Letzte Ernte
Vor Tagesanbruch
Ich sitze in meinem Arbeitszimmer
zur ebenen Erde am Schreibtisch und sehe durch die geöffnete
Glastür in meinen Garten. Vor mir liegt ein Gedicht,
das mir eben ein Freund »zur unnachsichtigen Einsicht«
geschickt hat. Es heißt:
Liebeslied.
Weltvereinsamt und verlassen,
Liebe Kleine, sitz ich hier.
Alle Menschen muß ich hassen,
Kann mich selber nicht mehr fassen;
Süßes Mädchen, komm zu mir.
Blütenpracht und grüne Zweige,
Und die ganze Frühlingszier,
Sind mir holde Fingerzeige,
Daß ich sanft zu dir mich neige:
Süßes Mädchen, komm zu mir.
Tausend zärtliche Gedanken,
Keusche Minne, Liebesgier,
Die sich ewig in mir zanken –
Hab Erbarmen mit dem Kranken:
Süßes Mädchen, komm zu mir.
Es ähnelt im Kehrreim ein
wenig einem bekannten Gedicht von Byron. Ich sehe vom
Gedicht weg wieder in den Garten. Ein starker Jasmingeruch
dringt herein.
Ich sitze wie im wachen Traum und
schließe die Augen und öffne sie wieder:
Ich sehe das Bild eines ganz jungen Offiziers, das auf
meinem Schreibtisch steht. Es ist ein alter Freund von
mir, der vor vielen, vielen Jahren in seiner Blütezeit
gestorben ist. Ein schmerzliches Erinnern überfällt
mich.
Das Bild zeigt einen kaum zwanzig
Jahre zählenden Leutnant. Er trägt die Feldmütze.
Seine Linke umfaßt den Knauf seines Säbels,
auf den er sich stützt. Die rechte Hand ist, ein
wenig theatralisch, in den Waffenrock geschoben. Vor
seinen Füßen liegt, den Kopf auf den Vorderpfoten,
ein großer, magerer Wolfshund. Die Augen des Leutnants
sehen streng und hart in die Welt.
Mein Freund Hubert gehörte
nicht zu denen, die, geschniegelt und gebügelt,
nur an Weiber, Pferde und Jeu denken. »Weiber,
Pferde und Jeu« sind eine Phrase, die wir nur
zu oft in Romanen und Novellen hinnehmen müssen.
Die Grundzüge seines Wesens
waren ein grader Sinn, dem jede Lüge, jede Übertreibung
selbst, ein Greuel blieb, und ein keusches, sittenreines
Herz, das sich empörte und aufbäumte bei jeder
Gemeinheit. Sein tiefes Wissen und Können vermehrte
er mit Heißhunger.
Hubert, der Sohn eines reichen
rheinischen Gutsbesitzers, hatte seine Jugend, seine
Kindheit einsam auf dem Schlosse seines Vaters verlebt.
Die Mutter war früh gestorben.
Der alte Baron, ein leichtsinniger,
lebenslustiger Mann, hatte sich einen Harem eingerichtet.
Seinen Sohn ließ er mit seinen Wärterinnen
und Erziehern im linken Flügel des Herrenhauses
wohnen. Das schlechte Beispiel täglich vor Augen,
hätte Hubert Gefahr laufen können, in die
Fußstapfen des Vaters zu treten, wenn nicht ein
junger katholischer Geistlicher, aus Münster empfohlen,
seine Erziehung vom zehnten bis zum sechzehnten Jahre
geleitet hätte. Dieser Priester hatte Huberts tiefe
Religiosität, seinen Abscheu vor der Gemeinheit
bestärkt und die Keuschheit seines Herzens beschützt,
ihm den Charakter gestählt und ihn bis zu jenen
Höhen geführt, von wo aus der junge Baron
sicher und fest ins wüste Tal des Lebens hinuntersteigen
konnte, um den vielen Gefahren, denen wir Menschen alle
ohne Ausnahme ausgesetzt sind, wie ein junger Held zu
begegnen.
Hans Hanssen, der Priester, war
ein Abtrünniger. Im nüchternen, durch und
durch lutherischen Schleswig-Holstein geboren, war er
in Tübingen, wo er Theologie studierte, zum Katholizismus
übergetreten, zum Entsetzen seiner Freunde und
Verwandten. Was ihn bewogen hatte, das protestantische
mit dem katholischen Bekenntnis sozusagen zu vertauschen,
mag, wie mir Hubert einmal erzählte, außer
der Überzeugung vielleicht auch eine unglückliche
Liebe gewesen sein, die er wohl nur durch diesen Glaubenswechsel
ganz zu überwinden hoffte. Doch kommt es auf die
Gründe hier nicht an. Hat doch jeder Mensch mit
sich allein abzurechnen.
Hanssens dunkles Haar, sein schmales,
bleiches Gesicht, die etwas eingefallenen Augen ließen
ihn geheimnisvoll erscheinen; in den blonden Norden
seines Heimatländchens paßte er nicht mehr
hinein. Unter der äußerlichen Ruhe schlug
ihm ein leidenschaftliches, edles Herz.
Einmal, erzählte mir Hubert,
wären er und sein Erzieher an einem herrlichen
Sommertage durch die väterliche Feldmark gegangen.
Er erinnere sich dieses Tages ganz genau: An einer besonders
schönen Aussicht auf den hier breit und majestätisch
fließenden Rhein hätten sie gestanden und
der sinkenden Sonne nachgeschaut. Es sei stumm, abendlich
um sie gewesen. Da habe der Priester angefangen, Uhlands
»Schloß am Meer« zu sprechen.
Wohl sah ich die Eltern beide,
Ohne der Kronen Licht,
Im schwarzen Trauerkleide;
Die Jungfrau sah ich nicht.
Der Priester habe wie ein Seher
das wundervolle Gedicht der Sonne mitgegeben, die in
diesem Augenblick mit ihrem letzten Blinken verschwunden
sei.
Hubert hatte sich bald nach dem
deutsch-französischen Kriege mit der Tochter eines
Kammerherrn der Königin verlobt. Die lebhafte junge
Komtesse schien uns, seinen Freunden und Kameraden,
nicht recht zu dem ernsten, schweigsamen Offizier zu
gehören. Aber sie gingen glücklich nebeneinander
her, wie es die Mitwelt wenigstens annahm und annehmen
mußte. Freilich, daß doch ein Punkt und
gerade der vorhanden sei, worüber die Verlobten
nicht miteinander übereinstimmten, wußte
damals keiner von uns. Erst später klagte Hubert
es mir: Seine Braut glaube nicht an ein Leben nach dem
Tode; sie halte unsern letzten Pulsschlag für das
Ende in allem. Seine Bekehrungsversuche seien gescheitert,
ja seien lachend von ihr abgewiesen worden. Und das
schmerze ihn bitter; darüber komme er nicht hinweg.
Unendlich schmerzlich mußte
das meinen wahrhaft frommen, wahrhaft gläubigen
Freund beunruhigen und verstimmen.
Um diese Zeit geschah es, daß
sich die stolze Nanny in Hubert verliebte.
Die stolze Nanny wurde in der Stadt ein außergewöhnlich
schönes und ein außergewöhnlich gut
gewachsenes Mädchen genannt. Weshalb gerade die
stolze Nanny, ließ sich schwer sagen. Denn »stolz«
im Sinne des Wortes konnte sie nicht genannt werden.
Eher im Gegenteil.
Die stolze Nanny stammte aus einer
angesehenen Familie, in der die sogenannte Gesellschaft
gern verkehrt hatte, bis es durch das Gebaren dieses
Mädchens unmöglich gemacht worden war. Ihre
vielen Liebschaften, die sie ganz öffentlich betrieb,
brachten die Eltern zur Verzweiflung: der Vater erschoß
sich ihretwegen. Mutter und Geschwister zogen, nachdem
sie sich gänzlich von ihr losgesagt hatten, in
eine weit entfernte Provinz.
Allein zurückgeblieben, führte
sie ein äußerlich reiches Leben. Sie kleidete
sich vornehm-einfach, hielt sich eine Zofe und bewohnte
ein eigenes Haus mit alter Einrichtung in einer »ersten«
Gegend der Stadt.
Sie lud zu sich ein, wen sie wollte.
Und nahm es auch nicht übel, wenn man, ohne abzusagen,
wegblieb. Mit ihren Geliebten wechselte sie, so oft
es ihr gefiel. In ihrer Liebe gab sie sich ganz unverhohlen,
wie es Semiramis und Katharina getan haben mochten;
wenn auch in schnellerer Aufeinanderfolge.
Den Müttern, Frauen, Bräuten
und Mädchen war sie aus erklärlichen Gründen
ein Scheusal. Und auch Bürgermeister und Rat hätten
sie gern aus ihren Mauern entfernt, weil sie Unglück
anstiftete nicht nur bei den Jünglingen, sondern
auch bei verheirateten Männern; sie zerriß
hie und da eine Ehe. Und endlich, der Kommandeur des
in dieser Stadt liegenden Regiments wünschte sie
zu allen Teufeln, weil sie den guten Geist seiner Offiziere
beeinträchtigte.
Allein, man fand nicht den triftigen
Grund, sie auszuweisen. Sie war eine pünktliche
Steuerzahlerin. Und lebte überhaupt nicht nur in
auskömmlichen, sondern augenscheinlich in reichen
Verhältnissen. Niemals auch hatte man von ihr gehört.
daß sie einen oder den andern geldlich ausgesogen
oder gar zugrunde gerichtet hätte. Sie bewahrte
außerdem den äußeren Schein vortrefflich.
So fand man, so sehr man auch suchte, keinen ausreichenden
Anlaß, sie zu verbannen.
Ich war einmal mit mehreren Kameraden
bei ihr zum Mittagessen gewesen. Die Unterhaltung blieb
bis ans Ende lebhaft im Gange. Man unterhielt sich von
Allem. Und mir fiel auf, wie vorurteilslos sie sprach,
selbst über Dinge, die zum mindesten gewagte Gegenstände
waren. Zugleich fiel mir auf, daß sie überaus
abergläubisch sein mußte, und das stand doch
in hartem Widerspruch zu ihrer sonstigen Freiheit. Ja,
geradezu ein Grauen überrieselte mich, als sie
zum Schluß uns »die Karte legte«.
Denn diese Karten – starrten von Schmutz. Sie
waren so schmutzig, als hätten zwei Matrosen täglich,
über hundert Jahre lang, mit ihnen gespielt. Wegen
der scheußlichen Kruste dieser Karten war einzelnes
kaum noch klar zu erkennen; zum Beispiel ein Schlüssel,
eine Taube, ein Schiff auf bewegter See, eine Krone,
ein Herr, eine Dame, ein Blumenstrauß, ein Brief
usw. Das Kartenlegen schien ihre Hauptbeschäftigung
zu sein.
Dieses schöne, sonderbare
Mädchen hatte sich plötzlich in Hubert verliebt.
Ein junger Graf, den sie gerade bevorzugte, wurde von
ihr wie ein nicht mehr brauchbarer Diener entlassen.
Der Graf war außer sich: seine Eitelkeit und Eigenliebe
fanden sich aufs höchste gekränkt.
Ich erinnere mich deutlich des
Tages: Wir waren vom Regimentsexerzieren gekommen, mit
unsern beschmutzten Uniformen und Gesichtern zum Frühstück
gegangen, und hatten uns dann zum Umziehen fürs
Kasino in unsre Wohnung begeben. Kaum war ich in der
meinigen eingetreten, mein Bursche war damit beschäftigt,
mir die schon bereitliegende frische Wäsche zu
geben, da wurde heftig an meine Tür geklopft und
die Tür ohne mein Herein aufgerissen.
Hubert stand vor mir im Exerzier-Anzug,
von oben bis unten bestaubt. Er ging einige Schritt
schnell hin und her und bat mich dann, meinen Burschen
zu entlassen. Atemlos, nach Worten ringend, sagte er
zu mir: »Es ist unerhört . . . du wirst es
nicht glauben . . . das verdammte . . . (er, der nie
fluchte, nannte ein häßliches Scheltwort)
sie wagt es, mir . . . nein, es ist eine Posse, ein
schlechter Spaß . . . Hier ist der Brief. Ich
bitte dich, lies ihn gleich, jetzt . . .«
»Du erlaubst mir doch, Hubert,
erst Kamm und Bürste zu gebrauchen, mir die Hände
zu waschen.«
»Nein, nein, nein,«
schrie er aufgebracht, »wasch dir nachher die
Hände! Dieser Brief darf nicht mit reinen Fingern
gehalten werden!«
Ich wurde neugierig: »Bitte,
setz dich, Hubert. So, nun laß mich lesen.«
»Geehrter Herr Lieutenant!
Der Schlüssel lag neben dem
Turm, dann die Taube und der Blumenstrauß. Dann
kam die Krone (es kann kein Zweifel mehr sein). Der
Brief bedeutet Geld (ist mir gleichgiltig). Aber unten
und zuletzt legte ich den Herrn.
Schon lange wollte ich Ihnen schreiben,
daß ich Sie liebe, daß ich Sie sehr, sehr
liebe.
Heut Abend 8 Uhr erwarte ich Sie
in meiner Wohnung. Sie kommen, ich weiß es, zu
mir.
Ihre Nanny.«
»Nun,« rief Hubert,
der gespannt meinen Augen gefolgt war, »was sagst
du?«
»Ich sage, daß der
Brief echt ist; ich kenne ihre Handschrift.«
»Aber ist denn die infame
Person verrückt geworden! Willst du mir einen Gefallen
tun?«
»Und der wäre?«
»Geh zu ihr und sag ihr,
daß ich sie sofort der Behörde anzeigen würde,
wenn sie mich noch einmal belästigt.«
»Die Behörde kann in
diesem Falle nichts tun, Hubert. Ich rate dir, laß
es laufen, das heißt: antworte ihr nicht. Doch,
da fällt mir ein . . . warte . . . gut, so werd
ichs machen: Ich gehe zu ihr, um ihr die Leviten zu
lesen. Du sollst Ruhe vor ihr haben.«
Noch an demselben Abend war ich
bei der stolzen Nanny und erzählte ihr, was sie
mit ihrem Brief angerichtet habe. Sie war untröstlich.
Immer wieder beteuerte sie mir, die Karten hätten
ihr prophezeit, mit dem zwanzigsten Jahre werde sie
glücklich werden mit einem Leutnant. Gestern sei
ihr zwanzigster Geburtstag gewesen. Ihre Karten betrögen
sie nie. Ganz entschieden werde Hubert sie glücklich
machen. Sie liebe ihn von ganzem Herzen.
»Aber Fräulein Nanny,
Sie werden doch unmöglich glauben können,
daß mein Freund . . . Sie wissen wie die ganze
Stadt, daß er verlobt ist und wie glücklich
er lebt . . .«
Die stolze Nanny fing an zu weinen.
Das war für mich das Zeichen, mich zu entfernen.
Während ich mich von ihr verabschiedete,
sah sie mich stumm an. In ihren Augen lag: Ich liebe
Hubert. Er ist verlobt; ich werde ihn seiner Braut abspenstig
machen. Er soll, er wird an meinem Herzen ruhen.
Acht Tage nach diesem Vorfall marschierten
wir zum Manöver aus. Hubert und ich standen bei
derselben Kompagnie.
Gegen Ende der größten
Übungen, als wir eines Tages ins Biwak rückten,
wurde unser Hauptmann durch einen Todesfall in seiner
Familie in die Garnison gerufen. Für den Beurlaubten
führte ich die Kompagnie. Nur Hubert stand außer
mir bei ihr.
Als er und ich uns von den Lagerfeuern
ins Zelt zurückgezogen hatten, lagen wir bald,
in unsre Decken gehüllt, in tiefem, gesundem Schlaf.
Irgend ein Geräusch mußte
mich geweckt haben. Durch eine Spalte im Zelt sah ich
die verglimmenden Holzklötze, um die, in ihre Mäntel
eingewickelt, meine Leute schliefen. Ab und zu klang
es aus der Nähe, als wenn sich zwei, die nicht
schlafen konnten, leise unterhielten. Ab und an klang
es auch wie verhaltenes Lachen, kam ein Klopfen, ein
Scharren, ein Wiehern. In weiter Ferne einmal: »Halt!
Wer da!«
Ich war im Begriff, wieder einzuschlafen,
als ich sah, wie sich Hubert erhob, seinen neben ihm
liegenden Säbel nahm und mit diesem die Verschlußleinwand
etwas auseinanderzerrte. Er sah traurig in die Sterne,
bleich, trostlos, voller Kummer.
»Hubert!« rief ich
leise.
Er drehte sich rasch zu mir: »Ich
dachte, du schliefest.«
»Hubert, komm, sprich dich
aus: Was fehlt dir? Woran trägst du so schwer?«
Der junge Offizier ließ den
Säbel fallen; es wurde dunkel im Zelt. Dann hörte
ich ihn leise weinen und schluchzen.
Ich sprang auf. »Hubert!
Freund! Mensch! Halt ein! Erzähl mir. Wir kennen
uns. Ich will dich trösten. Ich kann dir vielleicht
helfen. Gib mir dein Herz und was dich quält.«
Und was er mir dann, ruhiger werdend,
auseinandersetzte, war ein schweres Geheimnis, war etwas
Trostloses und Aussichtsloses. Daß ich zuerst
schier verzweifelte, einen Ausweg zu finden.
Hubert hatte sich mit allen Fasern,
mit jedem Blutstropfen in die stolze Nanny verliebt.
Er hatte ihr seine Liebe erklärt. Sie hatte an
seinem Halse gehangen, als wenn sie ihn niemals wieder
freigeben werde.
Es dämmerte. Unsre Burschen
waren schon beim Waschen und Kaffeemahlen. Einer von
beiden riß dumme Witze, die von dem andern tüchtig
belacht wurden. Ein junger, pflichteifriger Unteroffizier
ließ seine Korporalschaft antreten. Ein ewig fauchender,
zischender Sergeant meiner Kompagnie, auf den ich sonst
große Stücke hielt, schrie einem, der nicht
wach werden konnte, so mordsmäßig in die
Ohren, daß ich vom Zelt aus wettern mußte:
»Lieber Scognak, nicht so laut, wenn ich bitten
darf.«
Ich fand keine Zeit in dieser Stunde
des angehenden Lärmens, Hubert meinen Rat zu geben.
Ich bat ihn, sich etwas zu gedulden; ich fände
sicher Mittel und Wege, ihm helfen zu können. Und
ich überlegte: Morgen kämen wir wieder in
die Garnison zurück, dann wollte ich ihm meine
Vorschläge machen. Ich wußte nicht recht,
was ich ihm in dieser Minute und auch den ganzen Tag
über, der mich dienstlich durchaus in Anspruch
nahm, weiter sagen sollte.
Hubert gab mir seine Hand.
Als wir am nächsten Tage wieder
in unsre Stadt einmarschiert waren, eilte ich sofort
in die Wohnung Huberts, um ihm meine Pläne, die
ich mir inzwischen zurechtgelegt hatte, zu geben. Ich
hatte außerdem Hubert schon unterwegs dahin verständigt,
daß ich ihn gleich nach unsrer Ankunft aufsuchen
würde. Aber mein Freund war unmittelbar nach dem
Einmarsch mit vierzehntägigem Urlaub, den er sich
schon auf dem Rückweg in die Garnison vom Obersten
erbeten hatte, abgereist.
Es überkamen mich schlimme
Ahnungen. Und nach drei Tagen kannte jeder schon den
traurigen Ausgang seines jungen Lebens.
Wie sich diese Tragödie abgespielt
hat, kann ich nur erzählen nach dem, was davon
bekannt geworden ist, und wie es mir meine Phantasie
eingegeben hat.
Hubert gehörte zu denen, die,
nach dem herrlichen Bibelwort, selig sind, weil sie
reines Herzens sind.
Furchtbar müssen seine inneren
Kämpfe gewesen sein: Die sittenstrenge Seele meines
Freundes, die Treue, die er seiner Braut geschworen,
der Ekel, der Widerwille, den ihm von jeher jeder unlautre
Liebesgedanke einflößte, die rückhaltlose
Verdammung jedes losen Verhältnisses, die Ehre
schließlich, die nach seiner Meinung verloren
ging, wenn er auch nur ein leichtfertiges Wort mit einem
Mädchen gewechselt hätte, das schon andern
gehört hatte – alles das mußte er nun
über den Haufen werfen und geworfen haben, als
er sich mit der stolzen Nanny einließ. Aber er
liebte sie . . .
In Wittenberg stieg, wie verabredet,
die stolze Nanny zu ihm in den Zug. In Hamburg nahmen
sie Zimmer in der »Stadt Stockholm«. »Baron
Salzdalem und Baronin Salzdalem aus Berlin« stand
in der Fremdenliste.
Am Tage schrieb Hubert Briefe,
zum Ärger der stolzen Nanny. Oder er sah sich,
mechanisch, die Bilder an den Wänden an. Nur eines
davon schien er länger ins Auge zu fassen: Nach
Art der berühmten Totenreigen tanzt ein Narr im
Schellengewand mit Schnallenschuhen nach dem Geschmack
des fünfzehnten Jahrhunderts vor einer Reihe einzeln
aufeinanderfolgender Menschen. Er tanzt auf ein großes,
leeres Grab zu, auf das er mit einem Szepter weist.
Ihm folgt der König, der Bischof, der Edelmann
und so fort, wie wir es aus den bekannten Bildern kennen.
Aber ganz zuletzt steht ein dicker, wohlgenährter
Mann im Bürgerwams des sechzehnten Jahrhunderts.
Er will nicht mitspringen. Aus der rechten Hand zählt
er Geld in die linke. Hubert konnte sich das nicht erklären:
Warum tanzt dieser behäbige, äußerst
selbstzufriedene Spießbürger nicht mit den
andern auf das offenstehende Grab zu? Ins Grab muß
er doch auch, wie alle andern . . .
Baron und Baronin Salzdalem aus
Berlin ließen sich das Essen aufs Zimmer bringen.
Abends fuhren sie, zur höchsten Freude der Nanny,
in ein Operettentheater. Es wurde Offenbachs »Schöne
Helena« gespielt. Hubert, dem überhaupt jeder
Sinn für Humor fehlte, haßte Offenbach; er
konnte sich nicht in die Lustigkeit dieser in ihrer
Art klassischen Musik hineinfinden. Nanny unterhielt
sich köstlich. Er saß blaß, traurig
im Hintergrund seiner Loge und sprach kein Wort.
Nach dem Theater, als sie auf ihrem
Zimmer in der »Stadt Stockholm« zu Abend
gegessen hatten, kam es zu einem heftigen Auftritt zwischen
ihnen:
Nanny hatte ihren geliebten Hubert
stürmisch umhalst. Und wohl zum erstenmal in ihrem
Leben hatte ihr Herz in wirklicher Liebe geschlagen,
in wirklicher, alles überwältigender, alle
Hindernisse niederreißender Liebe. Und sie mochte
sich Gedanken überlassen: Hubert für immer
an ihr Herz und in ihr Herz zu ziehen, mit ihm durchs
Leben zu gehen, nur ihm, nur ihm von nun an die Treue
zu wahren.
Aber ein Anfall von rasender Eifersucht
auf die früher Bevorzugten seiner schönen
Begleiterin riß Hubert, riß ihn zu wilden
Ungerechtigkeiten hin. Er peinigte und quälte sie
so mit Vorwürfen, daß das arme, schwer geängstigte
Mädchen zuletzt in Ohnmacht fiel. Hubert trug sie
mit starken Armen aufs Bett. Nanny erwachte, schlief
aber gleich fest ein nach den Anstrengungen des Tages,
nach den letzten schrecklichen Vorkommnissen, nach den
vielen Tränen.
Es war gegen fünf Uhr morgens,
als sich Hubert vom Sofa, wo er in dumpfem Sinnen gesessen
hatte, erhob und auf den Zehen zu seinem geöffneten
Koffer schlich. Er nahm einen geladenen Revolver heraus
und ging mit ihm ans Fenster. Hier prüfte er jede
einzelne Patrone.
Es war in der Morgendämmerung.
Verschlafene Schutzmänner standen an den Ecken,
ein Dienstmädchen, das einem Schlächtergesellen
begegnete und sich mit diesem, stehenbleibend, in ein
langes Gespräch einließ; ein alter Mann mit
vorgebundenem Schurzfell schlurrte auf Pantoffeln vorbei.
Letzte Nachzügler aus lustigen Kneipen segelten
schwerfällig übers Pflaster, Bäckerjungen
pfiffen ein Liedel, eine Nachtdroschke rumpelte im schläfrigsten
Knickebeintrab vorüber: der Insasse bückte
den nickenden Kopf nach vorn. Krähen flogen, immer
einzeln, aber in steter Reihenfolge, gegen Sonnenaufgang
zu; die Flammen der Straßenlaternen wurden abgedreht,
Fabrikarbeiter mit Blechkannen eilten ihres Weges. Kleine,
rosige Wolken im Osten, wie süße, unschuldige
Liebesgötter, zeigten sich . . .
An Hubert zog das alles vorüber
wie ein Schattenzug. Er sah alles und sah nichts.
Es wurde heller.
Langsam ging er ans Bett, auf dem
Nanny, fest schlafend, ausgestreckt lag. Sein Gesicht
war leichenblaß, wie aus Stein gehauen. Sein Arm
hob sich, er zitterte nicht. Er hielt die Waffe an die
rechte Schläfe des ruhig atmenden Mädchens.
Ein Schuß . . . Totenstille.
Dann ging er rasch, die Augen starr,
unbeweglich, zum Sofa. Er setzte sich hinein und lehnte
den Kopf zurück in die rechte Ecke. Ein zweiter
Schuß . . . Totenstille.
Über die Dächer
blitzten die ersten Sonnenstrahlen. Rastlos entwickelte
sich das Straßenleben. Der erste Peitschenknall
des Tages klang aus der Ferne.
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