Kriegsnovellen
Unter flatternden Fahnen
Seit
den ersten Morgenstunden waren wir auf den Geschützdonner
losmarschiert. Und noch immer – unsre Uhren und
besser noch die furchtbare Hitze zeigten uns den Mittag
an – noch immer zog das Armeecorps in ganz grader
Linie wie eine riesenlange Säule weiter und weiter.
Der Kommandeur wußte die Richtung. Nicht ebenmäßig,
wie auf geebneten Bahnen, gingen wir vorwärts.
Die Vordersten der Kolonne hatten mit den sich ihnen
entgegenlegenden Ähren viel zu schaffen. Von der
Nacht noch durchnäßt, zogen sich diese um
die Beine, verwickelten sie wie mit Draht, und waren
so ein zum äußersten ermüdendes Hindernis.
Wir nächstfolgenden trotteten auf den niedergetretnen
ganz gut; ab und zu aber saugte sich auch um unsere
Füße noch ein rachsüchtiger Halm. Unerträglich
wurde die Sonnenglut. Kaffee, Schnaps, Wasser, Speck,
Wurst und was sonst der treue Brotbeutel bergen mochte,
war dahin, dahin. Der Durst peinigte uns über alle
Maßen. Schon hatten wir, was wir noch an Tabak
und Cigarren vorgefunden (und es wurden die letzten
Winkel der Taschen durchsucht), zum Kauen auf die Zunge
und in die Backen geschoben, um dadurch einigermaßen
wenigstens den Speichelfluß zu erhalten. Da stießen
wir auf den ersten zu durchwatenden Bach. Wir Folgenden
sahen allerdings nur einen breiartigen Tümpel,
aber mit stürzenden Helmen beugten wir uns hinab
– Wasser, Wasser. Immer im Marschieren bleibend,
füllten wir unsre Flaschen, so gut und schnell
es ging.
Oft wurde, durch irgend einen Umstand,
vorn ein kurzer Halt befohlen. Dann stockte alles. Die
nächsten stießen ihre Nasen an den Tornistern
der Vordermänner. Dann wieder: Ohne Tritt! Marsch!
und die Letzten mußten Dauerlauf machen. Wie das
anstrengend war! Aber Kopf in die Höh! In die Schlacht,
in die Schlacht!
Adjutanten, Gendarmerieoffiziere,
Ordonnanzen, Generalstäbler kamen uns entgegen,
um Munitionskolonnen, Ärzte, fliegende Lazarette
heranzuholen. Immer schrieen wir ihnen zu, wie es vorn
stünde. Die Mehrzahl von ihnen nahm sich keine
Zeit zum Antworten. Sie rasten wie eine gradeaus fliegende
Hummel vorüber. Nur einer von ihnen, ein Trainoffizier,
wandte sich zu uns und rief: »Gut. Gut.«
Aber bei der Wendung des Kopfes und im scharfen Anhalten
seines Pferdes verlor er den Helm, suchte ihn zu erhaschen
– aber da lag er schon im Dreck. Eine riesige
Glatze wurde sichtbar. Unter schallendem Gelächter
und allerlei nicht zu zarten Witzen ritt der Offizier
erzürnt seinen Weg weiter.
Schon lange, ein wenig seitwärts
mich losmachend aus meinem Bataillon, hatte ich –
wir zogen hügelaufwärts – bemerkt, wie
von der Kuppe des Berges das Corps nach und nach wie
in einem Kessel verschwand.
Auf der Höhe angelangt, hieß
es: Halt! Gewehr ab! – und mit offenem Munde,
mit weit geöffneten Augen, erblickte ich an diesem
Tage zum ersten Mal das Chaos der Schlacht. Es war ein
unbeschreiblich großartiger Anblick. Wie das wogte
und hin- und herschob. Der Pulverdampf lagerte nicht
schwer, so daß wir deutlich die einzelnen Batterieen
unterscheiden konnten, hüben und drüben. Rauch
und Flammen, oft wie dicke schwarze und gelbe Türme,
zornten zum Himmel auf.
Einer meiner Kameraden, an mich
herantretend, deutete auf unsre drei roten Husarenregimenter
und meinte, – das Wort ist bekannt geworden –
sie schwämmen wie drei rote Erdbeeren zwischen
den dunklen Massen.
Plötzlich klang überall
das sich überhastende Kommando: Die Fahnen entrollen!
und in der nächsten Sekunde flatterten die heiligen
Adler über uns im erquicklichsten Winde, der seit
kurzem unsre Gesichter kühlte. Und zugleich ertönte
– die Musik sollte hier zurückbleiben –
der Hohenfriedeberger Marsch. Auch dem nüchternsten
Rechenmeister stößt er seine Feuergarben
ins tiefste Herz! Unter seinen Klängen, mit schwenkenden
Helmen und kreisenden Säbeln, Hoch! Hoch! der König!
stiegen wir jauchzend hinab in den Höllenschlund.
Zunächst rückte mein
Bataillon noch, des hemmenden Platzes wegen, in rechts
abmarschierter Sektionskolonne vor, um sich gleich darauf
in Kompagnie-Kolonnen zu verwandeln.
Die ersten Toten! Die ersten Verwundeten!
Einer von den Verwundeten lag auf dem Rücken und
streckte flehend die Arme nach uns aus. Ich sprang rasch
vor und hielt ihm meine mit Lehmwasser gefüllte
Flasche an die Lippen. Er riß sie wütend
mit den Händen an sich und trank so hastig, daß
ihm die Flüssigkeit über Hals und Rock lief.
Da ihn der Schuß in den Unterleib getroffen hatte,
kam das Wasser schnell wieder zurück.
Bei einem einzeln stehenden Hause
ziehen wir vorbei, in dessen Vorgarten ein schneeweißer
Greis, die Lehnen umkrampfend, in einem Großvaterstuhl
sitzt. Sein Kopf ist vorgebeugt. Er stiert uns mit haßerfüllten
Augen an. Ihm zur rechten Seite steht ein junges Mädchen.
Ihr schönes, blasses, von schwarzen Haaren umrahmtes
Gesicht blickt uns finster in die Augen. Keiner von
uns wagt, ihr ein Wort zuzurufen.
Unser Bataillonsadjutant jagt auf
mich zu. Ich setze meinem Gaul die Zinken ein und presche
ihm entgegen. »Die dritte Kompagnie« (diese
führte ich) »soll jenen Höhenzug besetzen
. . . Dort wo das Kreuz zwischen den beiden Linden steht!«
Schön . . . Dritte Kompagnie halbrechts! Marsch!
Ich war allein. Allein in der großen
Schlacht. Wer weiß es, ob ich an diesem Tage noch
weitre Befehle erhalten werde? Ob ich selbständig
handeln muß? Ein stolzes Gefühl überrieselt
mich.
Neben mir, rechts und links, gehen
mein Oberleutnant Behrens und mein Leutnant Kühne.
Beide sind ausgezeichnete Offiziere, Behrens außerdem
einer meiner engeren Freunde. Wenn er sich nur seine
schnodderigen Redensarten abgewöhnen möchte.
Tollkühn, waghalsig, stößig wie ein
verwilderter Hirsch, ist er der Gegensatz zu dem kleinen
zierlichen Kühne. So etwas von Ruhe, Überlegung
im kritischsten Augenblick wie bei diesem ist mir im
Leben noch nicht vorgekommen.. Kühne hatte auch,
wenn wir andern schon lange nichts mehr zu essen und
zu trinken hatten, immer noch irgend eine Eß-
und Trinkgelegenheit. Wo immer er sie beherbergte und
hervorholte, ist mir ein Rätsel geblieben.
Wir waren auf der Höhe angekommen
und hatten uns, Zug neben Zug, eingenistet. Ich konnte
mir wohl denken, daß wir hier eine Aufnahmestellung
bilden sollten, wenn etwa . . . selbst der weitre Gedanke
blieb mir im Halse stecken.
Neben mir, etwa zweihundert Schritte
entfernt, hatte die vierte Kompagnie Position genommen.
Ihr sehr langer, schmaler Hauptmann, der den ihn bis
auf den Hacken reichenden Regenrock angezogen hatte,
stand, auf seinen Degen gestützt, wie eine Statue,
auf einer kleinen Erderhebung, allein, weit vor seiner
Truppe. Wie sonderbar, daß mir bei seinem Anblick
Dante vorschwebte. Seine Silhouette zeichnete sich klar
gegen den nun mit Wolken überzognen Himmel ab.
Meine Leutnants und ich, platt
auf dem Leibe liegend, dicht nebeneinander, vor meiner
Kompagnie, sahen eifrig durch unsre Krimstecher in das
wogende Gemenge vor uns. Kein Vorteil, auf beiden Seiten,
schien bisher erreicht. Leutnant Behrens meinte: »Es
ist ein Skandal, daß wir die Kerls noch nicht
auf die Hühneraugen treten können.«
»Noch ist der Abend nicht gekommen,« erwiderte
ich. Leutnant Kühne, der sich auf kurze Zeit in
die Kompagnie entfernt hatte, kam zu mir zurück
und überreichte uns auf einem zierlichen Theebrettchen
zwei Gläser Madeira und zwei Caviar-Semmelchen.
»Ich kann den Wein wirklich empfehlen, von Schneekloth
aus Kiel,« sagte mit großer Ruhe mein Leutnant.
»Aber, um des Himmels willen, wie kommen Sie jetzt
zu diesen schönen Sachen, lieber Kühne, und
noch dazu das allerliebste Tablettchen und die Gläser.«
»Ich kann den Wein wirklich
empfehlen,« erwiderte mit unerschütterlicher
Ruhe mein Leutnant.
Kaum hatten wir den letzten Schluck
durch die Kehle gegossen, als ein durchdringender klirrender
Knall uns alle nach rechts sehen ließ. Eine dicke
Staubwolke wirbelte kerzengrade in die Höhe wo
eben noch der lange Hauptmann gestanden hatte. Er lag
zerfetzt am Boden. Behrens rief, sich auf die Schenkel
klopfend, aus der »Schönen Helena«:
»Jetzt gehts los! Jetzt gehts!«
Ich sah mich um, ob nicht Befehle
für mich unterwegs seien. Kein Adjutant kam heran.
Mein auseinander gezogenes Bataillon schien in Bewegung
nach Vorwärts stoßen zu wollen. Ich kommandierte
daher: »Auf! Das Gewehr über! Ohne Tritt!
Marsch!« Und nun rückten wir wirklich ins
Gefecht ein. Schon nach wenigen Minuten kam uns ein
Gefangenentransport entgegen. Unter diesen sahen wir
die ersten Turcos. Mein schleswig-holsteinischer Bursche
rief aus dem Zuge: »Kiek, dat sünd vun de
swatten Kakaleikers, de de Katten up de Schullern drägn.«
Die Toten und Verwundeten mehrten
sich in steigender Weise. Herrenlose Pferde jagten umher.
Zwei junge Pudel spielten miteinander, als wären
sie in ihres Herrn Garten. Ein Marketenderwagen kam
uns langsam entgegen gefahren. Der Besitzer schielte
scheu und gierig nach den Gefallenen und Verwundeten.
Nun waren wir »mitten drin.« Meine drei
Züge, in Plänklerlinien aufgelöst, gingen
nebeneinander her. Mehr und mehr Geschrei, Fluchen,
einschlagende Chassepots, Kommandos, springende Granaten
vor uns, mitten unter uns, hinter uns. Schon führe
ich Mannschaften von andern Kompagnieen, die, abgekommen,
sich mir anschließen. Selbst Leute fremder Regimenter
mischen sich mit den meinigen.
Der Höchstkommandierende reitet
hinter meinen Zügen vorbei. Will er zum linken
Flügel? Ist etwas nicht in Ordnung? Seine Augen
schienen finster, herbe, streng. Die zahlreiche Begleitung
galoppiert, jeder für sich, weit ein jeder von
dem andern: Sie ist die Zielscheibe der feindlichen
Batterien. Adjutanten sprengen zuweilen an den General
heran, der ihnen, immer im selben ruhigen Galopp bleibend,
Befehle giebt, mit der Hand hierhin, dorthin weisend.
Sie stoßen wie ein Boot vom Hauptschiff ab, um
dann bald zu verschwinden in der gewaltig aufgeregten
See.
Ich kann kaum etwas mehr sehen.
Behrens und Kühne sind noch vor ihren Zügen.
Die Gesichter meiner herrlichen Kompagnie erkenne ich:
Schweiß, Schwärze, Blut, Staub, aus diesem
Farbenmischmasch heraus glühende Siegeswunschaugen.
Ich bin jetzt gänzlich auf mich allein angewiesen.
Die Sonne sendet schon schräge Strahlen . . . Noch
immer höre ich keine Vorwärtssignale, keine
Trommel. Und doch ist alles, alles, die ganze Armee
in unaufhaltsamem Vorrücken. Soll ich blasen lassen?
Soll ich trommeln lassen? Ich habe dazu keinen Befehl.
Ich wende mich zu meinem Hornisten: »Weber, Anvancieren
blasen.« Und das knöcherne, reizlose Signal
ertönt. Ertönt und ertönt immer wieder
in derselben grandiosen Nüchternheit. Aber es zieht
die todmüdesten Beine selbst vorwärts. Und
die Trommler schlagen an, und immer weiter sich fortsetzend
höre ich die Vorstoßsignale.
Ein hurtiger Wind, der sich plötzlich
wieder aufgemacht hat, schenkt uns gute Übersicht.
Ich sehe zu meinem Erstaunen, daß ich ganz vorne
bin. Meilenweit mit mir, rechts und links, ist alles
eine einzige Schützenlinie. Vor mir ragt auf einem
Geländebuckel ein kleines Dorf. Ein rasendes Feuer
wird von dort auf mich gerichtet. O, du böser Wind!
Als ich nach rückwärts mich umschaue, sehe
ich, in ziemlicher Entfernung, die großen Massen
der Reserven heranrücken. Ans diesen blitzten in
der Abendsonne plötzlich zwei reitende Batterieen
heraus. Sie rasen zu mir her, was das Riemzeug hält.
Bei mir angekommen, protzen sie hinter meiner Schützenlinie
ab und beginnen, über unsre Köpfe weg, das
vorliegende Dorf, mein Ziel, mit Schnellfeuer zu übergießen.
Zur selben Zeit auch löste sich ein Dragonerregiment
ab und trabte in derselben Richtung wie die Batterien
auf mich zu. Bald war der Oberst dieser Truppe, nur
von einem Trompeter begleitet, bei mir vorüber.
Deutsch trabend, klapklapklapklap, in immer gleichmäßiger
Gangart, vornüber sich beugend, konnte ich nur
auf Sekunden sein Gesicht erkennen. Es war ein alter
Herr, der den Mund weit offen hielt (der Unterkiefer
war in fortwährender wackelnder Bewegung). Aber
unter starken, ergrauten Brauen funkelten ein Paar energische
Augen. Nun kam auch sein Regiment heran, in immer gleichmäßigem
Trabe. Wegen des weichen Bodens hörten wir nicht
die Hufe. Auch schien alles Geräusch, das sonst
einem in Fluß geratnen Reiterregiment anhaftet,
erstorben zu sein: kein Janken der Sättel, kein
Klirren und Rasseln; ja selbst die Kommandos und Signale
schwiegen. Der alte Oberst mit dem Fledermausgesicht
regierte einzig und allein sein Regiment mit dem linken
Handschuh. Und nun diese ewigen Schwenkungen und Bewegungen
dieser Truppe um uns, vor uns, hinter uns. Wie oft fauchte
der alte Oberst bei mir vorbei, immer im gleichen Trabe
bleibend. Er suchte augenscheinlich eine Stelle, um
seine Dragoner zum Angriff zu führen. Mir fiel
aus Faust ein: Es war eine Ratt im Kellerloch . . .
als hätt sie Lieb im Leibe. So suchte er nach allen
Ecken und Kanten zum Einbruch zu gelangen. Alle diese
lautlosen Bewegungen des Regiments hatten etwas unsäglich
Unheimliches. Einmal trat Behrens zu mir und sagte,
während wieder der Regimentskommandeur vorbei hastete:
»Was will denn der eijentlich? Das ist ja wie
der fliegende Holländer.« Über den »Fliegenden
Holländer« lachten wir beide laut auf.
Indessen war ich, immer sprungweise
vorgehend, an den Hügel hin gekommen. Jetzt galt
es, das von den Granaten in Brand geschossene und erschütterte
Dorf mit stürmender Hand zu nehmen. Bei meiner
Kompagnie war die Fahne des Bataillons geblieben. Ihr
Träger, ein schwarzbärtiger großer Sergeant,
ließ sie hoch im Winde flattern. Da traf der erste
Schuß die Fahnenstange, daß sie mitten durchbrach.
Zugleich auch hatte ihr Träger die Erde küssen
müssen. Sofort sprang Leutnant Kühne vor und
riß das heilige Zeichen wieder empor. Ich hörte
deutlich ihr Flattern durch all den Lärm. Eine
Kugel löste mir die linke Hosennaht auf, ohne mich
zu verwunden.
Sturm! Stöße! Trommel
und Hörner! Mann gegen Mann! Noch immer flattert
in Kühnes Händen unsere Fahne. Da wird er
umringt. Aber wir reißen ihn wieder heraus. Hoch,
hoch flattert die Fahne. Das Blut macht die Erde glitscherig!
Und Blut, Blut, Mordgeheul, Rauch, Flammen, herunterstürzende
Dächer, Einzelkampf, in Thüren, Fenstern und
Zimmern.
Das Dorf ist unser. Noch keucht
uns die Brust. Wir lehnen todermattet an Garteneinfriedigungen
oder wo es sich immer trifft. Die Reserven sind herangekommen.
Leutnant Kühne steht vor mir
mit dem zierlichen Tablettchen: »Herrn Hauptmann
vielleicht ein Brötchen mit Toulouser Entenleberpastete
gefällig? Vielleicht ein Gläschen Kirvan?
Beides von Borchardt . . . Kann versichern . . .«
Ich wäre beinahe mit der Wiege, auf der ich eingeknickt
lag, zusammengebrochen vor Verwunderung, Kühne
in diesem Augenblick mit solchem Frühstück
vor mir zu sehen . . .
Und dann wieder mit den Reserven
vorwärts . . .
(Die Insel)
Das letzte Teilchen der Sonnenscheibe, zwischen schwefelgelben
Abendwölkchen, war eben verschwunden. Der ganze
Abend leuchtete dunkelrot im Abglanz der brennenden
Dörfer. Auch schien er das Blut der Erschlagnen
zu spiegeln..
Der Feind war auf allen Enden zur
Flucht getrieben.
Ich hatte mich nach dem Aufbruch
aus dem eroberten Dorfe bald wieder mit meiner Kompagnie
allein gefunden. Schien es doch an diesem Tage, als
wenn jeder für sich, einer für alle, alle
für einen gekämpft hatte.
Als die Dunkelheit eintreten wollte,
gelang es mir noch kaum, einen inselartigen Erlenbruch,
der rings von einer Sandwüste umgeben war, zu erreichen.
Hier lag schon alles durcheinander. Und mancher traf
hier noch im Laufe des Abends und der Nacht ein. Die
Ahnung, daß hier Wasser in Hülle und Fülle
zu haben sei, hatte die Annäherung instinktmäßig
bewirkt.
»Gewehr ab. Setzt die Gewehre
zusammen,« und jeder fiel da auf die Erde, wo
er stand. Ich selbst legte meinen Kopf auf das eine
Ende einer gefällten und schon abgeschälten
Birke. Ich konnte nicht sofort einschlafen. Die Aufregung
war zu groß gewesen. Allmählich begann es
sich überall zu rühren. Kleine Koch- und Wärmfeuer
beleuchteten hier und da im Busch die Stämmchen
der Erlen und die sie umstehenden und umsitzenden Mannschaften.
Am andern Ende meiner Birke merkte ich am Rütteln
meines Kopfes, daß die Leute an dieser Stelle
ihre Kaffeebohnen mit Steinen zerkleinerten. Klar, im
letzten verblassenden Abendlicht, schien die abnehmende
Sichel des Mondes durch das Wäldchen. Obgleich
ich die Augen geschlossen hatte, konnte ich, wohl wegen
der großen Erregung, nicht einschlafen. Im Halbtraum
hörte ich, wie sich Pferdegetrappel mir näherte
und bei mir anhielt. Durch meine halbgeöffneten
Lider erblickte ich auf einem großen, langgestreckten,
starkknochigen Gaul einen alten General. Sein weißer,
zerzauster Schnurrbart bedeckte die Lippen ganz. In
seiner Begleitung war ein Generalstabsoffizier. Zu diesem
sagte er: »Weiter, lieber Ernesti, kommen wir
heute doch nicht. Die Nacht ist hereingebrochen. Wir
werden wohl oder übel hier kampieren müssen.«
Darauf stiegen die Herren ab. Der General nahm das rechte
Vorderbein seines Pferdes in die Höhe und untersuchte
den Huf. Dann rief er: »Wanzleben!« Eine
Stimme antwortete: »Exzellenz?« und zugleich
erschien ein Husar. »Sorgen Sie zuerst dafür,
Wanzleben, daß die Pferde Wasser bekommen.«
Der starkknochige Gaul des Generals, die Mähne
hebend, die Lefzen wie gähnend auseinanderreißend,
schnubberte, als wenn er die Worte seines Herrn verstanden
hätte. Nun wurden die Satteltaschen abgeschnallt,
die Mäntel ausgebreitet. Darauf legten die Beiden
ihre Köpfe neben mich auf die Birke. Ich war dermaßen
ermattet, daß ich nicht aufgesprungen war. Das
Klopfen der Steine am andern Ende ging seinen Weg. Auch
der General und Ernesti schienen nichts zu spüren.
Als diese eben eingeschlafen waren, wieherte hell, auf
mich zukommend, wieder ein Pferd und hielt gleichfalls
in unmittelbarer Nähe bei mir an. Es war ein außerordentlich
starker Ulanenoffizier, der etwas Eunuchenhaftes hatte.
Der Mond beschien ihn hell. Sein rundes Gesicht war
bartlos, und seine dicken, um den Sattel gepreßten
Beine glichen zwei vollgestopften Kornsäcken. »Jesses
Jesses,« rief er, »schläft denn hier
schon die ganze Gesellschaft.« Und ein so unendlich
gemütliches, helles Lachen ertönte von ihm,
daß ich meinen ersten Groll, den ich bei seinem
Erscheinen gefühlt hatte, verscheuchte. Vollends
jetzt wach geworden, stand ich auf und begrüßte
ihn. Nachdem wir uns bekannt gemacht hatten, stieg er
ab und legte sich, nachdem ich ihm von der Anwesenheit
des Generals gesagt hatte, ruhig neben uns.
Meine Kerls kamen, einer nach dem
andern, zu mir, um mir in ihren Kochgeschirrdeckeln
Kaffee anzubieten. Ich konnte noch nicht einschlafen.
Um mich herum beroch ein kleiner langhaariger, schwarzer
Pinscher, der einem Teufelchen glich, jeden von uns.
Er lahmte auf dem linken Hinterbeinchen, und ich bemerkte
an dieser Stelle getrockneten Staub mit Blut vermischt.
Dann war er verschwunden. Nun fiel ich in einen unruhigen
Schlaf und träumte das wirrste Zeug. Als ich erwachte,
es mochte Mitternacht sein, hörte ich außerordentlich
stark in meiner Nähe schnarchen. Zugleich sah ich
Behrens, der sich irgendwo gebettet haben mochte, um
uns herum schleichen; er beugte sich zu jedem hinab,
um den Thäter zu entdecken. Beim General hatte
er gefunden, was er suchte, und diesen, im Schatten
der Bäume nicht erkennend, rüttelnd, sagte
er: »Aber das geht wirklich nicht mehr an, Herr
Kamerad.« Der alte Herr erhob sich etwas schlaftrunken
und sagte traumverwirrt: »Ich habe doch befohlen,
daß die dritte Division bei Petit St. Arnold .
. . Ah so« (etwas erregt), »was ist, was
ist.« Er erhob sich bei diesen Worten ganz in
die Höhe, so daß die breiten roten Streifen
seiner Hose durch einen Mondenstrahl hell beleuchtet
wurden. Oberleutnant Behrens ersah sofort, wen er vor
sich hatte; doch ohne die Geistesgegenwart zu verlieren,
sagte er: »Ah verzeihen, Exzellenz, ich glaubte
schießen . . . schießen . . .«
»Ach was,« antwortete
ein wenig grob die Exzellenz, »schießen,
schießen . . . hier wird jetzt geschlafen . .
. legen Sie sich nur wieder aufs Ohr, mein junger Herr
Kamerad, und seien Sie nicht so erregt. Und wenn Sie
sich nun wieder niederstrecken, so bitte ich Sie, Ihr
Schnarchen von vorhin einzudämmen. Das kann ich
auf den Tod nicht ertragen.« Behrens schlich sich
etwas beschämt wieder von dannen.
Was war das? Klang nicht ein leises
Wimmern und Stöhnen zu mir her? Ich stand auf und
suchte die Stelle im Gehölz, von woher die Klage
töne mein Ohr trafen. Ich hatte sie bald gefunden.
Ein Jäger vom 41. Bataillon lag dort schwer verwundet.
Ich bog mich zu ihm nieder und gab ihm aus meiner Feldflasche
zu trinken. Mit leiser Stimme, so daß ich mein
Ohr an seinen Mund neigte, lispelte er: »Meine
alte Mutter – wird sich freuen – beim Abschied
– sagte sie – liebe Dein Vaterland bis in
den Tod.« Und leiser werdend: »Marie –
soll – meine Uhr« –. Er lehnte sich
in meinen linken Arm zurück. Seine Hände umfaßten
meine Rechte. Sein letzter Hauch: »Mutter, Mutter
– daß Du bei mir bist.« Noch lag er
wohl zehn Minuten in meinem Arme. Ich rührte mich
nicht. Und dann war er hinüber . . .
Als ich weiter wollte, fand ich
dicht neben ihm einen Offizier von demselben Bataillon.
Er lag platt auf dem Gesicht, die Arme ausbreitend.
Die linke Hand hatte sich in Moos eingekrampft, die
Rechte umklammerte eisern den Säbelgriff. Neben
seinem Kopfe saß der kleine schwarze Pinscher
und leckte ihm das linke Ohr. Er hatte seinen Herrn
gefunden. Als ich mich näherte, fiel mir das Hündchen
beißend in die Stiefelabsätze. Aber ich mußte
wissen, ob nicht noch Hilfe retten könnte, und
drehte deshalb, ohne mich an das Köterchen und
seine Angriffe zu kehren, den Körper um. Ein unendlich
junges Gesicht, schon erkaltet, zeigte sich mir. Zwischen
den gebrochenen Augen sah ich einen kleinen Streifen
der dunkelbraunen Pupille.
Der Morgen war angebrochen, und
eine Schwarzdrossel flötete unbekümmert ihre
treuherzige Melodie.
Auf meinen Platz zurückgekehrt
fand ich hier alles schon in reger Bewegung. Alle gönnten
sich bei der reichlichen Wasserfülle das Labsal
einer Waschung. Der dicke Ulanenoffizier hatte sich
bis auf die Hüften entblößt und ließ
sich aus Kochgeschirren begießen. Von der feisten,
fetten Brust tropfte es ab wie bei einer Ente. Dabei
lachte er unaufhörlich in äußerst gemütlicher
Weise.
Leutnant Kühne erschien bei
mir. In der Hand führte er das Theebrettchen: »Herr
Hauptmann vielleicht ein Gläschen Cantenac gefällig?
Ein Brötchen mit Hamburger Rinderzunge gefällig?
von Borchardt, kann wirklich empfehlen.« Ich winkte
mit den Augen, daß er zum General gehen möge.
»Euer Excellenz vielleicht ein Gläschen Cantenac
gefällig? Ein Brötchen mit Hamburger Rinderzunge
vielleicht? Alles von Borchardt. Kann wirklich empfehlen«
. . . »Sind Sie denn besessen, Pardon, Herr Leutnant?
ja Borchardt Borchardt . . . nun denn, wir sind alle
Menschen. Ich nehme es dankend an.« Und dabei
den Kopf ein wenig nach hinten beugend, setzte er das
Gläschen an den Mund, so daß wir die Muskeln
und Adern des langen hagern Halses sehen konnten.
Bald war alles auf der Suche
nach seinem Truppenteil. Schon nach einer Stunde hatte
ich mein Regiment gefunden. Die Fahne hochschwingend,
die ich an einem Erlenaste befestigt hatte für
den zerschossenen Schaft, trafen wir uns. Dann zogen
wir weiter, hitzig dem Feinde nach.
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