er Dir vorschlägt – sonst ist Alles verloren
. . .«
Der Alte hatte kaum mit dem Lesen
geendet, als der Diener die Karte eines Herrn überbrachte:
Alfred Lächmeyer.
Dr. jur.
Und ohne, daß es dem Rittmeister
noch gelungen war, den tiefen Kummer und Schrecken aus
seinem Gesicht zu verscheuchen, stand schon ein elegant
gekleideter Herr vor ihm. Im Augenblicke des Eintretens
hatte dieser Herr sein Monocle fallen lassen, mit der
linken Hand leicht über einen fein gekräuselten
schwarzen Schnurrbart gestrichen und, eine schnelle,
tiefe Verbeugung machend, sich mit den Worten eingeführt:
»Ich komme, Herr Baron, um
mit Ihnen, wenn Sie es gestatten, über eine Geldangelegenheit,
die Ihren Herrn Sohn betrifft, zu sprechen. Ihr Herr
Sohn beehrte mich mit seinem Vertrauen. Ich begehe die
Indiskretion, Ihnen zu sagen, daß ich von dem
Herrn Leutnant durchaus eingeweiht bin in Ihre augenblickliche
finanzielle Lage, und daß . . .«
Der Baron unterbrach ihn:
»Ich möchte, daß
dies lieber zwischen Vater und Sohn verhandelt würde.
Eine Mittelperson ist mir nicht genehm.«
»Dann werde ich mich zurückziehen.
Nur muß ich erwähnen, daß ich selbst
bedeutend in dieser Angelegenheit interessiert bin,
und es mir deshalb erwünscht wäre, dennoch,
ehe ich mich beurlaube, noch einige Worte sagen zu dürfen.«
Der Baron nickte zustimmend. Der
Doctor fuhr fort:
»Lassen Sie mich kurz sein,
Herr Baron. Die Sache ist folgende. Ihr Herr Sohn führt
einen musterhaften Lebenswandel; er berechtigt durch
seinen Fleiß und seine Talente zu den größten
Hoffnungen. Nur eine Leidenschaft besitzt er: das Spiel.
Das hat ihm unendlich viel Geld bis jetzt gekostet.
Sie selbst werden das am besten wissen. Viele der Herren
Offiziere kommen, um nicht Wucherern in die Hände
zu fallen, zu mir.« (Herr Lächmeyer wickelte
das Band seines Monocle auf und ab um den Zeigefinger.)
»Ich bin ihr Vertrauensmann. Ich schaffe ihnen
Geld zu billigen Zinsen. Ich ordne die Sache mit den
Eltern.« (Herr Lächmeyer machte eine Pause).
»Der Herr Leutnant war vor einigen Tagen bei mir.
Er kam sofort zur Sache, und setzte mir mit großer
Klarheit auseinander, wie die Angelegenheit stünde.
Ich war, was ich sonst bei den Herren oft nicht bin,
mit einem Schlage bekannt mit allem. Und ich will mich
nun kurz fassen, Herr Baron: die Schulden ihres Herrn
Sohnes sind enorm.« (Er nannte die Summe.) »Sie,
Herr Rittmeister, können sie nicht mehr aufbringen,
wenn Sie sich nicht entschließen, Ihren Wald zu
verkauf . . .«
Der Baron fuhr wie von plötzlichem
wütendem Schmerz außer sich in die Höhe.
Doctor Lächmeyer blieb ruhig sitzen, klemmte sein
Monocle ins Auge und betrachtete sein Opfer »mit
Gefühl«. Der Schuft war auf diese Szene von
Hasso vorbereitet. Er hatte längst ausgekundschaftet,
daß ihm der Buchenwald, das Geschäft mit
dem Abnehmer war schon fertig, das Doppelte einbringen
mußte, wie die Schulden des Sohnes, die er in
der Hand hatte.
Noch immer stand der Baron, starr
und blaß. Der Doctor fuhr fort, fast in klagendem
Tone:
»Sehen Sie, bester Baron«
(das ›Herr‹ fiel schon weg) »man muß
sich in so vieles im Leben schicken, zumal wenn es sich
um das Sein oder Nichtsein des einzigen Kindes handelt.
Die Schulden des Leutnants sind, soweit ich sie übersehe,
ja, ich weiß es gewiß, nicht ganz ›reinlich‹.«
Der Baron zuckte zusammen. »Es handelt sich darum,
daß Ihrem Sohne der Abschied . . .« Der
Rittmeister fiel ihm in die Rede: »Mag er gehen;
ich kann mich auf weiteres nicht einlassen, und ich
glaube, daß hiermit, Herr Doctor, unsre Unterredung
ein Ende haben dürfte.«
Es trat eine Pause ein. Der Doctor
erhob sich und ein wenig aus der Nähe des alten
Herrn tretend, sagte er (der Ton klang süß):
»Noch eins, Herr Baron, Ihr
Sohn hat schlechte Schulden gemacht, er würde infam
kassiert, wenn . . .«
Nun war es zu Ende mit dem Rittmeister.
Er schrie: »Ins Zuchthaus mit ihm . . .«
Doctor Lächmeyer hatte sich
entfernt; der Baron lag regungslos im Lehnstuhl, lange,
lange.
Am Nachmittage brachte ein Bote
einen Brief von der nahen Bahnstation:
Geehrter Herr Baron.
Bis heute Abend 9 Uhr 51 Minuten
bin ich auf der Station Frissow. Vielleicht läßt
sich noch bis dahin ein Arrangement treffen.
Euer Hochwohlgeboren ergebenster
A. Lächmeyer. Dr.
Es war spät am Nachmittage
geworden. Die Oktobersonne war schon untergegangen.
Der Baron ging mit hastigen Schritten in seinem Kabinett
auf und ab, wohl eine Stunde schon. Die Uhr hatte er
aus der Tasche genommen und sie auf den Schreibtisch
gelegt. Oft beugte er sich, um die Zeit zu erkennen.
Tiefe Qualen hatte er in diesen wenigen Stunden durchgekämpft.
Welch ein Unterschied zwischen
Vater und Sohn. Der Alte: ein schwärmerischer Naturfreund,
voll echter wahrer Liebe zu Mensch und Tier, zu Feld
und Baum, den tausend schlimme Erfahrungen nicht von
seinem Standpunkt vertreiben konnten. Dabei mit ziemlich
schwerer Auffassungsgabe, einfachem Gedankengang –
eine Mittelnatur. Sein Herz war rein und fleckenlos
wie seine Ehre. Dagegen der Sohn: glänzend begabt,
fleißig, aber grausam. Auf der Jagd ein Mörder,
kein Jäger. Im Walde berechnete er die Blätter
eines Baumes ohne jedes Verständnis für das,
was man »innige Freude an der Natur« nennt.
Aber auch körperlich: welcher Unterschied. Der
Vater: ein norddeutsches gutmütiges Gutsbesitzer
und Soldatengesicht mit roten vollen Wangen und langem
Flachsschnurrbart. Hasso dagegen wurde mit jedem Jahre
dem »Italiener« ähnlicher. Ihm fehlte
nur der spanische Zwickelbart, wie jener ihn trug. Stechende
schwarze kleine Augen, gelbblasser Wachsteint, schwarze
Haare. Die weißen Zähne spitz, wie bei einer
Maus.
Zwischen den beiden hatte es niemals
eine Annäherung gegeben. Sie sahen sich so selten
wie angänglich. Ihr Briefwechsel war aufs notwendigste
beschränkt. Ohne gegenseitiges Verständnis
und Interesse waren sie im Leben nebeneinander hergegangen.
Es war neun Uhr geworden. Der Rittmeister
ging noch immer auf und ab. Tiefster Seelenschmerz zeigte
sich auf dem alten guten Gesicht. Zuweilen streiften
seine Augen ein kleines Bild, das über seinem Schreibtisch
hing. Es war ein auf Elfenbein gemaltes Pastellbildchen
in Medaillonform: ein stilles Frauengesichtchen, mit
blauen Augen, die klug und fröhlich in die Welt
schauten. Endlich sah er fest und lange auf das Porträt:
»Deinetwegen« sagte er leise.
Nun war der Entschluß gefaßt.
Es war die höchste Zeit. Er bestellte den Jagdwagen
und führte, bald unterwegs, die Zügel selbst.
Die Station Frissow war in gewöhnlichem schlanken
Trabe in einer guten halben Stunde zu erreichen. Die
Uhr zeigte fünf Minuten nach halb zehn. Um neun
Uhr neunundvierzig Minuten kam der Zug auf der Station
an. Zwei Minuten waren nur Aufenthalt. So war die größte
Eile geboten. Der Rittmeister, der sonst seine Pferde
schonte, wo und wie er nur konnte, peitschte heute auf
die Tiere, daß sie in rasender Eile den gewohnten
Weg dahinflogen. Der Kutscher sah entsetzt auf seinen
Herrn. Die letzte Strecke vor der Station lief die Landstraße
neben den Schienen. Als der Wagen hier angekommen war,
brauste der Zug heran. Nun galt es. Von seinem Sitze
aufspringend, schrie und schlug er auf die Pferde. Der
Hut flog ihm vom Kopfe. Es war wie im alten Rom beim
Wagenrennen. Die Pferde taten das Äußerste.
Sie kamen mit dem Zuge zugleich bei dem Haltepunkte
an. Der Baron war schon vom Wagen. Barhaupt, in tödlicher
Angst stürzte er auf den Perron. Der grauköpfige
An- und Abläuter auf dem Bahnhofe dachte bei sich:
De ol Herr vun Restin is wull dull worn. Nur ein Reisender
hatte auf den Zug gewartet, Herr Lächmeyer. Er
war schon eingestiegen und lehnte aus einem Coupéfenster
erster Klasse. Wie er den Rittmeister kommen sah, warf
er die »Scherbe« ins Auge.
»Nun,« sagte er tonlos,
als der Atemlose bei ihm angekommen war, »so erregt,
Herr Baron?«
»Nehmen Sie den Wald!«
keuchte der Unglückliche.
»Ah, nun . . . Ihr Wort in
Ehren; Ihr Herr Sohn ist gerettet. Ich komme in den
nächsten Tagen, um Alles zu ordnen.«
Der Zug setzte sich in Bewegung.
Erst spät in der Nacht kam
der so tief geschlagne in Restin wieder an. Er hatte
Abschied genommen von seinem lieben Walde.
Ein milder, weicher Novembertag.
Stiller, melancholischer Regen, wie im Frühling.
Der Südwind drang in die offenstehenden Fenster
des Arbeitszimmers des Rittmeisters.
Vom Walde herüber drang ein
eigentümliches Geräusch: Axthiebe, das Zischen
und Pfeifen einer kleinen Dampfmaschine, Schreien und
Fluchen der Fuhrknechte, Sägelärm. Es mußte
wüst dort aussehen.
Der Baron hörte es, jeden
Ton. Zuweilen griff er an sein Herz, die Axtschläge
trafen es unbarmherzig. Mit dem Bilde seiner Frau in
der Hand ging er in diesen für ihn schwersten Tagen
im Zimmer auf und ab. Er streichelte das Porträt;
es war ihm dann, als wenn er ihre Hand auf der seinigen
fühlte, und wenn er es küßte, schloß
er die Augen.
Zuweilen versuchte er, die gewohnte
Pfeife zu stopfen, aber der Tabak lief über oder
der Finger blieb minutenlang im Kopfe stehen.
Mit knapper Not war der Baron dem
Konkurse entgangen. Durch einen Zufall begünstigt,
hatte er sein Gut verkauft und war nach dem freundlichen
Görlitz gezogen. Kurz nachdem er sich dort niedergelassen,
hatte ihm der Regiments-Kommandeur Hassos in schonendster
Weise den plötzlichen Tod seines Sohnes angezeigt.
Der alte Herr erfuhr niemals, daß sich sein Sohn,
in äußerste Bedrängnis geraten durch
neue und nicht sehr ›reinliche‹ Schulden,
das Leben genommen hatte.
Am Todestage hatte im »Militär-Wochenblatt«
gestanden:
Baron von Restin, Oberleutnant
vom 6. Garde-Regiment zu Fuß und kommandiert zur
Dienstleistung bei dem großen Generalstabe, unter
Beförderung zum Hauptmann und Überweisung
zum großen Generalstabe, in den Generalstab der
Armee versetzt.
|