Roggen und Weizen
Übungsblätter
Durchkämpft
Durchkämpft
Wir saßen zu Fünfen
nach einem kleinen feinen Herrendiner im gemütlichen
Rauchzimmer des liebenswürdigen Gastgebers. Das
Gespräch wurde hier intimer als bei Tische. Die
behagliche Stimmung tat das ihrige. Jeder kannte die
andern genau. Seit Jahren wohnten wir in dieser Stadt.
Seit Jahren begegneten wir uns in den Gesellschaften
und am Stammtisch . . .
Es wurde lebhaft über einen
Vorfall geredet, der sich gestern zugetragen: Ein sehr
ehrenwerter, lustiger, verheirateter Amtsrichter, dem
sonst feste Lebensgrundsätze zu eigen gewesen waren,
hatte sich erschossen, aus unglücklicher Liebe.
»Ich kann ihm nicht recht
geben, denn er verletzte durch seinen Tod seine Pflichten,
die er gegen seine Familie hatte,« sagte trocken
und doch, wie mir schien, mit zitternder Stimme ein
pensionierter General.
Es wurde hin und her gesprochen.
Der General ließ sich nicht von seiner Ansicht
abbringen. Und es war wie von selbst gekommen, daß
wir ihm schweigend, ohne Einrede zuhörten. Er erzählte:
»Dreißig Jahre sind
vorübergezogen. Alle Namen, die in meiner Geschichte
vorkommen, könnte ich nennen. Außer mir lebt
keiner der Beteiligten mehr. Aber ich unterlasse auch
jetzt die Nennung; sie täte nichts zur Sache. Ich
stand in Mainz in Garnison. Ich hatte die Vierzig eben
überschritten. Seit elf Jahren war ich verheiratet
und lebte in denkbar glücklichster Ehe. Drei Kinder
waren uns geschenkt. Es fehlte uns an nichts, könnte
ich dreist sagen. Alles war Liebe und Eintracht. Kam
je eine kleine Differenz vor, wie in jeder Ehe, so wurde
sie rasch zwischen uns ausgeglichen. Meine Frau und
ich wußten uns zu behandeln, schonten gegenseitig
unsere kleinen Schwächen, hatten nie Geheimnisse
voreinander. Nichts trübte unsere Tage.
Bei einem österreichischen
Obersten, der in unsrer Nähe wohnte, war ein junges
Mädchen, eine Verwandte der Frau, zu längerem
Besuch eingetroffen. Da wir mit dem Obersten nicht in
Verkehr standen, ihm und seiner Familie nur in größeren
Gesellschaften begegneten, so hatte ich auch nicht Gelegenheit,
mit jener jungen Dame näher bekannt zu werden.
Die Verwandte des Obersten war
mit einem sächsischen Gutsbesitzer verlobt, der
ab und zu seine Verlobte besuchte und dann besonders,
wenn Bälle stattfanden, um sich mit seiner Braut
einmal wieder tüchtig »auszutanzen und auszurasen«,
wie sich ein wenig respektvoller Leutnantsmund äußerte.
Traf ich die junge Dame auf der
Straße oder am dritten Orte, so erzeigte ich ihr
jene gewöhnlichen Anstandspflichten, denen wir
alle unterworfen sind. Nichts fesselte mich in irgend
einer Weise an sie. Sie war für mich ein junges
Mädchen wie tausend andere . . .«
Der General hielt einen Augenblick
inne, um sich eine Zigarre anzuzünden.
»Meine Herren, haben Sie
jemals glimmende Liebe gekannt?
Allmählich, ohne daß
ich es merkte, so wunderbar es klingt, freute ich mich,
wenn es die Gelegenheit brachte, das junge Mädchen
zu sehen und zu sprechen. Wir plauderten dann lustig,
neckten uns in den Grenzen, wie sie durch unsere oberflächliche
Bekanntschaft erlaubt waren. Ihre Wiener Aussprache,
ihr heiteres, natürliches Benehmen nahm mich ein.
Aber sowie wir getrennt waren, dachte ich an sie so
wenig wie an jeden anderen mir gleichgültigen Menschen.
Und doch, die Liebe glimmte in mir. Aber ich merkte
es nicht.
Auf einem Winterballe beim Gouverneur,
nachdem ich sie vier Wochen nicht gesehen hatte, traf
ich wieder mit ihr zusammen. Während eines Walzers,
den sie mit ihrem Verlobten tanzte, geschah es. Ich
stand, ohne an dem Tanze mich zu beteiligen, in einer
Saaltür mit einem Bekannten im Gespräch. Ich
weiß nicht, worüber wir redeten; aber ich
weiß, daß mich irgend etwas zwang, sie zu
suchen. Ich fand sie sofort. Sie stand nicht weit von
mir und hatte ihre Augen grade auf mich gerichtet. Ich
habe nichts vergessen aus dieser Begegnung: Ihr Verlobter,
ritterlich über ihre Hand gebeugt, nestelte an
einem Armband, das sich gelöst haben mochte, um
es lachend wieder zu befestigen. Unsere Blicke trafen
sich sekundenlang. Dann schwebte sie weiter im Reigen.
Mich aber hatte die Liebe ergriffen.
* *
*
Erlassen Sie mir nun Ihnen zu schildern,
mit welcher unerhörten Heftigkeit und Grausamkeit
der kleine Gott auf mich loshämmerte. Pfeil und
Bogen hatte er hinter sich geworfen und trampelte wie
ein ungezogener Junge auf meinem Herzen herum.
Gleich die erste Nacht war schrecklich.
Ich fegte Alles über Bord, meine Frau, meine Kinder,
meine Pflichten, meine ganze Vergangenheit. Ich schmiedete
Pläne über Pläne, wie ich sie schon am
andern Morgen treffen könnte, wie ich mit ihr,
koste es was es wolle, sprechen müsse. Ich war
außer mir vor Seligkeit. Aber am andern Morgen,
als ich nach unverhofftem kurzen Schlummer erwachte,
als ich mit meiner Frau beim Tee saß, als mir
die Kinder ihren guten Morgen sagten, fühlte ich
etwas wie Ernüchterung. Kaum aber war ich allein,
als mich wieder die tollsten Gedanken durchwirbelten.
Meine Frau mußte gemerkt haben, daß ich
unruhig war. Sie kam, bog ihr Haupt zu mir und flüsterte
in ihrer gütigen, stillen Weise: »Dich quält
etwas. Bist Du krank? Was fehlt Dir?« Aber ich
lachte sie aus, und sie ging beruhigt weg.
Als ich allein war, ging es mir
durch den Kopf: Unsinn. Nimm dich zusammen. Die Pflicht
hat hier zu befehlen, sonst nichts. Und ich kämpfte
mit aller Macht gegen meine Leidenschaft.
Aber es wollte nicht gehen. Ich
wurde immer elender. Meine Frau ward ängstlich.
Endlich gab ich ihr Andeutungen dahin, daß ich
Ärgerlichkeiten mit unserm Vermögen gehabt,
daß sie sich aber beruhigen möge, es würde
Alles bald klar. Sie wolle mit mir Alles teilen, wie
es immer gewesen sei zwischen uns, schluchzte sie. Doch
ich bestand darauf, diese Angelegenheit allein zu ordnen.
Betrübt entfernte sie sich.
Von dieser Stunde an fühlte
ich einen Haß gegen meine Frau aufsteigen. Als
mein ältester Knabe, wie er zu tun pflegte, unter
meinen Schreibtisch kroch, um dort zu spielen, entfernte
ich ihn heftig. Mein Gott, mein Gott, ich haßte
auch meine Kinder. Ich haßte meine Frau und meine
Kinder.
Am dritten Nachmittag, als ich
zu unterliegen drohte, ging ich in den großen
Stadtpark, um hier noch einmal Alles zu überlegen.
Mir bliebe nichts als der Tod – das war immer
und immer der Schluß meiner Gedankenketten.
Es war ein klarer Februartag. Der
Frühling hatte eine milde Luft vorgeschickt. Als
ich tief in die einsamsten Wege des Gartens gedrungen
war, wo ich keiner Menschenseele begegnete, nur allein
war mit meiner Liebe, kam plötzlich die junge Dame
mir entgegen. Ich hatte sie seit jenem Ballabend nicht
gesehen, hatte absichtlich vermieden, sie zu treffen.
Wir waren nebeneinander stehen
geblieben wie von selbst, ohne Verabredung, und reichten
uns die Hand. Ich führte die ihre nicht an meine
Lippen; ich legte meine Stirn darauf. Ich fühlte,
daß ich zitterte. Und nun sagte sie, während
meine Stirn auf ihrer Hand ruhte, sehr sanft in ihrer
österreichischen Aussprache: »Ich weiß,
Herr Hauptmann, Sie lieben mich, und Sie wissen es seit
dem Balle vorgestern, daß ich Sie gern, sehr gern
hab . . . Aber Sie haben eine Frau und liebe Kinder,
und ich hab einen Bräutigam, der sich erschießen
würde, wenn er . . .«
Meine Stirn lag immer noch auf
ihrem Handschuh.
»Da ists nicht möglich,
nicht? Sie könnten Ihre Frau . . .«
»Mein gnädiges Fräulein,«
rang es sich aus meiner Brust.
Aber sie fuhr ruhig fort: »Nun
sehen Sie, da heißts vernünftig sein. Es
wird vorübergehen bei uns beiden. Heut Abend noch
reis ich nach Wien zurück. Wir werden uns nicht
wiedersehn, um Ihrer Frau, um meines . . .«
Weiter kam sie nicht. Ich hielt
sie fest umschlungen an meiner Brust. Sie löste
sich: »Schonen Sie mich. Wir werden – uns
– vergessen . . .«
Dann trennte sie sich von mir.
Ich blieb stehen, ringend, denn die Minute der Entscheidung
war gekommen . . . Meine Frau . . . meine Kinder . .
. Das junge starke Wesen, das da von mir ging . . .
Ein Schritt, ein Schrei, und sie mußte, das Weib
mußte dem Manne folgen . . .
Regungslos, mit aufgerissenen Augen,
mit ausgebreiteten Armen starrte ich ihr nach. Ich stöhnte
in diesem furchtbaren Kampf. Noch einmal, an der Ecke
des Weges, kehrte sie sich um nach mir und winkte mir,
als wenn ihr Arm gelähmt sei und sie ihn nur schwach
heben könne, zweimal mit dem Taschentuch, das ihre
Linke hielt. Dann war sie meinen Blicken entschwunden.
Ich aber umschlang einen jungen schlanken Birkenstamm
und weinte wie ein Kind.
* *
*
Sie war am selben Abend abgereist,
wie sie es mir gesagt hatte. Ich hatte noch tausend
Kämpfe zu bestehen. Doch allmählich, als ich
immer wieder die strenge Dame Pflicht zu Hilfe rief,
kehrte Alles ins alte Geleise zurück. Meine Frau
hatte mit jenem feinen Gefühl, wie es ihrem Geschlecht
vor uns Männern voraus gegeben. geahnt . . . Und
ihre stille, gleichmäßige Liebe, ihre Güte,
ihre Milde taten Wunder und halfen mir hinüber.
Nach einem Vierteljahr nahm ich meine kleine Frau einmal
auf die Arme und trug sie wie ein Kind im Zimmer umher.
Und sie versteckte ihr Haupt an meiner Brust, und ich
hörte leise ihre Stimme: »Nun ist Alles,
Alles wieder gut«.
»Das Pflichtgefühl hatte
mir bei der schwersten Prüfung meines Lebens beigestanden,«
schloß der General seine Erzählung.
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