Kriegsnovellen
Portepeefähnrich Schadius
General Faidherbe hatte seit
einigen Wochen seinen leichten Lendenschurz, den er
am heißen Senegal getragen, mit einem tüchtigen
Pelz in Lille vertauscht.
Mit schnellkräftiger Hand
hatte er die dort vorgefundenen Truppen gerüttelt,
geschüttelt, gemengt, gesondert, hatte sich neue
Bataillone geschaffen, alte aufgefrischt und ihnen wieder
Lebensmut eingeblasen, und war nun wie ein zierlicher
Fechter von der großen nordischen Stadt aus vorgestoßen
einmal, zweimal, dreimal, viermal . . . unermüdlich.
Aber einmal, zweimal, dreimal, viermal hatte er von
den Deutschen empfindliche Schläge gefühlt.
Jedesmal gelang es ihm, sich mit besondrer Geschicklichkeit
aus der Schlinge zu ziehen und in seinen vielfach Lille
umgebenden größeren und kleineren Festungen
zu verschwinden. Zahlreiche Gefangene und zahlreiche
Stiefel und Schuhe, die das gute England in seiner bekannten
Parteilosigkeit den Franzosen geliefert hatte, blieben
jedesmal in unsern Händen. Die Gefangnen wurden
nach Deutschland gesandt, die Stiefel und Schuhe ließen
wir stehen, weil sie gar zu schlecht gearbeitet waren.
Endlich bei St. Quentin, am neunzehnten
Januar, an einem grauen, mißmutigen Wintertage,
schlug ihn der klargeistige General Goeben für
immer zurück.
General Faidherbe, klug, durchgreifend,
weiten Blickes, hatte während seiner sich wiederholenden
Vorstöße – er sollte unsre Nordarmee
zum Abrücken auf Paris verhindern, sie deshalb
stets am Mantel zupfen – gewissermaßen zu
seiner linken Seitendeckung, in der östlichen Picardie,
in den Ardennen, im nördlichen Teil der Champagne
Freischärlerabteilungen, große und kleine,
gebildet, die uns mancherlei Abbruch thaten, uns zum
wenigsten recht unbequem wurden.
Der Franctireur in Masse, das heißt:
in Trupps geteilt, in Uniformen, und wenn auch nur durch
ein gemeinsames Abzeichen kenntlich, gekleidet, wurde
stets als regelrechter Feind behandelt, trat er uns
so gegenüber. Aber jeder Franctireur, der einzeln,
vom Hinterhalt aus, einen einsam reitenden Adjutanten,
eine Ordonnanz, einen Feldposten erschoß, wurde
auf der Stelle an den nächsten Baum geknüpft,
wenn wir seiner habhaft werden konnten: denn das blieb
und bleibt in jedem Falle der Meuchelmord. Beschönigungen
giebt es nicht.
Um diesem Unwesen entgegenzutreten,
wurde, gleich nach der ersten Schlacht bei Amiens, im
Anfange des Decembers, eine aus den drei Hauptwaffen
gemischte Truppe zusammengesetzt, die den Auftrag erhielt,
die Linie Rheims–Rethél–Mézières
unter fortwährender Beobachtung zu halten. Alles
Übrige war dem Kommandeur durchaus überlassen.
Die gemischte Abteilung bestand aus meinem (Infanterie-)
Regiment, aus den einundvierzigsten Husaren und einer
reitenden Batterie.
Als Befehlshaber war uns von Versailles
ein junger Reitergeneral gesandt, der erst vor kurzem
die schmalen Biesen seiner Hose in breite rote Streifen
umgewandelt sah. Die ganze Armee kannte ihn schon seit
Jahren. Sein Ruf als Sportsman, als Pferdekenner, als
ein leidenschaftlich die Frauen Verehrender war bekannt,
nicht minder aber auch, daß er als einer der vorzüglichsten
und lebhaftesten Offiziere galt. Aus diesem Grunde,
so hieß es bei uns, sei er vom großen Hauptquartier
hierhergeschickt. Man fand dort keine rechte Verwendung
für den feurigen, oft tollkühnen Mann.
Ich erinnere mich der Stunde, als
ich ihn zum ersten Male sah, sehr deutlich. Unser Kommando
stand einige hundert Schritte nördlich von Amiens
auf der Landstraße. Wir erwarteten den gestern
Abend spät eingetroffnen Führer, um uns dann
sofort in Bewegung zu setzen. Schon eine Stunde wohl
hatten wir in den Gräben gesessen, geplaudert,
gefrühstückt, manchen Schluck gethan, als
sich uns von der Stadt her rasch eine kleine Staubwolke
näherte. »An die Gewehre«, »An
die Pferde«, »An die Geschütze«
rief es durcheinander. Aber ehe noch »Gewehr in
die Hand« kommandiert war, raste wie auf einem
durchgehenden Pferde der General bei uns vorbei. Er
hielt seinen Gaul erst beim vordersten Mann an. Dann
schrie er mit lauter Stimme: »Die Herren Offiziere«,
und »die Herren Offiziere« klang im Echo
der Ruf der Unterkommandeure. Bald hatten wir um ihn
einen Kreis gebildet und hörten nun sein erstes
Wort: »Meine Herren! Räubertag – Freudentag!«
Er wollte uns damit sagen, wie sein Herz vor Lust poche,
auf die Hasenhetze zu reiten, und wie auch wir uns wohl
glücklich schätzten, mit dem Gesindel uns
herumzuschlagen. Dann hielt er in kurzen Sätzen
eine kleine Ansprache, wie er die Sache anzufangen gedenke.
Der Batterie befahl er, an den Kopf der Kolonne zu fahren,
zu unserm allseitigen inneren Entsetzen! Eine Batterie
vornweg! Das war noch nicht vorgekommen. Freilich, beim
Anmarsch trabte er mit einer Schwadron eine halbe Meile
vor, so daß die Geschütze doch nicht ganz
in den blauen Dunst hineinrollten.
Keineswegs »pochte uns das
Herz vor Lust«, in den Guerillakrieg zu ziehen.
Dabei kam nichts heraus, das wußten wir. Ging
die Kolonne geschlossen vor, dann würden die Franktireurs
schnell wie die Wiesel in ihren Schlupflöchern,
die sie überall hatten, verschwinden; zeigten wir
uns einzeln, in kleinen Abteilungen, dann, ja dann würden
die Banden zum Vorschein kommen, um uns zu überfallen.
Während der General uns seine
Belehrungen gab, und, wie gesagt, in kurzen, markigen
Sätzen seine Absichten für die nächsten
Tage verkündete, hatte ich Zeit, ihn zu betrachten.
Selten wohl hat es einen schönern Mann gegeben.
Früher durch Jahre im großen Generalstab
beschäftigt, lag ihm noch, ich möchte es so
nennen, der leidende Zug im Gesicht. Die überaus
angestrengte Arbeit gräbt ihn unsern Generalstabsoffizieren
ein. Aber andererseits, wie wir dies namentlich bei
den jüngeren dieser Herren finden, war ihm aus
jener Zeit das (im guten Sinne natürlich) »Geschniegelte
und Gebügelte« geblieben. Wie saß ihm
die Schärpe! Wie sehr gepflegt glänzte der
starke, schwarze, in zwei scharfgedrehte Spitzen auslaufende
Schnurrbart.
»Also, meine Herren, den
Stab in die Hand,« schloß der General.
In den ersten Tagen und auch fernerhin
hatten wir keine Belästigungen, so lange wir geschlossen
blieben. Dennoch war die äußerste Vorsicht
geboten. Diese ewige »Vorsicht« brachte
unsern Nerven nicht grade Ruhe. Sobald wir ins Quartier
kamen, mußten wir erst alles durchsuchen, die
Kirchen, die Boden, die Keller, die Abseiten, jede kleinste
Räucherkammer. Starke Wachen zogen auf, dichte
Postenlinien wurden ausgestellt, Patrouillen gingen
hin und her, hierhin und dorthin. Und dazu das ungünstigste
Wetter, Schnee und Regen tauschten fortwährend.
Der Wind blies schwach, so daß wir nicht den Vorteil
hatten, von ihm getrocknet zu werden. Mit durchnäßten
Kleidern, oft bis aufs Hemd, rückten wir in die
großen, kalten Kirchen und Scheunen als in unsre
Massenbehausung ein. An ein wärmendes Feuer war,
der Gefahr wegen, nicht zu denken. Und wie aufgeweicht
schwammen die Wege; wir versanken in ihnen bis über
die Knöchel. Der Däne hat hierfür das
hübsche Wort: ssapssig.
Das waren wirklich Strapazen und
fast übergroße Anstrengungen. Die Verpflegung
wurde schlechter und schlechter. Langer Marsch und frostig
Dach, und was das schlimmste war: wir sahen und hörten
nichts vom Feinde. Wenn wir uns doch tüchtig hätten
einmal raufen können: das wäre eine Erlösung
gewesen.
Unserm Führer war diese ewige
»Hinundherzieherei, ohne die Kerls an den Kopp
zu kriegen«, ebenfalls sehr unerwünscht.
Er lenkte deshalb seine Aufmerksamkeit darauf, sich
irgendwo mit der ganzen Abteilung festzusetzen, um von
hier aus seine Unternehmungen zu beginnen. Schon nach
drei Tagen hatten wir den gesuchten Punkt gefunden.
Er lag einige Kilometer westlich der großen Straße.
Sérancourt selbst, das, nach seiner Ausdehnung
zu urteilen, fünf- bis sechstausend Einwohner zu
haben schien, lag in einem Thälchen; ihm unmittelbar
nach Norden sich anschließend, auf einem Hügel,
entdeckten wir ein Schlößchen im Mansardenstil.
Diesem wieder eng naheliegend, standen viele gewaltige
Fabrikgebäude. Bald wußten wir das Nähere.
Das Herrenhaus und die große Eisenbahnwagenfabrik
gehörten Herrn François Bourdon. Seine von
ihm beschäftigten zweitausend Arbeiter wohnten
mit ihren Familien oder als Junggesellen in Sérancourt.
Zur Zeit zwar lauerte und lungerte wohl über die
Hälfte dieser in den Wäldern der Franctireurs
umher. Die Fabrik war gänzlich geschlossen. Herr
und Frau Bourdon und ihr einziges Kind, Fräulein
Fanchette, waren vernünftiger Weise zu Hause geblieben.
Was hauptsächlich den Befehlshaber
vermocht hatte, diese Stellung als Ausgangspunkt für
seine Streifzüge, nach allen Seiten hin, zu wählen,
war die günstige Lage. Überall dämmerten
erst in weiter Entfernung Berg und Holz. Überallhin
überschaute das Auge vom Hügel aus alles.
Jede Annäherung konnte am Tage von uns frühzeitig
entdeckt werden. Nachts allerdings mußten strahlenförmig
Patrouillen, stehende Unteroffizierposten und Horchtrupps
vorgetrieben werden. Dafür ließ sich der
Wachtdienst in Sérancourt, auf dem Schlößchen
und in den Fabrikgebäuden einschränken.
Im Orte selbst stand das Infanterieregiment.
Im Herrenhause hatte sich der General und sein Stab
eingerichtet. Auch hatte dieser hierhin die vierte Kompagnie,
die von mir geführt wurde, befohlen. Ich lag also
vortrefflich, von meinem Kameraden viel beneidet. Während
es sich meine Leute, so gut es gehen wollte, bequem
machten in Ställen und andern Nebengebäuden,
wohnte ich selbst mit meinem Leutnant in zwei hübschen
Zimmern der Villa. Endlich hatten in den weitläufig
angelegten Fabrikräumen das Husarenregiment und
die Batterie Unterkunft gefunden. Zwar hatte der Befehlshaber
erst alle die Riesenmaschinen, und diese mit nicht geringer
Mühe, sowie die fertigen und unfertigen Eisenbahnwagen
rücksichtslos entfernen lassen. A la guerre comme
à la guerre. Die Eisenbahnwagen dienten uns vorzüglich
zu einer Art Wagenburg, die wir wie eine Umwallung um
die Villa aufgeführt hatten.
Herr und Frau Bourdon schienen
die liebenswürdigsten Leute. Doch nie vergaßen
sie den »Franzosen« (die kleine dicke Madame
war übrigens eine Engländerin), bewahrten
aber jede Höflichkeit, die unsern unruhigen Nachbarn
so gut steht. Auch mochte ihnen die Klugheit, wie sie
namentlich aus den Augen des Herrn Bourdon leuchtete,
gesagt haben, daß es das beste sei, sich in das
Unabänderliche zu fügen.
Morgens und abends, auch fast den
ganzen übrigen Tag, lebten wir für uns. Nur
das Hauptessen zeigte uns bei Tisch unsern unfreiwilligen
Wirt und seine Damen.
Die körperliche Erscheinung
Fräulein Fanchettes, der Tochter des Hauses, schien
mir gar sehr auffällig und obsonderlich von den
andern Menschenkindern, die ich bisher im Leben gesehen,
abzustechen. Auf einem schlanken Halse saß ein
Kopf, der mich dermaßen beim ersten Anblick in
Erstaunen setzte, daß ich beinahe zurückgeprallt
wäre. Auch den andern Offizieren geschah dasselbe,
wie ich deutlich bemerkte und wie wir es uns später
unter uns erzählten. Das längliche Gesicht
Fanchettes zeigte überall eine gleichmäßig
elfenbeinerne Farbe. Die Haare, durch einen graden Scheitel
über den Kopf geteilt, schlangen sich im Nacken
zu einem griechischen Knoten. Sie schimmerten mehr ins
Rötliche als ins Blonde. Ihre großen Augen,
die von sehr langen Wimpern beschattet wurden, schienen
aus dunkelbraunem Samt geschnitten zu sein.
Auch der General trat wie bestürzt
einen Schritt zurück, als er ihr vorgestellt wurde.
Bei Tisch saßen wir in folgender
Reihenfolge: Madame, rechts von ihr der General, Fräulein
Fanchette, ein Oberstabsarzt, der Adjutant des Befehlshabers.
Links von Madame: mein Regimentskommandeur, Herr Bourdon,
ich, mein Kompagnieoffizier.
Am andern Morgen ritt der General
mit einem Trompeter und einem Husarenunteroffizier,
der eine lange Stange mit sich führte, um deren
oberes Ende ein großes weißes Laken gewunden
und gebunden war, bei Tageslichtanbruch von Hause weg.
Ich sah es von meinem Fenster aus. Selbst sein Adjutant,
den ich später fragte, wußte nicht, wohin
er sich begeben habe.
Etwas vor fünf Uhr nachmittags
stieg er wieder lachend mit seinen Begleitern vor der
Villa ab. Beim Mittagessen verriet er nichts, bis er
sich plötzlich mit artiger Bewegung an Frau Bourdon
wandte und dieser einen Gruß bestellte vom Vicomte
de Combières, dem Gouverneur von Le Dragon de
Muraille. Die Dame dankte erstaunt mit großen
Augen, während Herr Bourdon ihn von unten ansah,
dabei seinen Suppenlöffel, den er schon dicht vor
den Lippen hatte, zum Stillstehen bringend. Auch Fanchette
schielte, ohne ihr Haupt zu wenden, einen Augenblick
zu ihm hin. Aber der General gab geschickt dem Gespräch
eine andre Wendung, so daß jede weitere Frage
der Tischgesellschaft unterblieb. Nachdem wir uns nach
Beendigung der Mahlzeit von der Familie Bourdon verabschiedet
hatten, bat uns der General, mit ihm auf sein Zimmer
zu kommen.
Hier erzählte er uns: »Meine
Herren! In der letzten Nacht fiel es mir in den Sinn,
ob es mir nicht möglich sein würde, die kleine
Felsenburg Le Dragon de Muraille, die wir von unsrer
Wohnung hier sehn können, und von der unser Hauptmann«
(er machte eine leichte Handbewegung zu mir) »gestern
behauptete, daß sie sich im Mondenscheine wie
eine Dorische Zeichnung ausnähme, zu überraschen.
Gedacht, gethan! Ich ließ
um sieben Uhr früh einen Trompeter und einen Husarenunteroffizier
rufen und war um acht Uhr schon auf dem Wege nach der
kleinen Festung. Wir hörten früher, und ich
habe es heute selbst in Erfahrung gebracht, daß
dies Steinnest außer einem Gouverneur, vierzig
bis fünfzig uralten Invaliden den letzten Lebensort
bietet. Außerdem hausen dort oben etwa fünfhundert
Einwohner, von denen die männliche Bevölkerung
zur Bedienung der Geschütze eingeübt ist.
Es bestätigt sich vollkommen,
daß das Städtchen uneinnehmbar ist. Daß
es den Namen der kleinen Eidechse führt, wurde
mir oben dadurch erklärt, daß sich unendlich
viele dieser zierlichen Tierchen hier auf den Mauern,
im Gerölle und in den Felsspalten bis zur Stunde
aufhalten.«
Der General setzte seine Erzählung
fort.
»Meine Herren, wenn ich die
Phantasie hätte der schönen Märchenerzählerin,
so würde ich Ihnen jetzt aus Tausend und einer
Nacht vortragen. Das kann ich nicht, und so müssen
Sie sich mit meinem nüchternen Berichte begnügen:
Als wir heute Morgen zu Pferde
stiegen – ich hatte sie schärfen und die
Bügel stark mit Stroh umwickeln lassen, denn es
hatte in der Nacht gefroren – umwehte uns ein
sanfter Südwind, der aber schon nach einer halben
Stunde in einen unangenehmen Ost überging, so daß
ich es bereute, statt meines Mantels meinen Überzieher
angezogen zu haben. Aber deshalb umzukehren, schien
mir die Sache nicht wert.
Ich hatte geglaubt, wie Sie wohl
alle derselben Ansicht sind, in etwa zwanzig Minuten
den Fuß des Kegels, und in weiteren zwanzig Minuten
das Städtchen selbst zu erreichen. Wie hatte ich
mich getäuscht. Nach Verlauf einer Stunde erst
gelangten wir zu dem Punkte, von wo aus uns ein Schneckenweg
in eineinhalb Stunden auf die Spitze brachte. Es giebt
nur diesen einen, etwa wagenspurbreiten Hinaufstieg,
der an einzelnen Stellen kleine Ausbuchtungen zum Ausbiegen
hat. Die Straße ist rechts und links mit meterhohen
Mauern eingefaßt, über die wir in immer tiefere
Abgründe schauten. Plötzlich, bei einer Biegung,
riß ich meinen Hengst zurück, denn vor mir
dehnte sich eine bodenlose Tiefe. Zugleich aber sah
ich über diesem kaum sechs Meter breiten Schlund
eine aufgezogene Zugbrücke. Rechts und links auf
jener Seite starrten jähfallende Felsen. Über
dem Thore bemerkte ich eine eingesprengte Nische.
Sofort ließ ich meinen Trompeter
blasen. Ich hatte ihm gesagt, daß er, was er wolle,
geben könne; und so klang es denn in dieser Wüstenei
absonderlich, wenn hintereinander: ›O, Du mein
holder Abendstern‹, ›Mädle ruck, ruck,
ruck an meine grüne Seite‹, unser prächtiges
Signal ›Trab‹, ›Wo Du nicht bist,
Herr Organist‹, und das düstere, nüchterne,
eiserne, alles mit sich fortreißende: ›Vorwärts‹
der Infanterie erklangen. Den Unteroffizier ließ
ich unaufhörlich das weiße Laken schwingen.
Nun war es Zeit, daß wir einen Bomelunder (einen
ausgezeichneten Schnaps aus meiner Heimat Schleswig-Holstein),
den ich in meine Satteltasche gesteckt hatte, zu uns
nahmen.
Nichts rührte sich. Nur entdeckte
ich links, in gleicher Höhe mit mir einen Steinadler,
der über dem Schlunde schwebte. Ich nahm mein Glas
und erkannte ihn an den gelben Kopf- und Nackenfedern.
Da riß eine schwarze Wolke auseinander, so daß
ein schmaler Sonnenstrahl just den herrlichen Raubvogel
in ein Meer von Gold tauchte. Dieser Sonnenstrahl traf
auch eine Felswand, von deren Rande eine Riesentanne
schräg über eine Untiefe hinausragte.
Während ich noch ganz versunken
dies mächtige Wildnisbild betrachtete, hörten
wir eine Kindertrompete, und als ich darauf nach der
Nische sah, von woher der Ton zu schwingen schien, bemerkten
wir in dieser einen kleinen eisgrauen französischen
Soldaten, gekleidet wie die Invaliden in Paris.
Eine vor Altersschwäche zitternde
Stimme fragte, was wir wollten. ›Ich wünsche
den Herrn Kommandanten zu sprechen.‹ ›Den
Herrn Gouverneur, wenns gefällig ist,‹ antwortete
vorwurfsvoll die Stimme. Was wir denn bei diesem beabsichtigten?
»Ich möchte den Herrn Gouverneur in dienstlicher
Angelegenheit aufsuchen.«
Wie in eine Versenkung verschwand
der Mann, und klapp! sagte es deutlich, und es zeigten
sich rechts und links des Eingangs plötzlich je
drei Geschützmündungen, die drohend ihren
offenen schwarzen Hals gegen uns aufsperrten. Die Blenden
waren wie durch Zauberschlag gefallen. Gleich dann rasselte
schwerfällig die Zugbrücke nieder, die Pferde
wurden durch das Geräusch des sich senkenden Belags
scheu, und im Handumdrehen wären sie uns durchgegangen.
In der Öffnung stand derselbe
Kleine mit dem Kinderhorn, der eben in der Nische uns
antrompetet hatte. Jetzt trug er noch ein überlanges
Schwert an der Seite. Er lud uns mit einer freundlichen
Handbewegung ein, näher zu kommen. Merkwürdigerweise
traten unsere Gäule ohne »Geschichten zu
machen« über die Bohlen, die den grausigen
Grund überbrückten. Sowie wir aber ins Thor
ritten, als der leichte Hufklang mit dem dröhnenden
wechselte, als plötzlich die sechs Geschütze
zugleich abgefeuert wurden, stiegen sie. Doch kein Reiter
darf Träumer sein, und so waren wir auf alles vorbereitet.
Bald, wenn auch ein wenig aufgeregt und Ohren und Augen
in lebhafter Bewegung, ruhten die zwölf Beine wieder
auf dem Boden.
Rechts und links wurden Thüren
auseinander geschoben, und je drei Invaliden –
keiner von diesen, wie überhaupt von allen, denen
ich im Laufe des Tages begegnete, schien unter siebzig
Jahren – traten mit entzündeten Fackeln vor.
Die Zugbrücke rasselte, wie durch ein Uhrwerk getrieben,
in die Höhe. Nun sah ich bei dem hellen Scheine,
wie mir sechs der alten Soldaten, die in einer Reihe
links von uns standen, mit ihren Gewehren ihre Ehrenbezeugungen
erzeigten.
Wir traten in folgender Reihenfolge
den Weitermarsch an: Zuerst in einer Linie nebeneinander
die sechs Fackelträger (so breit war alles hier
weggesprengt), dann ein zwölf- bis vierzehnjähriger
Trommelschläger. Hinter diesem der kleine Mann,
der das lange Schwert gezogen hatte. Endlich die sechs
Invaliden, die mir ihre Ehrenbezeugung gegeben, in einer
Linie nebeneinander. Meine beiden Begleiter hatte ich
an mich herangewinkt. Ich sagte ihnen, daß sie
keine Miene zu verziehen hätten, was wir auch immer
an diesem Tage erleben würden. »Zu Befehl,
Herr General,« erklang es frisch.
»Je suis le petit tambour
. . .«
Das Liedel fiel mir ein, als ich
den unaufhörlich das Kalbfell bearbeitenden winzigen
Trommelschläger beobachtete. Mit außerordentlicher
Würde schritten die weißschnurrbärtigen
Soldaten (keinen Henry quatre hab ich bei ihnen gefunden)
voraus. Ihre Bärenmützen wackelten nicht.
Ernst lag auf ihren Gesichtern. Wäre jetzt ein
Offenbachsches Tschingda, Tschingda, Tschingdada erklungen,
eine Operette hätte sich vor mir abgespielt.
Über zwanzig Minuten marschierten
wir im Tunnel. Die Wände schwitzten. Wann wird
es ein Ende nehmen und wie?
Da kam es mir vor, als wenn mir
eine Treibhauswärme entgegenhauchte. Bald streiften
Schimmer des Tages an den Seiten hin; heller wurde es
und heller. Die Fackelträger bogen, zu je dreien,
rechts und links aus, hielten und machten Stirnseite
zu uns. Der Trommler schritt weiter; hinter ihm der
kleine Mann mit dem großen Schwert. Hinter diesem
die sechs Grenadiere . . . Wir ritten aus dem Tunnel
ins Freie . . . Und wie entsetzt, wie auf ein gegebenes
Zeichen hielten wir die Pferde an . . . Eine Wirrnis
von Steinen lag um uns zu beiden Seiten des wieder wie
beim Aufstieg sich verengenden Weges . . . Kein Baum,
kein Strauch; nur Würfel auf Würfel gestellt,
nur nackte Schroffen und unermeßlich tiefe Schlünde
. . . Und wärmer und wärmer wurde die Luft.
Ich knöpfte meinen Überzieher auf.
Die Trommel hörte auf zu schlagen,
und der kleine Mann mit dem Goliatschwert gebot Halt.
Die sechs Grenadiere, die der schmalen Straße
wegen zu zweien hintereinander gegangen waren, blieben
stehen. Gewehr ab. Rührt euch – und der Führer
trat an mich heran. Er mußte mein Staunen in meinen
Zügen lesen, denn er begann sofort, ohne mich zu
Worte kommen zu lassen: »Ja, das glaube ich, mein
Offizier. Hier kann kein Preuße herüber.
Diese Einöde legt sich um unsere ganze Festung
wie ein Gürtel, wie eine Schlange, die sich in
den Schwanz beißt. Eigentlich werden den Unterhändlern
die Augen verbunden; in diesem Falle aber sollen Sie
sich grade durch Sehen überzeugen, durch Sehen,
Sehen, Sehen, ja durch Sehen, mein Offizier! Kommt der
Preuße heran, so sprengen wir den Tunnel und die
große Brücke, ah, die große Brücke.
Und dann ist jeder Angriff unmöglich.« Aber
erlauben Sie, unterbrach ich ihn . . . »Erlauben
Sie, erlauben Sie, mein Offizier, es ist unmöglich.«
Aber die Wärme hier, woher . . . »Sie werden
sehen, Sie werden alles sehen. Ah, die große Brücke.
Und nun bitte ich, daß der preußische Trompeter
uns einige Stückchen vorblasen darf, wenn wir wieder
antreten. Der Herr Gouverneur ist schon benachrichtigt.
Sie werden einen neunzigjährigen Greis finden.
Aber er ist voll der Ehre, voll der Ehre. Er wird sich
eher töten, als daß er die Festung übergiebt.«
Ich ließ meinen Trompeter
seine ›Stückchen‹ blasen, und vorwärts
gings. Ich konnte mich eines herzlichen leisen Lachens
nicht erwehren, als ich die stolzen Schritte des Knaben,
des Führers und seiner sechs Soldaten sah. Die
Musik begeisterte ihr altes treues Soldatenherz. Unsre
Pferde nickten mit den Köpfen.
Hatte ich vorher an Schillers Drachentöter
gedacht: ›Mut zeiget auch der Mameluck, Gehorsam
ist des Christen Schmuck‹, oder daß ich
den Mont-Salvage hinanritt als ›tumper‹
Parcival, so kam mir nun der Gedanke, daß ich
dem lustigen dicken König von Yvetot einen Besuch
abstatten wollte.
Lange schon hatten wir ein dumpfes
Geräusch vernommen.
Plötzlich, bei einer Biegung
der Schneckenstraße, hielt ich im Ruck meinen
Hengst an. Dem Trompeter blieb mit einem schrecklichen
Mißlaut sein ›Stückchen‹ in den
Lippen sitzen.
Vor uns zeigte sich eine wohl vierzig
Meter lange Brücke, die über eine grauenhafte
Höllentiefe führte. An unsrer Seite und an
der gegenüberliegenden stürzten die Felsen
lotrecht hinunter. Am Rande stiegen ungeheure Tannen
in die Lüfte. Einige abgestorbne standen schräg
oder lagen wagerecht über dem Schlunde. Wasserfälle,
Gießbäche, große und kleine Rinnen
sprangen und schossen, rauschten, polterten und plätscherten
hinab. Aus dem Thal selbst quoll ein grauweißer
Dampf empor, ohne uns zu erreichen. Zuweilen sahen wir,
oder so schien es uns wenigstens, einen breiten, schnell
vorbei wirbelnden Strom unten.
Der kleine Mann trat wieder zu
mir, beguckte mich, freute sich über meine großgewordnen
Augen und lachte. Dann fing er an (doch kaum wars zu
verstehen vor dem Lärmen der Wasser): »Ja,
das haben Sie nicht geahnt, mein Offizier. Wie eine
Schlange, die sich in den Schwanz beißt«
(er brauchte wieder denselben Vergleich), »so
umzieht dieser Fluß unser Städtchen. Die
Wasser, die hinunterfallen, sind eiskalt, aber frieren
nie. Der Strom ist glutheiß. Wo seine Abflüsse
sind, hat bisher niemand entdeckt. Vor einigen Jahren
ließen wir einen jungen Gelehrten, einen Naturforscher,
trotz aller erdenklichsten Warnungen, an Stricken hinunter.
Als wir ihn nach einer halben Stunde vorsichtig wieder
heraufzogen, lag er tot in den Seilen. Seine linke Hand
umschloß einen Stengel, auf dem eine große
himmelblaue Blume saß, wie wir sie nie gesehen.«
In diesem Augenblicke flog ein
Reiher (ein Reiher im Dezember? Aber mir fiel ein, daß
er oft Standvogel ist) kaum haushoch über uns weg.
Seine Flügel donnerten, als wären sie von
Erz.
Huchda, huchda. der Houben los!
beginnt ein Jagdgedicht, das dem furchtbaren Kaiser
Heinrich dem Sechsten zugeschrieben wird. Und ›Huchda,
heida! der Houben los!‹ hätte ich gleich
gerufen, als mir der große Fischvertilger über
den Scheitel flog. Dem Edelfalken die Haube ab, und
ihn nachgeworfen. Der Reiher hat ihn gesehen; er entledigt
sich des Inhaltes seines Kropfes, steigt, steigt in
die Wolken. Der Edelfalk ihm nach. Nun hat er ihn überflogen,
er zupft ihn an den Schwingen. Der zweite Falke wird
geworfen. Ah, ein wundervolles Bild: der Kampf am Himmelsthor.
Endlich überschlagen alle drei sich zur Erde. Reiter
und Reiterinnen jagen hin. Dem Reiher werden einige
Prachtfedern genommen; ihn ziert jetzt ein Blechschildchen,
das schnell ihm umgehangen ist. Und wieder Freiheit,
Freiheit, Freiheit . . . So war es einst. Die edelste
Jagd.
Verzeihung, meine Herren, für
diese durchaus unnötige Abschweifung.
Mein Lakenträger bibberte
mit den Lippen und sah mich von der Seite an; ich bemerkte,
daß er mir etwas sagen möchte. Nun, Meier,
wollen Sie mir etwas mitteilen? Ich bog mich zu ihm,
denn sonst war nichts zu verstehen. Er flüsterte
mir wie in Besorgnis: Dies ist wie eine andre Welt,
Herr General.
Endlich zogen wir weiter, ohne
Spiel, ohne Wort, über die lange, lange Brücke,
die sich am andern Ufer wieder in den schmalen gewundnen
Weg verengte. Alle Schroffen und Schluchten waren verschwunden.
Wir pilgerten durch eine Ebene.
Der kleine Trommelschläger
fiel wieder ein. Und vorwärts gings. Plötzlich
ein weites, offenes Thor, Festungsmauer, Giebel einzelner
Häuser, die Spitze eines Kirchturms, und drumdirum
marschierten wir durch die Wölbung ins Städtchen
ein. Gleich voran streckte sich ›das Schloß‹
über die andern Dächer empor. Hier machten
wir Halt, und der kleine Mann mit dem großen Säbel
führte mich in dies Gebäude.
Ich stand dem Gouverneur, dem Vicomte
de Combières, gegenüber. Nie hab ich so
etwas erlebt. Ein unendlich in sich zusammengesunknes
Männchen mit einem Stelzfuß, in voller Uniform,
geschmückt mit Orden über die ganze Brust,
am Krückstock – lachte mich höhnisch
von unten an, indem er den Kopf ganz schief hielt und
mißtrauisch wie ein Rabe mich anblinzelte.
»Sie kommen, Sie wollen,
mein preußischer Kamerad . . .« und nun
humpelte er durch den Riesensaal, worin wir uns befanden,
und lachte, lachte, lachte, nicht mehr höhnisch,
aber so fröhlich, lachte wie ein Kind. Dann stellte
er sich wieder vor mir auf, guckte mich abermals schief
von unten an, und sagte:
»Nun gut, was wollen Sie?
Meine Festung haben, mein Eidechschen?«
»Ich bin in der That hierhergekommen,
mein Gouverneur,« erwiderte ich ihm, »um
Sie zu bitten, die Thore zu öffnen für meinen
Obergeneral, der mit dreißigtausend . . .«
»Mit dreißigtausend
Mann,« und wieder holperte der Alte im Zimmer
umher. Aber sein Lachen klang anmutig und gutmütig.
Rasch stampfte er auf mich zu, ergriff einen Rockknopf
von mir und zerrte mich in ein Nebengemach. Hier stellte
er mich vor ein ungeheures Fernrohr, putzte emsig mit
seinem gelbseidnen Taschentuch an den Gläsern und
schrie mich an: »Schauen Sie durch, bitte, wenns
gefällig ist; schauen Sie durch.« Ich legte
mein Auge an und sah unsre Villa vor mir, bemerkte deutlich,
wie unsre Leute über den Hof gingen.
Der Greis rief: »Dreißigtausend
Mann, dreißigtausend Mann! kaum viertausend haben
Sie dort. Und wollen mich zur Übergabe zwingen.
Und wenn es über viermalhunderttausend wären,
unmöglich, unmöglich. Ich sprenge ja einfach
meine lange Brücke. Durch den dampfenden Fluß,
der meinen Platz wie ein Ring umfließt, kann kein
Mensch durch.«
»Dann werden wir die Ihnen
anvertraute Burg aushungern.«
»Wie, was,« schrie
er, aus vollem Halse lachend, »aushungern wollen
Sie uns, aushungern? Kommen Sie, kommen Sie, mein Kamerad,
ich will Ihnen zeigen . . .« und damit tapste
er voraus.
Als wir aus dem Schlosse traten,
wollte ich dem Vicomte meinen Arm geben; er erwiderte,
die Einwohner und Soldaten würden ihn für
meinen Gefangnen betrachten. Statt dessen mußte
ich ihn unterfassen. Und so traten wir denn durch hügelige
Gassen und Gäßchen unsern Weg an. Überall
liefen die Leute an die Fenster und an die Thüren.
Überall mußte ich hören: Ah, Herr Bismarck
. . . Ah, Herr Moltke, und die ausgesuchtesten Schimpfworte
folgten. Als es einmal gar zu arg wurde in einer Gruppe,
hob der Vicomte den Stock: »Wollt Ihr wohl Eure
Fischmäuler halten.« Alles jauchzte und rief:
»Es lebe der Gouverneur!«
Bei einer jungen, hübschen,
schwarzäugigen Frau blieb der Alte stehn und fragte
sie ganz gemütlich, was sie heute Abend auf dem
Herde habe. Erbsen und Schweinefleisch lautete die rasch
gegebne Antwort.
Einmal trat ein Graukopf dicht
an den Vicomte und flüsterte ihm, während
wir im Weitergehen blieben, etwas ins Ohr. Ich denke
mir, irgend eine Feindseligkeit gegen mich, oder einen
Vorschlag, mich gefangen zu nehmen. Wütend war
die Gegenreden: »Willst Du Deinen Rachen halten,
Du ausgedörrtes Stück Rindfleisch, Du!«
Bald traten wir aus dem Städtchen
ins freie Feld. »Wie, was, aushungern wollen Sie
uns?« rief Seine Excellenz. »Sehen Sie hier,
das ist der Acker Pierre Bomballons, dann folgt Auguste
Rochambeau, Erneste Lièvre, Charles Matin, Henri
Manier . . .«, und fort und fort, daß mir
der Kopf wirbelte, gab er Namen auf Namen.
Schließlich führte er
mich in den Gouvernementsgarten. Dieser war ins Gelände
eingeschnitten. Hier strömte uns dieselbe feuchtwarme
Luft entgegen wie auf der Brücke. Ein Apfelbaum
stand in Blüte, im Dezember! Doch belehrte mich
der Greis, daß aus dieser Jahreszeit die Blüte
niemals zur Frucht gedeihe.
Ins Schloß zurückgekehrt,
hatte ich die Ehre, Ihrer Excellenz vorgestellt zu werden.
Ich fand eine ebenfalls uralte Dame. Ihre Ruhe und Würde
stach wohlthuend ab gegen die quecksilberige Lebhaftigkeit
des Gouverneurs.
Beim Frühstück erschien
eine Enkelin der Alten, die mit ihrem siebenjährigen
Kinde, einem reizenden Mädchen, vor dem Kriege
hierhergeflüchtet war. Die kleine Julienne war
kaum eingetreten, als sie vor mir »Stellung nahm«,
die Ärmchen in die Seite stemmte und sehr drollig
sagte, während sie mich von oben bis unten und
von unten bis oben musterte: »Das also ist der
preußische Buhmann, Herr Bismarck.« Ich
glaube, sie hätte mich angespuckt, wenn die Mama
sie nicht rasch weggezogen hätte. Später haben
wir Freundschaft geschlossen.
Meine beiden Unteroffiziere erzählten
mir auf dem Heimritt, wie vortrefflich sie verpflegt
worden seien.
Auf der langen Brücke ließ
ich halten, um die märchenhafte Umgebung noch einmal
auf mich wirken zu lassen. Ich dachte an den jungen
Gelehrten, der hier die »blaue Blume« gefunden,
das Finden aber mit dem Tode gebüßt hatte.
»Was war es doch mit der
›blauen Blume‹, lieber Behrens,« wandte
sich der General an meinen Kompagnieoffizier. »Sie
sind der Jüngste von uns, und müssen daher
Bescheid wissen.«
»Sehr wohl, Herr General.
Erinnere mich deutlich. Vorbereitung zum Examen. Famöse
Blume, das. Irgend ein Reimschmied, wollte sagen Dichter,
suchte sie. Feudaler Name, das . . . Heinrich von Ofter
. . . Ofterdingen . . . nein, Hardenberg, richtig, Hardenberg.
Hätte nur hierherkommen sollen.«
Wir brachen alle in ein helles
Gelächter aus, weniger über die treuherzige
Aufklärung über die »blaue Blume«,
als über die gezierte, näselnde Sprache unsers
Leutnants. Wie oft war er deshalb schon von den Kameraden
aufgezogen und geneckt worden. Nun, in nicht langer
Zeit wird er selbst finden, wie wenig hübsch eine
solche Sprechweise ist. Sonst hatten wir Behrens alle
gern. Er war außerdem ein ausgezeichneter Offizier.
»Sie suchen auch die ›blaue
Blume‹, lieber Behrens, und wohl allen, die sie
noch suchen,« schloß der General.
Mitten in der Nacht wurde ich geweckt.
Der Feldwebel stand vor meinem Bette. »Warten
Sie einen Augenblick, Bruns. Gleich mach ich Licht .
. .«
»So, nun brennts . . . Was
giebts denn . . .«
Mein Feldwebel las:
Regimentsbefehl.
»Die vierte Kompagnie steht
morgen früh acht Uhr als Begleitkommando zum Abmarsch
nach Brettonville bereit. Die Wache bleibt zurück.«
»Schreiben Sie, Bruns:«
Kompagniebefehl:
»Die Kompagnie steht morgen
früh drei Viertel acht Uhr zum Abmarsch bereit.
Ohne Tornister; sonst feldmarschmäßig.«
Der Feldwebel meldete mir dann
ferner, daß erst vor einer Stunde aus Brettonville
beim Herrn General die Mitteilung eingegangen sei, daß
dort Liebesgaben für unser Regiment aus der Heimat
eingetroffen wären. Der Herr General habe dem Herrn
Oberst Befehl erteilt, und dieser, der Kürze der
Zeit halber, die vierte Kompagnie bestimmt. Zahlmeister
Franz sei benachrichtigt, morgen früh dreiviertel
acht Uhr mit zwei Wagen im Schloßhof zu stehen.
Nachdem ich mit dem Feldwebel das
Erforderliche besprochen, ihm namentlich auf die Seele
gebunden hatte, daß die Mannschaften nicht zu
frühzeitig geweckt würden, entließ ich
ihn.
Während ich mich noch im Bette
aufstützte und eben im Begriff war, das Licht auszublasen,
rief ich: »Behrens, Behrens,« es zugleich
bereuend: weshalb denn störte ich ihn; er wird
schon zeitig genug sich die Augen reiben müssen.
Leutnant Behrens drehte sich schwer
in seinem Bette herum, und fing an, im Halbtraume eine
ganze Geschichte zu erzählen: »Fanchette
. . . wirklich famöses Frauenzimmer . . . wie Nubierin,
nein Ägypterin Cleo . . . Cleopatra . . . Anton
. . .« (Anton steck den Degen ein, lachte ich
leise), »Antonius . . . nein . . . wie hieß
doch der schneidige Hund . . . wirklich famoser Kerl«
(Rebus gestibus Caesar invenit in Galliam, lachte ich
wieder leise) ». . . Cäsar, wirklich famöser
Kerl . . . Cleopatra . . . Cäsar . . . Cäsarion
. . . Fanchette . . .«
. . . und mit diesen Worten schlief
mein Leutnant wieder fest ein.
Nachdem ich das Licht gelöscht
hatte, lag ich gleich darauf auch selbst im tiefsten
Schlaf.
Am andern Morgen, als wir in die
Landstraße einbogen, umstieß ein häßlicher
Nordost unsre Nasen. Die Mannschaften trugen Ohrenklappen.
Just als die Trommelschläger ihre Stöcke und
die Hornisten ihre Pfeifen ins Futteral steckten, erblickten
wir Le Dragon de Muraille. »Kann mir gar nicht
denken, Herr Hauptmann, daß der Taubenschlag da
oben nicht mit zwanzig, dreißig Kerls ausgenommen
werden könnte,« meinte der neben meinem Pferde
gehende Leutnant.
»Der General erzählte
uns doch gestern Abend,« antwortete ich, »daß
die kleine Festung uneinnehmbar sei.«
»Wort des Herrn Generals
in Ehren; aber die Geschichte mit dem dampfenden Fluß,
der sich wie eine sich in den Schwanz beißende
Schlange um den Wolkenschlitzer da ringt, und die Geschichte
mit dem blühenden Äppelboom ist mir doch etwas
schleierhaft.«
Behrens' und meine Gespräche
mußten bald abgebrochen werden, da wir beide dienstlich
zu sehr in Anspruch genommen wurden.
Ich kannte den Weg nach Brettonville.
Auf einem »Räuberzug« hatten wir ihn
schon einmal betreten. Bald hinter Sérancourt
begleiteten ihn rechts und links dichte Waldungen bis
fast nach Brettonville. Nur zwei große Dörfer
unterbrachen diese. Es war also beim Hin- und namentlich
beim Rückmarsch die äußerste Vorsicht
geboten. Beim Rückmarsch um so mehr, weil dann
jedenfalls längst bekannt und verraten worden war,
daß ich zu irgend einer Abholung am Vormittag
mit zwei Wagen nach Brettonville marschiert sei.
Unser Vorrücken wurde dadurch
recht verlangsamt, daß ich zahlreiche Seitenläufer
schicken mußte, die nun, um unter sich und mit
uns in Fühlung zu bleiben, fortwährend sich
leise zuriefen. Die Spitze trieb ich weit vor, das bedang
wieder Zwischenposten. Mein ganzer Schützenzug
war als Schleier und Fühlhorn in Verwendung getreten.
Als wir durch die beiden Dörfer
zogen, standen in ihren Holzpantoffeln wohl alle männlichen
Einwohner harmlos vor den Thüren. Sie trugen ihre
blauen Blousen, vergruben ihre Hände in den Hosentaschen
und lachten uns nichts weniger als gemütlich an.
In Brettonville hatte sich einige
Tage nach Sedan eine Johanniterniederlage eingerichtet,
die dort zugleich einem großen Lazarett ihre Säle
öffnete. Zwei starke Landwehrbataillone lagen im
Städtchen zum Schutze.
Sérancourt von Brettonville
trennten nur neun Kilometer.
Gegen elf Uhr trafen wir in Brettonville
ein. Nicht das geringste Hemmnis hatte uns unterwegs
aufgehalten.
Vor dem Auseinandergehen meiner
Kompagnie befahl ich ihr, an diesem Platze dreiviertel
zwei Uhr nachmittags wieder zum Nachhausemarsch anzutreten.
Ihrer vorzüglichen Verpflegung unterdessen in der
Niederlage war ich sicher.
Nun gingen Behrens und ich zum
Kommandanten, wo ich mich zu melden hatte, und dann
zum »Oberbonzen«, wie sich mein Leutnant
ausdrückte, um uns mit diesem und den andern Johannitern
bekannt zu machen. Zahlmeister Franz, ein alter, von
uns vielgeliebter Prachtmensch, der so hübsch Schubertsche
Lieder sang und die Guitarre spielte, lenkte seine beiden
leeren Wagen in einen großen Thorweg, um sie dort
füllen zu lassen.
Wer jemals die aufopfernde Thätigkeit
der Johanniter und ihrer Angestellten im Kriege zu beobachten
Gelegenheit hatte, wird für sie sein Leben lang
eine tiefe Verwunderung und eine tiefe Dankbarkeit behalten.
Vom Fürsten abwärts besorgen sie ihren Samariterdienst
und seine Abzweigungen in selbstlosester Weise, und
einzig bedacht, den Verwundeten und Kranken die möglichste
Pflege zu geben, den gesunden Truppen nach vorn ins
Feld soviel des Guten nachzuschicken, als irgend ihre
Räume nur fassen können.
Als ich mich beim Kommandanten
gemeldet hatte, gingen Behrens und ich in die Niederlage.
Vor allen Dingen konnten wir dort ein »schneidiges«
Frühstück erwarten. »Werde ihnen die
Hammelbeine schon grade ziehen, wenn sie nicht mit ihrem
besten Madeira herausrücken,« schnarrte mein
lieber Behrens.
Wir traten in ein Kloster ein,
das zum Hospital und zum Aufbewahrungs- und Versendungsort
der Liebesgaben umgewandelt war. Gleich im ersten Raume,
den wir aufsuchten, sah es wie in einem Laden aus, der
aller Welt Waren in sich barg. Ich bat hier um wollene
Decken, die uns sehr fehlten. Ein kleiner dicker schlesischer
Graf, der eine grüne Schürze vorgebunden hatte
wie ein Krämerlehrling, nahm eine Leiter, trug
sie an eine bestimmte Stelle und kletterte hinauf. Von
oben rief er, nach schnellem Überblick, über
seine Brille wegsehend, einem andern Herrn nach unten
zu: »Hier liegen noch siebzig bis achtzig. Wie
viele können wir abgeben, mein Prinz?« Dieser
antwortete: »Wollen Sie etwa fünfzig bestimmen,
lieber Graf. Grade für diese Tage ist uns ja eine
neue Sendung angesagt.«
Als ich im Lager auf und ab schritt,
fiel mein Blick wie zufällig durch eine offen stehende
Thür in ein Nebenzimmer: Auf einer noch nicht geöffneten
Kiste saß, den Kopf an ein aus einem Fache herausdrängendes
Bündel Leibbinden gelehnt, die Hände lang
aneinander gestreckt zwischen den Knieen haltend, ein
Knirps in Uniform, die die Abzeichen meines Regiments
zeigte, und schlief. In die blasse Stirn wagte sich
ein tiefschwarzes Löckchen, das, zum Ärger
meines Hauptmannsherzens, nicht ganz ordnungsmäßig
verschnitten war.
»Ich bitte Sie, Durchlaucht,«
wandte ich mich an den neben mir stehenden Prinzen,
»wer ist denn das?«
»Ah, der dort, das Kerlchen.
Ja, der ist gestern hier bei uns eingeschneit. Er trat
außerordentlich diensteifrig auf, uns, ich möchte
sagen, anflehend, ihm den Weg zu seinem Regiment anzugeben.
Er hätte Befehl, sich so rasch wie möglich
dort zu melden. Aber wir merkten, wie ermüdet und
abgespannt er war, und packten ihn daher schleunig ins
Bett, wo er sofort einschlief. Es ist der Portepeefähnrich
Schadius, der vom Ersatzbataillon nach Frankreich nachgeschickt
ist. Nun findet er ja eine gute Gelegenheit, wenn Sie
ihn unter Ihre Flügel nehmen wollen . . . Ich werde
ihn übrigens gleich wecken: die Frühstückszeit
ist gekommen. Wir werden doch die Ehre haben, Sie, Herr
Hauptmann, und die beiden andern Herren heute beim Lunch
zu sehen?«
Mit diesen Worten ging der Prinz
hinein. Ich folgte mit den Augen seinen Schritten. »Sie,
Junker, wachen Sie auf. Ein Hauptmann von Ihrem Regiment
ist hier,« hörte ich ihn mit gedämpftem
Tone sprechen, während er ihm sanft die Schultern
bewegte. Schadius erwachte, öffnete noch halb im
Traume seine großen blauen Augen, sah den Prinzen
verwundert an und sprang dann von der Kiste. »Ja,
ja, ein Hauptmann von Ihrem Regiment ist hier, der Sie
mitnehmen will zu Ihrem Herrn Obersten,« wiederholte
der Prinz. Verschwunden war der Fähnrich, um gleich
aufzutauchen in Helm und mit stramm umgeschnalltem Seitengewehr.
Dann in straffer Haltung vor mich hintretend, meldete
er: »Portepeefähnrich Schadius, kommandiert
vom Ersatzbataillon zum mobilen Regiment.«
Nun gab es die Fragen und Antworten,
wie sie immer in gleicher Folge bei ähnlichen Veranlassungen
lauten. Ich betrachtete mir unterdessen den Junker.
Fein und zart, fast überzart war sein Gliederbau.
Die Kinderzeit hielt ihn noch ein wenig mit ihren unschuldigen
Händen. Der Übergang zum Jüngling war
noch nicht vollendet, wenn er auch schon achtzehn Jahre
hinter sich zählen konnte. Aber grade solche zarte,
wie zum Umwehen eingerichtet erscheinende junge Leute
ertragen in den meisten Fällen die Beschwerden
und Anstrengungen eines Krieges besser als völlig
ausgewachsene Riesen. Das hoffte ich auch von Schadius.
Das Frühstück war »wirklich
kolossal schneidig«. Einmal hörte ich meinen
Leutnant sagen: »Wirklich famöser Stoff,
das . . .« So brauchte er denn die Johanniter
nicht »an den Hammelbeinen zu ziehen«.
Um dreiviertel zwei Uhr stand meine
Kompagnie zum Rückmarsch bereit. Die beiden vollbeladnen
Wagen ließ ich zwischen Spitze und Haupttrupp
fahren, um gegebnen Falles so schnell wie angängig
fortzueilen. Schadius wollte ich neben den Zahlmeister
setzen; aber er bat mich so eindringlich, einen Zug
übernehmen zu dürfen, daß ich nachgab.
Beim Abrücken drückte mir der Kommandant bewegt
die Hand: er bedaure, mir keine Unterstützung mitgeben
zu können; aber er habe den strengsten Befehl,
unter keinen Umständen sich in Brettonville zu
schwächen.
Und dann zogen wir los. Ich hatte
noch mehr Vorsichtsmaßregeln angeordnet als am
Morgen. Beide Dörfer, in denen diesmal nichts zum
Vorschein kam, lagen schon hinter uns. Ich atmete ein
wenig auf . . . Da, ein Schuß bei meinen linken
Seitenläufern, ein zweiter, ein dritter, nun vorn,
nun hinten und überall.
Was ist einzig nötig in solchem
Fall? Ruhe, Besonnenheit. Ich kommandierte (alles war
vorher schon genau eingeübt): »Siebenter
Zug links, achter Zug rechtsum machen.« Und blitzschnell
warfen sich die beiden Züge in den Wald. Den einen
führte Behrens, den anderen Schadius.
In einem Zeitraum von höchstens
zwei Minuten sehe und höre ich:
Der alte Zahlmeister haut mit der
flachen Klinge auf seinen Kutscher ein. Dieser jagt
davon, was das Riemzeug hält. Der andre Wagen rast
hinterher. Jetzt, bei der Wegebiegung, liegt der Zahlmeister
auf dem Rücken, immer noch die flache Klinge gebrauchend.
Er wird umtanzt von in die Höhe fliegenden und
niederfallenden Schinken und Würsten . . .
Behrens brüllt: »Näher
heran zu mir mit Ihrer Gruppe, Unteroffizier Becker.
Haut se uf'n Deetz, Kerls, haut se uf'n Deetz. Marsch,
Marsch, Hurrah . . .«
Ich will mit meinem Braunen über
den breiten Graben. Es muß gehen. Aber der Wallach
hinkt, bleibt stehen. Ich springe ab. Zwei Kugeln haben
das linke Vorderbein getroffen, eine ist durch den Hals
gegangen. Rasch den armen Tiere den Revolver hinters
Ohr gesetzt. Er hält die Mähne, als ob er
die Erlösung erwartet, schon zum Schuß gesenkt,
so daß ich gut reichen kann. Er bricht zusammen
. . .
Einer umklammert meine Hüften.
Wer ist es? Mein kleiner Portepeefähnrich. Sein
Gesichtchen ist versteint: vor ihm steht ein riesiger,
greulich aussehender, schwarzbärtiger Kerl, der
sich vorher im Graben versteckt haben mochte; schon
hat dieser den Kolben erhoben und will ihn niedersausen
lassen mit Wucht. Kaum zwei Schritte ist das von mir.
Mein Revolver scheint noch zu rauchen. Ich ziele dem
Unhold ruhig aufs Herz. Ich schieße. Er fällt
mit dem Gesicht zur Erde. Sein Gewehr fliegt weg. Seine
linke Hand krampft sich in den Schweif meines verendeten
Pferdes . . .
In kaum einem Zeitraum von zwei
Minuten ist das alles geschehen.
Keine Zeit, keine Sekunde Zeit
mehr. »Bleiben Sie an meiner Seite, Fähnrich!«
Und hopp! Über den Graben in den Busch zu meinen
prächtigen Leuten. Ich übernehme selbst den
Zug. Und: »Marsch. Marsch, Hurrah!«
Seht den kleinen Fähnrich.
Er stürzt sich wie ein Teufel ins Gefecht. Sein
Käsemesserchen schwingt er über sich. Er ist
immer weit voran. Wir können kaum folgen. »Bravo,
bravo!« ruf ich ihm zu . . .
Wir messen uns im Handgemenge.
Jeder Baum scheint einen neuen Feind zu gebären.
Immer mehr, immer mehr. Wir sind in bedeutender Minderzahl.
Der Pulverdampf verzieht sich schwer durch die Kronen.
Jede Übersicht fehlt. Alle sind nur mit sich beschäftigt
und ihrem nächsten Angreifer. Allmählich ist
unser Häuflein an den Grabenrand gedrängt.
Einer meiner Hornisten ist stets an meiner Seite geblieben.
Ein Gedanke schießt mir durch den Kopf: Roland
im Thal von Roncesvalles. »Blasen Sie Ruf, Weber.«
Und die drei kurzen Töne, wie ein Verzweiflungsschrei,
verhallen im Walde. »Noch einmal, Weber.«
Und wieder die drei kurzen Stöße ins Horn
. . .
Wir sind bis an die Landstraße
zurückgeschoben. Auf der anderen Seite sehe ich
Behrens und seine Leute. Bis hierher und nicht weiter.
Lieber den Tod als Gefangenschaft.
»Blasen Sie Ruf, Weber.«
Noch einmal solls erklingen, dann nur noch ein Signal:
»Vorwärts« . . . Da dringts, da singts
in unser Ohr. Wir hören deutlich unser Reitersignal
»Galopp« und wieder und wieder . . . Großer
Karl, hast dus vernommen? . . . Und um die Biegung des
Weges braust der General, und hinter ihm das Husarenregiment!
Wir sind gerettet.
Der General, bei uns angekommen,
ließ absitzen und sandte einen Teil der Husaren
zum Gefecht zu Fuß rechts und links ins Holz.
Wir hörten keinen Schuß mehr. Die Franktireurs
waren, wie von der Erde aufgesogen, verschwunden.
Der General umarmte und küßte
mich. Dann stellte ich ihm den Portepeefähnrich
Schadius vor, zugleich hervorhebend, wie ausgezeichnet
der Junker sich im Gefecht benommen habe.
Nun ging es vor allen Dingen an
das Aufsuchen der Verwundeten. Die Dunkelheit wollte
schon einsetzen. Die Schwerverwundeten wurden getragen
– der Weg nach Sérancourt war kaum noch
eine halbe Stunde entfernt –, die Leichtangeschossenen
gingen zu Fuß. Am schwersten getroffen schien
Leutnant Behrens zu sein. Zwei Kugeln hatten ihm den
rechten Oberarm und die linke Schulter zerschmettert,
eine dritte ihm den Hals gestreift. Wir reichten ihm
in tiefer Bewegung die Hand. Er konnte noch leise sprechen:
»Wirklich famoses Draufgehen unsrer Leute; stark
angekratzt; wird schon besser gehen . . .« Wir
setzten ihn mit vieler Mühe und größter
Vorsicht auf ein Pferd zwischen zwei ihn stützende
Husaren. »Wirklich lächerlich . . . solche
Umstände . . .« Dann hörte ich ihn nicht
mehr sprechen. Seine Schulterwunde schien mir die gefährlichste
zu sein.
Nachdem der General Appell und
ich Sammeln hatte blasen lassen, setzte sich der Zug
in Bewegung. Die Toten mußten wir, wegen der eintretenden
Finsternis, vorläufig liegen lassen.
Auf dem Heimwege erzählte
mir der General, daß ihn den ganzen Tag eine Unruhe
geplagt habe, den Wagen zum Empfang der Liebesgaben
ein zu kleines Bedeckungskommando mitgegeben zu haben.
Endlich, am Nachmittage, hätte er es nicht mehr
ertragen können; er wäre uns mit den Husaren
entgegengekommen. Gleich beim Abritt von Sérancourt
wären ihm in wahnsinniger Flucht die beiden Wagen
entgegengeschossen. Da hätte er alles gewußt.
Mein Signal Ruf sei von ihm, trotz des Gewehrgeknatters,
deutlich gehört worden. Daraufhin habe er unaufhörlich
das Signal Galopp zu mir hingeschickt.
Am andern Morgen marschierte unsre
ganze zusammengesetzte Abteilung, die Verwundeten in
der Mitte, nach Brettonville, um diese dort abzugeben.
Das zweite Bataillon meines Regiments blieb an der Stelle
zurück, wo wir gestern das Gefecht gehabt hatten.
Es sollte die Toten in ein Massengrab legen. Auf unserm
Rückmarsch schloß sich dies Bataillon uns
wieder an, und mit klingendem Spiel, mit lustigen Märschen
rückten wir ins Quartier ein. Statt des schwerverwundeten
Leutnants Behrens war mir Schadius als Offizierdiensttuender
zugeteilt. Statt meines Leutnants saß nun mein
kleiner zarter Junker bei Tisch an meiner Seite.
Ein großer Rachezug wurde
beschlossen. Aber auf diesem, wie auf einigen folgenden,
wurde nichts erreicht. Die Batterie kam nicht zum Abprotzen,
die Husaren nicht zum Angriff, wir nicht zum Schuß.
Es war eigentlich eine recht klägliche Geschichte.
Die Städte und Dörfer, die wir durchzogen,
zeigten immer nur die größte Stille. Nur
wo von uns eine einzelne Kompagnie oder Schwadron auf
den Wegen, war sie sogleich von allen Seiten gefährdet
und bedroht.
Ärgerlich berichtete darüber
der General seiner vorgesetzten Behörde. Es kam
die Antwort zurück, daß der Zweck völlig
erreicht sei; er möge so lange in seiner Stellung
dort ausharren, bis ihn weitere Befehle träfen.
Seine Streifzüge habe er nach wie vor zu unternehmen.
In unserm täglichen Leben
hatte sich, wenn wir nicht auf dem Marsche waren, nichts
geändert. Bei Tisch klang das Gespräch heiterer
als früher. Selbst Herr Bourdon scherzte und lachte.
Seit einiger Zeit schien er wie umgewandelt. Seine kleine
dicke runde Frau sprudelte. Nur Fanchette blieb gleichmäßig
ruhig. Ihre Augen aber spielten öfter als zuvor
zu ihrem schönen Nachbarn hin. Das Benehmen des
Generals gegen sie schien mir anfangs unerklärlich.
Bald behandelte er sie mit ausgesuchtester Höflichkeit,
bald mit einer bis zur Schroffheit gehenden Kälte.
Nun merkte ichs: er war in das fremdartige Mädchen
»sternhagel« verliebt.
Aber auch ein andrer, mein kleiner
Schadius, wie ich nachts aus seinen lauten Träumen
erfuhr, fand die Augen Fanchettes als die schönsten
im Himmel und auf der Erde. Zum ersten Male griff mit
süßen Klängen die Liebe in die Saiten
seines Knabenherzens.
Eines Morgens, als Schadius und
ich durch eine Zimmerflucht gingen, und ich die Thür
zum Saale geöffnet hatte, prallten wir bestürzt
und wie beschämt zurück. Der kurze Augenblick
hatte uns alles erklärt: Fanchette saß im
Sofa, neben ihr, zu ihr hingebeugt, auf einem Lehnstuhl
der General. Seine linke Hand umspannte den Knöchel
der Rechten Fanchettes. Er sah ihr lächelnd ins
Gesicht. Aber auch ihre Augen verkündeten seinen
Sieg.
Schnell traten Schadius und ich
zurück, schlossen leise die Thür und suchten
andre Wege. Der General und Fanchette hatten uns nicht
bemerkt.
Am Abend desselben Tages, nach
dem Mittagessen, bat der General seinen Adjutanten,
meinen Oberst und mich in sein Zimmer. Kaum saßen
wir, als der Bursche einen Unteroffizier aus Sérancourt
meldete. Der Unteroffizier trat ein, machte Kehrt, Gewehr
ab, Thür zu, Front, Gewehr auf, und trat an den
General, ihm ein geschlossenes Schreiben überreichend.
Der Befehlshaber erbrach es hastig, überflog es
und sagte dann dem Unteroffizier: »Es ist gut.
Warten Sie draußen.«
Als sich dieser entfernt hatte,
las der General laut:
Sérancourt, am 9. Januar
1871.
Abgang: 5 Uhr 35 Minuten.
Meldung.
Seit heute Nachmittag drei Uhr
treffen einzeln, oder zu zweien und dreien, junge Leute,
meistens Bewohner der Ortschaft, hier ein. Ich habe
Befehl gegeben, daß jeder Neuankommende sofort
nach Waffen untersucht werde. Verdacht habe ich, daß
diese jungen Leute Franctireurs aus den Wäldern
sind.
von Langfeldt,
Major und Bataillonskommandeur,
Garnisonältester.
Der General gab hierauf, ohne zu
zögern, seinem Adjutanten folgendes in die Bleifeder:
Abteilungsbefehl.
Sämtliche Wachen, Patrouillen
und Posten sind nach Bekanntmachung dieses Befehls bis
auf weiteres zu verdreifachen. Von heut an legen sich
die Herren Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften
unausgekleidet zur Ruhe. Morgen früh neun Uhr findet
überall eine scharfe Durchsuchung nach Waffen statt.
Das Gefundene ist hierher abzuliefern. In jedem Quartier
hat von nun an ein Mann zu wachen.
p. p.
Der Adjutant eilte von dannen,
um das Weitere zu veranlassen.
Der General wandte sich mit den
Worten zu uns: »Fast scheint die eben eingetroffene
Mitteilung eine Bestätigung zu sein. Denn ich wollte
Sie fragen . . . Halten Sie, Herr Oberst, es für
möglich, daß unser unfreiwilliger Wirt, Herr
Bourdon, uns verraten könnte? Ja, halten Sie ihn
für fähig, daß er sein Leben, seine
Familie, sein Haus, seine ganze Zukunft zu opfern imstande
wäre, wenn nur uns dabei die Gurgel abgeschnitten
würde? Sein Benehmen in den letzten Tagen, seine
übergroße Heiterkeit haben mir Argwohn gegeben.«
»Ja,« antwortete mein
stiller, immer ernster Oberst, »ich halte Herrn
Bourdon zu dem allen für fähig. Er ist –
Franzose.«
»Nun denn,« entgegnete
der General, »dann müssen wir von diesem
Augenblick an lauschen wie die Katzen und sehen wie
die Luchse.«
Als ich in der auf diesen Abend
folgenden Nacht einmal erwachte, hörte ich Schadius,
der im Bette des Leutnants Behrens schlief, heftig schluchzen.
Es war jenes Weinen, das wir ersticken wollen und es
nicht fertig bringen, vergraben wir auch noch so sehr
den Kopf in die Kissen.
Soll ich Schadius rufen? Ich unterließ
es: wußt ich doch nur zu gut, daß ich hier
nicht helfen konnte, daß erster Liebeskummer und
erste Eifersucht sein junges Herz zerwühlten und
quälten.
Ich that, als wenn ich schliefe.
Nach wenigen Minuten beobachtete
ich, wie sich Schadius im Bette aufrichtete und mit
thränengefüllten Augen in den Mond starrte.
Am andern Morgen verriet ich natürlich
durch nichts, daß ich ohne zu wollen ihn belauscht
hatte. Aber ich zog ihn einmal an mich, legte meine
Hand auf seine Schulter und sagte zu ihm: »Wir
alle haben im Leben unaufhörlich zu kämpfen,
lieber Schadius, keinem wird das Dasein nur mit frohen
Stunden erlaubt. Wir dürfen uns unserm Schmerz
unter keinen Umständen hingeben, sondern müssen
uns immer wieder herausreißen aus allem, was uns
drückt.«
Er sah mich etwas verwundert mit
seinen großen Augen an und sagte nur im dienstlichen
Tone: »Sehr wohl, Herr Hauptmann.«
Die nächsten zwei, drei Tage
schwanden, ohne daß sich etwas Besonderes ereignet
hätte. Die Haussuchung nach Waffen hatte wenig
erzielt. Die Wachen, Posten und Patrouillen waren verdreifacht.
Unsere Nerven litten durch das ewige Annehmenmüssen
eines Überfalles.
In der vierten Nacht konnte ich
durchaus nicht schlafen; ich lag, wie immer, fast ganz
angekleidet, abgespannt auf meinem Bett. Endlich konnte
ich meine Unruhe nicht mehr bemeistern, stand auf und
trat ans Fenster. Eine dunkle, windige Nacht glotzte
mich an. Einsam zu mir her klang nur das fortwährende
Anrufen der Posten und Patrouillen.
Auch der Fähnrich hatte keinen
Schlaf finden können. Ich ließ ihn zu mir
treten. Eine große schwarze Wolke gab in diesem
Augenblicke das Sternbild des Großen Bären
frei. »Wie merkwürdig, Herr Hauptmann, daß
bei mir zu Hause der Große Bär in ganz andrer
Stellung steht.« Ich lachte laut auf und bemerkte
Schadius, daß diese seine Beobachtung auf irgend
einer Täuschung beruhen müsse.
Mir fiel bei der kindlichen Äußerung
eine Stelle aus einem Trauerspiel: »Pokahontas«
ein, das ich unmittelbar vorm Ausbruch des Krieges gelesen.
Sie hatte sich mir genau eingeprägt: Ein Offizier
erzählt, wie er mit seinem Freunde Lord de la Ware
auf den Wällen Jamestowns in Virginia einen mutmaßlichen
Angriff der Indianer erwartet habe:
. . . Der Himmel schwarz bedeckt
War aufgeregt durch eines Sturmes Toben,
Der wie ein Stier mit eingestemmtem Nacken
Die Wolken vor sich trieb wie feige Hunde.
Nur einmal, schnell, als wärs ein Gruß aus
England,
Sah ich des Großen Bären Sterne blitzen.
Dann blieb es dunkel.
De la Ware und ich,
Beisammenstehend, lauschten, hohl die Hand
Am Ohr, hinaus in Nacht und Wetterlärm.
Doch nur der Blätter Rauschen und das Pfeifen
Des Windes, wenn er unsern Helmturm stieß,
Ein leises Werdarufen, ab und zu, war hörbar.
Da plötzlich klangs wie ferner Falkenschrei.
Und dann, als wär es das Signal gewesen,
Schoß, wie vom Blitz entzündet, auf uns zu
Ein ungeheurer Schwarm von heißen Pfeilen.
»Hörten Sie nichts,
Schadius?«
»Nein, Herr Hauptmann.«
»Klang es nicht wie Eulenruf?«
»Ich hörte wirklich
nichts, Herr Hauptmann.«
Nun riß ich das Fenster auf
und rief die unten hin und hergehende Schildwache an:
»He, Posten!«
»Herr Hauptmann?«
»Schrie nicht eben eine Eule?«
»Zu Befehl, Herr Hauptmann,
die sind hier jede Nacht zu gange.«
Schadius und ich starrten schweigend
hinaus.
Da fiel ein Schuß, ganz fern,
unendlich fern.
»Nun haben Sie doch den Schuß
gehört, Schadius?«
»Sehr wohl, Herr Hauptmann,
ganz deutlich.«
»Kommen Sie, wir wollen hinunter
gehen. Ich will den Feldwebel wecken. Irgend etwas ist
nicht in Ordnung.«
Unten auf dem Hofe horchten wir
gespannt. Aber nur das Rauschen der Bäume und das
Pfeifen des Windes um unsern Helmturm hörten wir.
Sonst wars still. Ich konnte meine Unruhe nicht los
werden.
»Glitt nicht dort ein Schatten
um die Ecke, Schadius?«
»Sehr wohl, Herr Hauptmann.
Ich habe auch den Schatten erkannt; es war Herr Bourdon.«
»Kommen Sie, wir wollen zum
Feldwebel.«
Bald standen wir drei draußen.
Bruns trug eine kleine Diebeslaterne. Wir horchten und
horchten. Alles blieb still.
Plötzlich heftiges Gewehrfeuer.
Es kam von den äußersten Posten. Dann ein
Geheul wie von zehntausend Teufeln, die, den Tomahawk
über den Köpfen schwingend, wie ein reißender
Bergstrom herandonnern.
Im Nu wirbelten unsre Trommeln,
riefen unsre Hörner und Trompeten. Nach drei Minuten
schon hatte meine Kompagnie – wie oft wars blind
durchgemacht – ihre bestimmte Stellung hinter
der Wagenburg eingenommen. Auch der General und die
übrigen Offiziere aus unserm Hause erschienen sofort.
Der Überfall.
»Hätte ich doch Herrn
Bourdon, den Halunken, gleich festnehmen lassen, als
uns der Verdacht kam. Nun ists zu spät,«
sagte der General.
Nach kurzer Zeit waren wir umzingelt.
Auch Sérancourt und die Fabrik standen schon
im Kampfe.
Die ersten Angriffe sind abgeschlagen.
Aber was ist das? Hinter uns steht,
wie durch eine Zauberformel, als wenn es von oben bis
unten mit Petroleum begossen sei, das ganze Schloß
in Flammen. Sollt es ein Zeichen sein? War es zu früh,
war es zu spät angezündet?
Frau Bourdon stürmt heraus.
Sie fällt mir ohnmächtig in die Arme. Aber
ich kann, ich darf sie nicht halten. Ich habe nur meinen
Dienst zu versehen. Während ich sie sanft auf die
Erde gleiten lasse, erblicke ich zu meinem Entsetzen
ihre Tochter in einem der Fenster. Alles um sie her
brennt. Fanchette ringt die Hände. Vor dem wüsten
Geschrei der Stürmer und vor dem furchtbaren Geknalle
hör ich ihr Rufen nicht; ich seh es nur. Schon
will ich selbst ins Schloß, als mir der General
mit mächtigem Sprunge zuvorkommt. Aber unmittelbar
vor dem Eingange ereilt ihn die tödtliche Kugel.
In den Hinterkopf getroffen, überschlägt er
sich nach rückwärts, beide Arme nach den Seiten
lang ausstreckend. Kein Glied bei ihm rührt sich
mehr.
Noch ist es Zeit, Fanchette zu
retten. Sie steht an einem Mittelfenster, das noch nicht
im Feuer knistert. Da stürzt sich mein kleiner
Fähnrich in die Lohe. Mit Blitzesschnelle ist er
oben. Er umfängt das ohnmächtig werdende Mädchen.
Doch statt sie wegzuschleppen, küßt er wütend
ihren Hals, ihre Lippen, ihre Augen, ihre Stirn . .
. Zu spät . . . Prasselnd schießt das Dach
herunter . . .
Das flammende Herz ist durch Flammen
ausgelöscht für immerdar.
Wir hatten auf allen Seiten den
rasenden Sturm abgeschlagen. Das alte gute deutsche
Soldatensignal »Vorwärts!« hat wieder
gesiegt. Die Franktireurs sind verschwunden.
Herrn Bourdon finden wir erschossen
im Garten.
Am andern Morgen erhielten wir
den Befehl, in Eilmärschen an die Somme zu marschieren,
um uns dort mit der Nordarmee zu vereinigen. Dann schlugen
wir am 19. Januar unter Goeben General Faidherbe vernichtend
bei St. Quentin.
Und dann kam der Waffenstillstand.
Und dann kam der Friede und verschenkte
auf den zerstampften Äckern Spaten und Pflüge.
Seine kühlenden Palmen aber senkte er auf die heißen
Augen der Hinterbliebenen.
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