Letzte Ernte
Der gelbe Kasten
Eine Schuldengeschichte.
Mit dem alten Ehlertvadder, Vater
Ehlert Hompfeldt, saß ich heute Morgen zusammen
auf der Bank vor seinem Laden. Er ist siebenundachtzig
Jahre alt und versieht mit Hilfe seiner beiden unverheirateten,
stark ergrauten Söhne das erste Geschäft unseres
Städtchens. Die Linden um sein Haus stehen in Blüte.
Die Linde ist ein dankbarer, lieber Baum; ihr Blatt
ist herzförmig (a bißl Schiefigkeit ist allweil
dabei). Wer hat je einen Lindenwald gesehen? Ich nicht.
Ol Ehlertvadder hat nur einmal
in den siebenundachtzig Jahren seine Heimat verlassen,
auf fünf Wochen. Wie lang ist es her? Über
fünfzig Jahre. Unser Städtchen lag seit langen
Zeiten mit einem Nachbardorf in Streit um die Kattenwisch
(Katzenwiese). Beim Reichskammergericht füllten
sich schon sechs Säle mit Akten in dieser Angelegenheit.
Endlich rafften sich der Fleckensvorsteher und die Ratmänner
auf: Es wurde beschlossen, einen Ausschuß der
Bürgerschaft zum König nach Kopenhagen zu
senden. Friedrich der Sechste, ein sehr gutmütiger,
willenseifriger, aber beschränkter Herr, empfing
die »Untertanen« in seinem Schloß.
Ehlertvadder hatte zu sprechen und zum Schlusse die
»Supplik« zu überreichen. Aber er nahm
schon vor seiner Rede mit großer Schnelle, als
wolle er eine Pistole aus der Brust reißen, das
Gesuch hervor, um es ehrerbietig in die Hände seines
Königs zu legen. Der Monarch erschrak heftig und
ging, den unglücklichen Ehlertvadder fest im Auge
behaltend, hastig rückwärts mit den Worten:
Oooo, wollen Sie mich erschießen, mein Lieber?
Das war Ehlertvadders einzige »Geschichte«
im Leben. Und diese war ich gerade im Begriff, zum siebenhundertundsiebzigstenmal
zu hören, als mir der vorübergehende Briefträger
sagte, daß er in meinem Hause eben ein schweres
Paket für mich abgegeben habe. Ich verabschiedete
mich deshalb.
In meiner Wohnung angekommen, fand
ich einen Eichenkasten vor, gelb, lackiert, mit Messingbeschlägen.
Er war 43 cm lang, 24 cm hoch, 21 cm breit. Übrigens
ein ganz verrückter Einfall von mir, ihn gleich
zu messen. Der Schlüssel lag in einem versiegelten
Briefumschlag dabei. Aus dem Begleitschreiben konnte
ich erst gar nicht klar werden. Ein mir gänzlich
unbekannter Herr v. Rückershausen in Berlin sandte
mir dies »Erbstück« von seinem vor
einiger Zeit verstorbenen Vetter Hans v. Meyendorff,
der es mir ausdrücklich in seinem letzten Willen
vermacht habe.
Meyendorff? Meyendorff? Wer war
Hans von Meyendorff? Ich sann hin und her. Endlich fiel
mir ein, daß ich vor vielen Jahren in Wiesbaden
mit einem alten Herrn v. Meyendorff verkehrt hatte.
Meyendorff war ein langer, hagerer, stramm gehender
Mann mit einem Generalsgesicht; feierlich, verbindlich,
vornehm, milde in seinem Urteil.
Voller Neugier öffnete ich
den schweren Eichenkasten. Ich fand darin einen Brief
und ein Heftchen, betitelt: Schulden. Gleich nachdem
ich die Anfangszeilen seines Schreibens gelesen hatte,
floß durch mein Gehirn eine starke Erinnerungswelle.
Einige Sätze lauteten:
». . . Sie griffen damals
unsern gemeinsamen, unglücklichen Bekannten, den
Hauptmann Lempferd, so stark an, daß ich mich
seiner annehmen mußte. Sie sprachen von seinen
›dolosen‹ Schulden, und weiter im Gespräch:
daß Schuldner, die Sie mit Schuldenmachern verwechselten,
Ihnen ohne Ausnahme Lügner seien, unehrliche Leute,
ja schlimmer als Diebe und Betrüger. Ich meinerseits
behauptete . . .
. . . und somit lege ich Ihnen
meine eigene Schuldengeschichte vor. Der gelbe Kasten,
worin ich dies Heft einsarge, spielt eine Rolle darin
. . .«
Und nun stand mir die Stunde vor
Augen: Herr v. Meyendorff und ich waren über einen
uns nicht fremden Hauptmann Lempferd, der wegen großer
Schulden hatte den Abschied nehmen müssen, ins
Gespräch gekommen; und waren schließlich
über das Thema Schulden und Schuldenmachen im allgemeinen
etwas aneinandergeraten. Und nun fiel es mir wieder
ein, wie liebevoll Herr v. Meyendorff den Hauptmann
verteidigt hatte; wie hart, ganz gegen seine sonstige
Gewohnheit, sein Urteil – gegen mich war es wohl
hauptsächlich in dieser Stunde gerichtet –
gegen alle sprach, die, ohne die Schuldenqual zu kennen,
schonungslos über jeden herfallen, der sich in
bedenklich verwickelten Geldangelegenheiten befindet.
Ich erinnere mich noch deutlich seiner Worte: ».
. . nun, alle die, denen angeborener oder anerzogener
Ordnungssinn, Geldverständnis, kaufmännisches
Genie, fortwährendes Denken an die Zukunft, geregeltes
Vermögen, sozusagen vom Hause aus zu Hilfe kommt,
alle die werden niemals begreifen können, wie es
denkbar ist, daß Tiefverschuldeten Tod und Teufel,
Krankheit, Verleumdung, kurz alle Greuel der Erde, ja
selbst Zahnschmerzen und Liebesgram in der Zeit gleichgültig
sind; daß sie ungerührt und unberührt
am Sterbebett ihres besten Freundes stehen können
. . .«
Das Heftchen begann:
Als Selektaner der Hauptkadettenanstalt
hatte ich mir zum Eintritt in die Armee das neunte Garderegiment
zu Fuß aufgeschrieben. Meiner Bitte wurde entsprochen.
Mit den Amorsflügeln, den Epauletten, flatterte
ich ins Regiment.
Ich war der Sohn eines einst reichen
westfälischen Gutsbesitzers. Der Rasen deckte längst
meine Mutter.
Kaum drei Monate war ich Offizier,
da starb mein Vater. Er hinterließ die verwirrtesten
Geldverhältnisse. Das Gut mußte verkauft
werden. So viel ich konnte, suchte ich den Gläubigern
gerecht zu werden. Dadurch ging für mich der letzte
Pfennig verloren. Ich hätte nun den Abschied nehmen
müssen; denn ohne jede Zulage in Berlin, Verwandte
hatte ich nicht, überhaupt als Leutnant zu leben,
dürfte undurchführbar sein. Aber ich blieb.
Meinem Regimentskommandeur und meinen Kameraden verheimlichte
ich, törichterweise, die mißliche Lage.
Wegen unvermeidlicher Ausgaben
mußte ich bald Schulden machen; es waren die ersten.
Aber diese wurden schon nach einem halben Jahre lästig;
ich war Wucherern in die Hände gefallen. Diesmal
rettete mich ein reicher Freund, dem ich mich im Kadettenkorps
angeschlossen hatte, und der auch mit mir im selben
Regiment stand. Merkwürdig genug; denn während
ich, übersprudelnd, jedem mein Herz gab, der mir
ein freundliches Wort sagte, blieb mein Kamerad still,
ernst, in sich gekehrt auch in der lustigsten Gesellschaft.
Er gebot über ein großes Vermögen, das
ihm unversehrt und unangefressen am Tage seiner Volljährigkeit
übergeben worden war. Er war eine jener äußerlich
kalten Naturen, die ein mildes, mitfühlendes Herz
für ihre Mitmenschen haben, so lange sie überzeugt
sind, daß diese keine Verschwender sind. Mit sechzig
Talern, wie mit seinen sechstausend, wäre er gleich
gut im Jahre ausgekommen. Ohne geizig zu sein noch auch
zu scheinen, obgleich wir ihn so nannten, sparte er
im kleinen, gab im geheimen große Summen, wo er
wirkliche Not wußte.
An ihn nun wandte ich mich in meiner
Not. Ich vergesse die Stunde nicht:
»Ehe ich dir helfen kann,
mußt du mir, lieber Hans, klar nicht nur jeden
Pfennig deiner Schulden auseinandersetzen, sondern deine
ganzen Verhältnisse.«
Manch anderer mit seinem Reichtum
hätte vielleicht nur gesagt: Wieviel brauchst du,
alter Kerl.
Das war mir ein recht übler
Anfang; aber es half nichts. Ich beschrieb ihm umständlich
meine Geldverlegenheit, beichtete jeden Posten bei Heller
und Pfennig.
Manch anderer mit seinem Reichtum,
und mit dem Willen und Können, mir zu helfen, hätte
nun wenigstens gesagt: Bis morgen früh, mein alter
Kerl, wird es mir ein Vergnügen sein, dir mit dem
Quark behilflich zu sein.
Nicht so mein Freund Paul.
Er bekrittelte manche »unnütze«
Ausgabe. So sagte er: Du hättest wahrlich mit zwölf
Paar Handschuhen auskommen können, statt dir drei
Dutzend anzuschaffen . . . Und dies Service hier; aber
wozu denn? Zwei Tassen und ein einfaches blaugerändertes
zu zehn Talern hätte ja vollständig genügt.
Und nun denke: neunundachtzig Taler dreizehn Silbergroschen
hast du weggeworfen . . . Und was sehe ich hier: einen
Teppich zu zweihundertundsiebenundzwanzig Talern; nun,
ich gestehe . . .
Und so ging es weiter. Endlich
sagte er kurz: Es sind zusammen zweitausenddreihundertundeinundfünfzig
Taler dreiundzwanzig Silbergroschen. Gut, ich werde
es bezahlen; die Rechnungen natürlich ohne Abzug,
aber die Wucherer erhalten nur 3½ Prozent. Du
wirst deshalb die Freundlichkeit haben, diese Edlen
zu übermorgen um 12 Uhr mittags in meine Wohnung
zu bestellen.
Es lag in allen Bemerkungen Pauls
etwas Hartes, ja Höhnisches; mein Herz zog sich
zusammen unter seiner Kälte, wenn sie auch nur
scheinbar war.
Zum Schluß sagte er: Nun,
das wirst du einsehen, Offizier kannst du nicht länger
sein; es ist das unmöglich ohne Zulage. Du wirst
dich also entschließen müssen, was du nach
deinem Abschied tun willst. Nach Amerika zu gehen. rate
ich dir nicht. Dort dein Brot zu verdienen, würde
dir nicht gelingen. Dazu fehlt dir auch, verzeih mir,
jede Tatkraft. Am besten wärs vielleicht, da du
gern Soldat bist, wenn du dich von den Holländern
anwerben ließest.
Ich war nahe daran, meinen Freund
Paul wütend zu verlassen, ihn zu bitten, mir meine
Schulden nicht zu bezahlen. Aber ich bezwang mich und
ging, ihm herzlich meinen Dank aussprechend, froh und
traurig zugleich, nach Hause.
Nach einer Stunde erschien der
Bursche Pauls. »Ist Antwort gewünscht, Behnke?«
– »Nein, Herr Leutnant; der Herr Graf haben
mir nur befohlen, den Brief an Herrn Leutnant abzugeben.«
– »Gut, Behnke.«
Ich erbrach hastig das Schreiben:
Lieber Hans!
Ich habe mich anders besonnen.
Du bleibst. Ich werde Dir für jeden Monat fünfzig
Taler Zulage geben. Damit kannst Du auskommen. Ich setze
Dir die ebengenannte Summe, zahlbar in Raten jeden Monat,
bis zum Hauptmann erster Klasse aus. Nur wenn Du einmal
durch irgend einen Umstand in die Lage kommen solltest,
ausreichend Geld zu haben, würde ich Dich an die
Verzinsung mit 1 Prozent erinnern. Ich werde dafür
sorgen, daß Dir auch im Falle meines Todes diese
Zulage ausgezahlt wird.
Eins hebe ich aber hier ausdrücklich
hervor. Sowie ich erfahre, daß Du wieder Schulden
– etwas Widerwärtigeres im Leben kenne ich
nicht – gemacht hast, ziehe ich sofort alles zurück
und überlasse Dich Deinem Schicksal.
In alter Freundschaft
Dein Paul.
Das kühle Schreiben berührte
mich unangenehm. Aber andererseits wars doch eine außerordentliche
Güte von ihm, mir ein so großartiges Anerbieten
zu machen. Ich dankte ihm aus innigstem Herzen.
Es ging wirklich nun ein halbes
Jahr gut. Ich schränkte mich ein, kam mit den fünfzig
Talern aus. Zu meiner eignen Verwunderung, denn mir
fehlte jeder Geldsinn. Dann aber geriet ich schnell
in die Brüche: Die Unteroffiziere meines Bataillons
hatten Erlaubnis erhalten, ein Tanzvergnügen zu
veranstalten. Zu diesem wurden wir Offiziere eingeladen.
Ich kam an diesem Abend durch zu vieles Trinken in sehr
heitere Stimmung; ich wußte kaum mehr, daß
ich Sekt auf Sekt bestellte. Am andern Morgen sandte
mir der Wirt eine Rechnung von 244 Talern für in
der Nacht vorher von mir geforderten Champagner. Ich
hätte mir nun helfen können, wenn ich dem
Wirt gesagt hätte, nach und nach die Summe bezahlen
zu wollen; aber das litt mein Hochmut nicht. Ich nahm
wieder zu den Wucherern meine Zuflucht. Auf der Stelle,
gegen hohe Zinsen, erhielt ich das Geld. Andere Schulden
kamen bald hinzu. Und damit war mein Untergang besiegelt.
Nach acht Wochen reichte ich meinen
Abschied ein, den mein Regimentskommandeur nur mit Zögern
höheren Orts befürwortete. Alle die Qualen
des Scheidens aus geliebten Verhältnissen, von
meinen Kameraden, hatte ich nun durchzumachen.
Einige Stunden vor meiner Abreise
trat Paul bei mir ein: kalt und ruhig wie stets. Sogar
eine mir in diesem Augenblick recht unpassend dünkende
Strafpredigt mußte ich noch anhören. Am Schluß
sagte er, wie im Gesprächston: Du wirst unmöglich
in Recklinghausen (dorthin wollte ich zunächst,
es lag in der Nähe des Gutes meines verstorbenen
Vaters, hier fand ich wenigstens noch einige Bekannte)
ohne alles leben können. Ich bitte dich, diese
fünfhundert Taler anzunehmen. Und nun: die Schnauze
hoch, mein guter Hans. Du hast dir selbst die Suppe
eingebrockt, nun iß sie auch aus.
Und damit verschwand er.
Zuerst diente ich, schon im zweiten
Jahr Offizier geworden, sieben Jahre in holländischen
Diensten in den Kolonieen. Mußte aber dann, weil
ich das Klima nicht länger vertragen konnte, nach
Europa zurück. Eine kleine Pension verblieb mir.
Ich wählte eine süddeutsche
Stadt als Aufenthaltsort. Aber hier wie überall,
wohin ich zog, konnte ich mich nicht halten.
Endlich gelang es mir, in einer
kleinen Stadt der Provinz Posen eine kleine Stelle als
Verwaltungsbeamter zu erhalten. Ich werde, solange ich
lebe, dies Nest nicht vergessen.
Außer meiner siebenjährigen
Dienstzeit in holländischen Diensten hatte ich
später, in den letzten dreizehn Jahren, nur in
großen Städten gewohnt. Von meiner kleinen
Pension konnte ich natürlich nicht leben und war
deshalb immer wieder in Geldverlegenheiten geraten.
Statt mich totzuschießen oder in ferne Länder
zu ziehen, war ich so ehrlich, aber auch so töricht
gewesen, mit meinen zahlreichen Gläubigern in Briefwechsel
zu bleiben. Dadurch wurde die Last fortwährend
größer. Durch meine ewigen Versprechungen
hatte ich geradezu abscheuliche Unannehmlichkeiten.
Und das mit Recht.
Auch von dem kleinen polnischen
Ort aus, wohin mich das Schicksal geführt hatte,
benachrichtigte ich sofort meine sämtlichen Gläubiger.
Natürlich begann auf der Stelle die Hetzjagd. In
der Liliputstadt fand ich beim Einzug als Beamter einen
großen Kredit offen, den ich ungesäumt benützte,
um mich so hübsch wie möglich einzurichten.
Der Verkehr mit den »Honoratioren«
wurde mir ganz angenehm. Aber ich traf keinen unter
ihnen, dem ich mein Herz ausschütten konnte. Nur
der Amtsrichter, ein prächtiger Mensch, wußte
bald Bescheid durch die einlaufenden Klagen.
Ich lebte mäßig, verschwendete
nicht; aber dennoch wurde, durch die alten Gläubiger
besonders, mit jedem Tag meine Lage unerträglicher.
Es muß nicht angenehm sein,
am Morgen seiner Hinrichtung zu erwachen; dennoch können
die Gefühle bei diesem Erwachen, wenn überhaupt
der Schlaf gekommen ist, himmlisch genannt werden gegen
mein Erwachen Morgen für Morgen. Was Alles konnte
mir der je sich erhellende Tag bringen. Zuletzt konnte
ich nicht mehr dagegen an. Ich schwamm auf einsamem
Boot mitten im Ozean.
Seit Wochen steckte ich Brief auf
Brief, selbst die Zuschriften aus dem Städtchen,
uneröffnet in einen gelben Kasten, den ich, so
schwer er war, auf allen meinen Reisen und wo immer
ich wohnte, bei mir behalten hatte.
Ich erinnere mich genau der acht
Wochen, in denen ich mich nicht überwinden konnte,
einen Privatbrief zu öffnen. Es war denn doch die
schrecklichste Zeit meines Lebens. Jeden Morgen stand
ich mit dem bestimmten Vorsatz auf, die Briefe zu erbrechen;
jeden Abend sank ich sterbensmatt, nervös, krank,
elend auf mein Bett, heiß mir den Tod erflehend.
Es war im Juni und Juli. Ein besonders schöner
Sommer beglückte uns. Einzig erquickte mich ein
stiller Platz am Rande eines Gehölzes, von wo ich
meilenweit in die Umgegend sehen konnte. In der Ferne
ging die Bahn vorbei; ich verfolgte sehnsüchtig
die Rauchwolken der Lokomotiven. Und eben brauste ein
Zug vorüber nach Posen. Hatte ich nicht flüchtig
heute Morgen ein an mich gerichtetes Schreiben aus Posen
gesehen? Die Adresse war französisch geschrieben.
Eine zierliche Mädchenhandschrift. Mein Gott, von
Anastasia; natürlich, von Anastasia! Und ich hatte
den Brief ebenfalls in den gelben Kasten geworfen.
Stasia!
Ich hatte die kleine Dame neulich
mal kennen gelernt in Posen. Und dann? Nun, wie das
so vorkommt.
Ganz gleich. Ich stürmte nach
Hause.
Ich schloß ungestüm
den gelben Kasten auf, und – obenauf ruhte, über
einem wüst über- und durcheinanderliegenden
Briefhaufen, das zierliche Schreiben. Ich erbrach es
sofort.
Die kleine reizende Polin mit den
langen schwarzen Flechten stand mir mit einemmal lebhaft
vor Augen. Aber nun? Weibergeschichten, Liebesspiel
in dieser Zeit?
Ich schrieb ihr hastig wieder,
daß ich augenblicklich mit so ganz abscheulichen
Widerwärtigkeiten zu kämpfen habe, daß
ich auf ein Wiedersehen vorläufig verzichten müsse.
Vorläufig! Welches Wort in einem Liebesbrief!
An ein weiteres Öffnen der
Briefe im gelben Kasten dachte ich an diesem Abend nicht
mehr.
Am andern Morgen erschien plötzlich
Stasia bei mir, liebeglühend, schluchzend. Sie
wolle mir helfen, mir abnehmen, was sie könne.
Worin denn mein Unglück bestehe?
Liebe und Schulden! Unvereinbar.
Und doch saß am selben Tag Stasia neben mir, als
ich Brief für Brief öffnete. Welcher Wahnsinn,
dies nicht gleich bei jedem angekommenen getan zu haben.
Bei vielen war jetzt schon die Antwort zu spät.
Stasia saß neben mir, tröstete
mich, ermutigte mich, blieb bei mir, empfing die Gläubiger,
die oft aus fernen Gegenden kamen, schrieb für
mich Antworten, kurz: war mein guter Engel.
Das half mir aber nicht drüber
weg. Meine Sache wurde mit jeder Stunde unhaltbarer.
Jedes Klingeln an der Haustür erschreckte mich.
Ich konnte kein Geld mehr bekommen für die täglichen
Ausgaben, und jeden Augenblick war etwas zu bezahlen:
die Gerichtskosten, die Steuern, alle jene feinen Betteleien
für Vereine, Konzerte, die immer bei mir, als zu
den »Spitzen« gehörend, ihren Anfang
nahmen. Ach, alle die zahlreichen, ewigen Demütigungen.
Der Gerichtsvollzieher besuchte mich oft; mit aller
Schonung. Aber es wurde doch bald offenkundig. Nur mit
äußerster Mühe gelang es mir, die Pfändung
noch hinzuhalten. Zum Überfluß hatte ich
noch Wechsel unterschrieben, um mich zu retten.
Es ging nicht mehr. Ich beschloß,
ein Ende zu machen. Ich wollte einen letzten Versuch
bei meinem alten Freund Paul wagen, der, verheiratet,
auf seiner Besitzung am Rhein lebte.
Es war nicht leicht für mich,
gewissermaßen mir nichts dir nichts abzureisen.
Ich wurde beobachtet. Aber es gelang mir. Ich hatte
einen vierzehntägigen Urlaub genommen.
Mein Freund empfing mich kühl.
Er sei nun nicht mehr der Verwalter seines Vermögens
für sich allein; er habe für seine Frau und
für seine Kinder zu sorgen. Ich erhielt nichts
außer guten Ermahnungen.
Nun beschloß ich, mir den
Tod zu geben. Aber ich wollte auf »anständige
Weise« sterben. In Bacharach blieb ich, mietete
mir einen Kahn und fuhr in den Rhein hinaus, um in der
prächtigen Sommernacht – ein Bad zu nehmen.
Schon schwamm ich und schwamm und schwamm; das Boot
mit meinen Kleidern war längst meinen Augen entschwunden.
Und ich wurde nicht müde; und das wollte ich doch
gerade . . . Plötzlich hörte ich nicht weit
von mir einen Nachen schnell heranrudern und gleich
darauf einen Fall in den Strom, Geplätscher, Hilferufe.
Alle Kraft kam wieder in mich: ein Mensch in Gefahr.
Ich schwamm auf die Stelle zu, packte einen, der im
Untersinken begriffen war, und brachte ihn mit vieler
Mühe ans Ufer.
Am andern Morgen saß ich
dem von mir Geretteten in seinem Zimmer im Hotel gegenüber
und erfuhr eine wunderbare Geschichte: Der etwa fünfzigjährige
Engländer, den ich aufs Trockene gebracht hatte,
war der dritte Sohn eines Herzogs. Er erzählte
mir, daß er mich seit zwei Tagen beobachtet habe;
er hätte bald bemerkt, daß ich die Absicht
gehabt habe, mir das Leben zu nehmen. Und zur festen
Überzeugung wäre ihm das geworden, als ich
mich gestern Abend spät in den Kahn setzte; er
sei mir nachgefahren, bei einer ungeschickten Bewegung
über Bord gefallen, usw. Ich sei sein Lebensretter,
er sei mir bis zum Grabe verpflichtet . . . Ob er mir
(und er erzählte das so ruhig wie eine gleichgültige
Wetterbemerkung) mit Geld aushelfen könne; ich
hätte wohl Schulden und hätte deswegen die
Erde verlassen wollen . . .
Ich war zuerst sprachlos. Aber
er drückte mir so innig die Hand, gab mir so herzlich
zu wissen, daß er Überfluß an Geld
habe und daß es ihm ein großes Vergnügen
machen würde, mir zu helfen, daß ich einschlug.
Ich erzählte ihm von meiner jahrelangen Qual.
Am andern Tage hatte ich in Köln,
wohin er mit mir gefahren war, die Summe, um meine sämtlichen
Schulden bezahlen zu können.
Ich behielt meine dienstliche Stellung
in dem kleinen polnischen Städtchen während
der nächsten zwei Jahre, in denen mich mein englischer
Freund mit namhaften Summen unterstützte. Da –
es klingt romanhaft – starb der Engländer
und hinterließ mir sein großes Vermögen,
so daß ich sofort meinen Abschied nehmen und in
eine große Stadt ziehen konnte. Und nun, als ich
Geld hatte: wie leicht war es, durchs Leben zu kommen,
zu rechnen, einzuteilen.
Nur weniges habe ich noch hinzuzufügen:
Von Köln fuhr ich damals nach Posen. Ich wollte
Stasia, die mit ihrer verwitweten Mutter zusammenwohnte,
heiraten. Dies liebe Geschöpf. Aber als ich ihr
Haus erreicht hatte, fand ich sie im offenen Sarge.
In ihre dunklen Haare hatte sich ein Kranz von weißen
Rosen so sehr verliebt, daß er sich unlösbar
in sie verflochten. Stasia war beim Füttern der
Schwäne in einem Parkteich von einem dieser tückischen
Tiere geschlagen worden. Der linke Arm war gebrochen.
Nach drei Tagen trat eine Herzlähmung hinzu, und
das junge Mädchen verschied.
Der Engländer, der mir so
gütig geholfen, der mir sein Vermögen vermacht
hatte, schrieb mir in einem Briefe, der mir nach seinem
Tode gesandt worden war, daß er durch Umstände,
die er hier nicht wiederzugeben brauche, in Erfahrung
gebracht habe, wie tief ich in Schulden gewesen sei.
Er habe mich verfolgt, in Bacharach bestimmt gemerkt,
daß ich mir das Leben habe nehmen wollen. Er,
ein ausgezeichneter Schwimmer, habe sich nur als ein
Ertrinkender gestellt, um Gelegenheit zu bekommen, mir
durch meine Hilfe zu helfen. Ein wenig Spleen war allweil
dabei – aber einerlei, er hatte mich gerettet
aus edelster Menschenliebe.
Damit endete Meyendorffs Bericht.
Ich nahm sein Begleitschreiben noch einmal in die Hand
und las es. Der Schluß lautete:
». . . daß ich Ihnen,
lieber Freund, meinen gelben Eichenkasten vermache,
hat darin seinen Grund, daß er mir lieb und wert
gewesen ist. Er stand stets vor mir im Zimmer zur Erinnerung
und Ermahnung, nichts auf die lange Bank zu schieben,
was schnell abgemacht werden kann; und vor allem Briefe
so bald wie möglich nach ihrer Ankunft zu öffnen.
Wenn auch meistens durch eigene
Schuld meine ersten Geldverlegenheiten entstanden waren,
immerhin habe ich sie gebüßt durch die jahrelangen
furchtbaren Kämpfe.
Ich erinnere mich deutlich, wie
hart Sie damals in Wiesbaden urteilten, ohne zu ahnen,
mit welcher übermenschlichen Anstrengung sich gerade
jener Hauptmann gewehrt hatte.
Gewiß, leichtsinnig und immer
wieder leichtsinnig gemachte Schulden sind ein Verbrechen,
wenn keine Aussicht vorhanden ist, sie zu decken. Und
dennoch – die ewigen Qualen, die Demütigungen:
es sind tausendfältig teuflische Strafen. Jedes
Haustürklingelgeräusch ist ein Posaunenstoß
aus der Hölle.
Und schließlich: Der immerwährende
Schuldengedanke, mit dem man umhergeht, der einen nie
verläßt, tötet alles Edle in uns, nichts
mehr rührt und berührt uns; wir werden kalt,
unbewegt gegen fremdes Leid. Wir sind nur mit der einen
Arbeit beschäftigt, die Ketten abzustreifen, die
uns schwerer und schwerer zu Boden ziehen mit jedem
Tag, bis sie uns endlich ins Grab gezogen haben.«
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